Wir segeln und wandern durch die Welt

2. Hälfte Atlantik bis La Graciosa – 1400 Seemeilen

Wir segeln gegen den Wind. Geht gut. Die ganze Nacht hindurch und auch noch am Vormittag verschlechtert sich unser Kurs von den gewünschten 190° auf 230°. Man könnte auf den anderen Bug gehen und kreuzen, aber wir erwarten, dass der Wind zurückdreht über Ost bis in den nördlichen Sektor. Dann werden wir den Versatz locker wieder herausholen. Mir geht eine Zeile aus dem Reiseblog unserer Schweizer Freunde nicht aus dem Kopf. Die sind zu Viert mit ihren beiden Buben ( zu der Zeit 7 und 10 Jahre ) insgesamt 8 Monate lang durch Europa geradelt. Tolle Sache ! Ein Artikel über einen besonders anstrengenden Tag trägt die Überschrift : „Gegenwind formt den Charakter.“ 😉 Stimmt, da ist was Wahres dran. Gefällt mir. 🙂
Also wir haben Gegenwind, aber in einer moderaten Stärke und dank der guten Segel-Eigenschaften unseres Langkielers sehr gut auszuhalten. Wir freuen uns darüber, dass wir segeln können, denn die nächste Flaute kommt bestimmt.
Mittags müssen wir uns eingestehen, dass der Plan mit dem Nordwind nicht funktioniert hat. Wir haben uns verfahren. Wenn wir so weitersegeln, dann werden wir auf den Azoren landen. 😉 Wir sind viel zu weit nach Westen verdriftet, dadurch haben wir die nördlichen Winde irgendwie verpasst. Also Wende und zurück …. Unsere Position liegt 30 Seemeilen neben der ursprünglichen Kurslinie. Bei diesem schwachen Wind laufen wir nur 2,5 Knoten pro Stunde, das bedeutet, wir werden theoretisch in 12 Stunden erst wieder in der richtigen Spur sein. Lieber nicht drüber nachdenken, das ist doch etwas frustrierend. Wir streiten uns darüber, wohin wir jetzt steuern sollen. Es ist meine Wache. Ich bin da immer etwas stur und möchte gerne mit dem Kopf durch die Wand, d.h. den Kurs möglichst direkt auf’s Ziel anlegen. Das ist aber meistens nicht so schlau, Thomas ist da viel besonnener und taktisch klüger. Zähneknirschend finden wir einen Kompromiss.
Klüver-Reparatur, die zweite Runde. Die kaputte Naht wird in mühsamer Stichelei fertig genäht, dann kommt noch ein Flicken aus Segeltuch drüber und …. voilá. Fertig. Sieht gut aus und wird wahrscheinlich länger halten als alle anderen Nähte.
Ab 16.00 Uhr weht kein Lüftchen mehr, eine minimale Strömung zieht uns vorwärts. Wir zockeln noch eine Weile mit viel Geduld und 1,5 Knoten pro Stunde dahin. Um 18.00 Uhr reicht es mir, ich starte die Maschine, damit Geschwindigkeit nach oben und der Zähler für die Distanz in Seemeilen nach unten tackern. Eine Stunde später ist ein ungewohntes Geräusch im Motorraum zu vernehmen. Beide sind wir inzwischen so hellhörig, was die normale Geräuschkulisse an Bord angeht, dass sogar Thomas von diesem leisen Klackern wach wird. Er sieht sofort das Problem : Der Keilriemen löst sich auf. Ersatz ist an Bord, das Auswechseln ist nach 10 Minuten erledigt. Kein Grund zur Aufregung.
Gegen 4.00 Uhr früh ist es geschafft. Wir haben den Nordwind gefunden, zunächst nur als leichte Brise. Die stundenlange Arbeit am Klüver hat sich gelohnt. Nun kommt dieses große Tuch gleich zum Einsatz. Großsegel ungerefft, Klüver hoch, der Kurs 160° lässt sich prima anlegen, Steuern übernimmt jetzt wieder die Aries. Mit 4 Knoten sind wir ganz zufrieden, auch die Richtung ist okay. Sind einen großen Umweg gefahren und haben einige Seemeilen in den letzten 24 Stunden verschenkt. Kann mal wieder länger dauern, aber das kennen unsere Segler-Freunde und die Leser dieses Blogs ja schon von der Walkabout. 😉

Schon wieder eine wunderbar friedliche Nacht. Hier und da mal ein großes Schiff auf der Kanaren-Route, aber immer mit viel Platz. Funkelnde Sterne, roter Himmel, Sonnenaufgang. Das scheint langsam zur Gewohnheit zu werden, geht schon seit Tagen so …. 🙂
Die Milch ist sauer. Das ist seit dem Sommer auf Norderney nicht mehr vorgekommen, da wir Viel-Kaffee-Trinker sind. Ein weiteres untrügliches Anzeichen dafür, dass es wärmer geworden ist. Fein. Demnächst gibt es besser Trockenmilch. Langes Funk-Gespräch mit Hans-Jörg und Fidi. Die Beiden wohnen auf Norderney direkt um die Ecke, können also beinahe bis zu unserem Haus schauen, wenn sie einen langen Hals machen. Die Verbindung klappt super, über eine Distanz von mehr als 2500 Kilometern Luftlinie ist das schon eine beachtliche Leistung. Sehr schön. Wir freuen uns, auf diesem Wege Klatsch und Tratsch aus der Heimat zu empfangen. Und natürlich erfahren wir auch, wie das Wetter auf Norderney ist.
Am Nachmittag heißt es dann : Raus aus den Klamotten und Luft an den Körper lassen. Vorne an Deck ist es noch frisch im Fahrtwind, aber im Cockpit und erst recht im Deckshaus kann man es gut aushalten. Bikini-Wetter. 🙂 Endlich mal wieder Sonne auf der Haut, das tut richtig gut. Die Farbe des Atlantiks ist genauso schön wie zu einer besseren Jahreszeit. Blauwasser-Segeln vom Feinsten. 🙂
Seekrankheit ist kein Thema mehr in der zweiten Woche dieser Passage. Tagsüber in der Freiwache können wir nicht mehr schlafen. Wir fühlen uns ausgeruht und voller Energie, als ob die Lebensgeister neu erwacht sind. Vielleicht liegt es auch an der Sonne und daran, dass wir mehr Tageslicht haben. Jetzt kann der Lese-Marathon beginnen ! Die Nachtwachen sind sehr kurzweilig und gehen viel zu schnell um dank der Erfindung des e-books. Tagsüber bevorzugen wir die altmodische Variante, weil wir gerne einen dicken Wälzer aus Papier in Händen halten. Schon vor unserem Start 2011 haben wir unzählige Bücher an Bord der kleinen Walkabout geladen. Über die Jahre sind es immer mehr geworden, die wir dann in Neuseeland fein säuberlich in Kartons verpackt und mit der Spedition verschifft haben. Natürlich bestellt man bei jedem Aufenthalt in Deutschland neue Bücher oder bekommt welche geschenkt. Ich weiß wirklich nicht, wie viele wir an Bord haben, aber es müssen Hunderte sein. Schon seit längerer Zeit freuten wir uns auf die ungestörte Lese-Zeit an Bord. 🙂 Langeweile haben wir nicht. Ankommen ist Nebensache. Wir sind jetzt mehr als 1500 Seemeilen vom Heimathafen entfernt, etwa 500 Seemeilen liegen noch vor uns bis zum Ankerplatz.

Der Nordwind hat Bestand, und das ist gut so. Gleichmäßige 5 Windstärken von schräg achtern, das bringt uns voran und fühlt sich gleichzeitig wie Urlaub an. Aber vor der Freizeit kommt die Arbeit. Wir möchten den Klüver ausgebaumt fahren, dafür ist an Deck noch nichts eingerichtet. An der Reling sind unsere zwei Spinnaker-Bäume festgelascht. Bisher war dafür kein Wetter und keine Gelegenheit, deswegen haben wir diese noch nie benutzt. Entsprechend fest gefressen sind die Halte-Bändsel. Die Karabiner sind ebenfalls in Starre verfallen und lassen sich ohne Schmiere weder öffnen noch schließen. Dann das große Segel enttüddeln, auf die andere Seite bringen, Schoten vom anderen Vorsegel lösen und umhängen. Ein Reserve-Fall dient als Toppnant, dann die Niederholer an den richtigen Stellen befestigen …. Noch mehr Leinen …. Die ganze Aktion, bis der Klüver ausgebaumt in der richtigen Position steht und die Windsteuerung den Kurs hält, hat insgesamt 2 Stunden gedauert. Nun war es ja das erste Mal, und aller Anfang ist schwer. Da fehlt einfach die Routine. Der Wind bläst schön gleichmäßig von achtern ins Segel, die Sonne scheint genau von vorne hindurch – im wahrsten Sinne des Wortes. Und was sehen wir ? Der Klüver, der nach 2-tägiger Näherei erst vorgestern wieder ins Sortiment aufgenommen wurde, hat ganz viele kleine Löcher im Tuch. Der wird dann wohl trotz der sorgfältigen Reparatur nicht mehr ewig halten. Erinnert mich daran, dass wir in Puerto Montt/Chile nach längerer Abwesenheit ein Rattennest im Großsegel hatten. Da haben wir schön gestaunt, als wir das Segel hochgezogen haben und immer mehr kleine Fetzen vom Tuch herausfielen. 😉
Kleine Begebenheit am Rande : Ein Containerschiff bewegt sich schon seit geraumer Zeit immer weiter auf uns zu. Er sieht aus wie ein schwimmendes Hochhaus. Natürlich bemerken wir den Frachter schon lange, bevor er ernsthaft in unsere Nähe kommt und lassen ihn auch während unserer Turnerei auf dem Vordeck nicht aus den Augen. Zwischendurch gehe ich zurück zum Deckshaus, um einen Kontrollblick auf unseren Plotter zu werfen. Der gibt gerade Alarm, als ich ihn erreiche. Das AIS meldet, dass eine Sicherheitsnachricht hinterlegt wurde. Ich blättere durch das Menü und finde auf der zweiten Seite den Sicherheitshinweis mit der MMSR-Nummer des Absenders. Es ist die Identifikations-Nummer von MSC Regina, dem Hochhaus auf dem Wasser. Das ist ja interessant, diese Funktion kannten wir noch gar nicht. Der Frachter ist inzwischen auf 1,5 Seemeilen herangekommen. Wahrscheinlich haben die versucht, uns anzufunken, aber wir haben es nicht gehört, da wir vorne schwer beschäftigt waren. Nein – wir schlafen nicht, wir arbeiten. Thomas meldet sich kurz über Funk bei der MSC Regina, um den Kurs abzuklären. Kein Problem, nette Leute am anderen Ende, man wünscht sich gegenseitig guten Weg und gute Wache.
Wir befinden uns 250 Seemeilen westlich der Straße von Gibraltar. Die Sonne geht jeden Tag eine Viertelstunde später unter. Meeresleuchten !

Der Wind hat etwas abgenommen und kommt beständig aus Nord. Wir segeln mit dem ausgebaumten Klüver auf Kurs 190°. Schön gleichmäßig, etwa 4 Knoten. Einziger Nachteil : das Schiff rollt. Könnte schneller sein – muss aber nicht. Immer noch genießen wir jeden einzelnen Tag auf See. Kein Problem mit dem Speiseplan, kein Problem mit dem nächtlichen Aufstehen. Jeder bekommt in der Regel 2 x 3,5 Stunden Schlaf pro Nacht, völlig ausreichend. Wir sind nach einer langen Passage auf See noch nie strapaziert und übermüdet angekommen. Einzige Ausnahme : Überführung des neuen Bootes nach Norderney. Normalerweise sind wir fit und ausgeruht, wenn wir unser Ziel erreichen. Begierig darauf, endlich wieder zu laufen, denn Bewegung ist das Einzige, was uns fehlt an Bord.
Ab Mittag werden wir immer langsamer. Es weht eine leichte Brise aus Norden, die kaum ausreichend ist zum Segeln. In der Hundekoje liegt eine frei fliegende Fock, die bisher ebenfalls noch nie zum Einsatz gekommen ist. Unsere Idee : Schmetterling mit zwei ausgebaumten Vorsegeln sollte den Wind besser einfangen und uns schneller vorwärts bringen. Aber auch das muss beim ersten Mal gründlich vorbereitet werden. Die Führung der Toppnanten wird erneut geändert, eine Doppelrolle mit dem Kutterstag-Fall hochgezogen, die Karabiner am zweiten Baum brauchen ebenfalls dringend WD40. Es dauert alles seine Zeit. Von 12.00 Uhr bis 14.30 Uhr Arbeiten auf dem Vordeck, dann sind endlich beide Bäume geriggt. Zusätzlich zum ausgebaumten Klüver auf steuerbord fahren wir nun die „neue“ Fock ohne Stagreiter ausgebaumt auf backbord. Noch mehr Leinen ….Mir schwirrt der Kopf von den vielen Möglichkeiten, die es auf diesem Boot beim Segelsetzen gibt. Es erscheint mir alles so viel komplizierter als früher. Für mich sieht die vordere Hälfte der Walkabout aus wie ein Spinnennetz oder bestenfalls wie ein Fischkutter.

Während unserer Aktion an Deck sehen wir in der Ferne ein Gebilde, das ausschaut wie ein sehr langes Containerschiff. Kontrolle auf dem AIS ergibt : Kein Signal im Umkreis von 40 Seemeilen. Dieses riesige Ding vor uns sendet nicht, obwohl es nur noch geschätzte 5 Seemeilen entfernt ist. Warum sollte ein so großer Frachter sein AIS ausstellen ? Außerdem scheint es, als ob sich das Objekt nicht von der Stelle bewegt. Es kommt zwar kontinuierlich näher, aber das liegt daran, dass wir exakt darauf zufahren. Das unbekannte Hindernis befindet sich genau dort, wo auf unserer elektronischen Seekarte ein flacher Fleck eingezeichnet ist, die Gorringe Bank mit 50-200 Meter Wassertiefe. Ankert der da etwa ? Selbst wenn die vor Anker liegen und Mittagsschläfchen halten, so sollte doch die Berufs-Schiffahrt ihr AIS anhaben. Sehr merkwürdig. Langes Rätselraten, was das wohl zu bedeuten hat ? Vielleicht handelt es sich um einen riesigen Schlepper, der bewegungslos abwartet, um im Notfall sofort zur Stelle zu sein. Oder um eine mobile Forschungsstation, die dort wegen der ungewöhnlichen Tiefe ihren Standort bezogen hat. Wir kommen bis auf 2 Seemeilen heran, nun wirkt es fast wie eine kleine Stadt im Wasser. Vielleicht eine relativ neu entstandene Öl-Plattform, die bei uns in der Seekarte noch nicht verzeichnet ist ? Die ungefähre Position wird im Logbuch notiert. Wir müssen unbedingt nachforschen und demnächst im Internet recherchieren.
Abends dann so wenig Wind, den können selbst die zwei ausgebaumten Vorsegel nicht einfangen. Wir eiern herum. Langsam ist weniger das Problem, aber der Kurs ist nur sehr schlecht zu halten. So richtig überzeugt sind wir noch nicht von unserer neuen Segelstellung. Thomas birgt das frei fliegende Segel samt Spinnaker-Baum, während ich mir die erste Runde Schlaf hole. Um Mitternacht raus aus der Koje und mit auf’s Vordeck, um dem Käpt’n bei der Arbeit zu helfen. Der Klüver kommt herunter, der zweite Baum wieder weg, dafür wird nun die Genua auf steuerbord gesetzt. Die steht auch nicht optimal, sondern schlabbert bei dem leichten Hauch von achtern mehr als uns lieb ist. Nach einer weiteren Stunde ist genug ausprobiert, es bringt alles nichts. Mehr können wir gerade nicht verbessern, es bleibt bei Schleichfahrt im Zickzack-Kurs. Etwas mehr Wind würde helfen …. In der Abend-mail von Henning ( bekannt als Kompetenzzentrum Hamburg ) erfahren wir, dass in der Biskaya gerade wieder 35 Knoten aufwärts toben, das sind 8 Windstärken und mehr. Die will ja Keiner haben, wir mögen lieber entspannte Kaffeefahrt. Gut, dass wir da schon vor einer Woche durch sind.
Meeresleuchten – wir ziehen einen Schweif aus Glitzer im Kielwasser hinter uns her.

Ganz leise beginnt es zu wehen. Zunächst laufen wir langsam und gemütlich mit der Genua, knapp 3 Knoten Fahrt, und haben Zeit zum Lesen während der Nachtwache. Thomas hat bereits sein fünftes Buch durch, ich stecke noch im vierten fest. Morgens um 8.00 Uhr sieht es gut aus, kompletter Segelwechsel steht an. Die Genua kommt weg, dafür der Klüver hoch und das ungereffte Groß auf steuerbord. Hah – geht doch ! 🙂 Mit dem richtigen Wind können wir sogar segeln. Der kommt gerade mit ca. 4 Beaufort aus Ost genau halb auf die Seite. Bringt uns konstante 5-6 Knoten Geschwindigkeit, Walkabout läuft wie geschmiert unsere Kurslinie hinunter. Weiter so !
14.00 Uhr Wal-Alarm. Schon von Weitem kann man den Blas erkennen, der schwarze Schatten im Wasser kommt geradewegs auf uns zu geschwommen. Direkt neben unserem Boot taucht er auf und stößt seine Wasser-Fontäne hoch in die Luft. Entfernung vielleicht 10 Meter. Diesmal können wir mehr Details erkennen und tippen auf einen Finnwal. Immer wieder ein tolles Erlebnis. 🙂 Dieser Moment geht leider viel zu schnell vorbei.
Der Nord-Ost hat sich richtig eingeweht. Geschwindigkeit bleibt konstant bei 5-6 Knoten. Walkabout pflügt gleichmäßig durch den Atlantik, das Wasser gurgelt leise an der Bordwand. Herrliches Segeln ! 🙂 Der perfekte Tag.
In etwa 150 Seemeilen Abstand zu unserer linken Seite liegt Afrika. Bei der Planung für diesen Winter-Törn haben wir uns auch mit der Küste Marokkos beschäftigt und Informationen dazu gesammelt. Allerdings haben wir nicht viele Gründe gefunden, warum wir als Segler dort einlaufen sollten. Wenig brauchbare Marinas, dazu einfach und trotzdem teuer, schlechte Infrastruktur, Einklarieren ist in jedem Hafen fällig, außerdem ist noch die Rede von Korruption und Kriminalität. Vielleicht sind das nur Vorurteile oder die Negativ-Erfahrungen von einzelnen Leuten, aber uns zieht es nicht dahin. Auch mögen wir das Hafen-Hopping gar nicht gerne, sondern fahren lieber weite Strecken durch. Wir halten lieber großräumig Abstand zur Küste. Selbst bei schwerem Wetter fühlen wir uns draußen auf See besser aufgehoben. Der Wind soll weiterhin eher zu wenig sein, kein Grund zum Abbrechen. Also wird es nichts mit Marokko, es bleibt bei unserem Direkt-Kurs auf die Kanarischen Inseln.
Heute vor genau 7 Wochen haben wir auf Norderney die Leinen losgemacht. Die Hälfte der Zeit auf See, die andere Hälfte war Frankreich-Urlaub.
Immer noch keine Eile. Obwohl – so langsam freue ich mich auf eine ausgiebige Ganzkörper-Dusche, auch wenn sie auf La Graciosa kalt und draußen ist.

Meeresleuchten, Sternenhimmel. Herrje – was ist das schön ! 🙂 Langsames Dahingleiten durch die Nacht, weit und breit kein anderes Schiff in der Nähe, diese Ruhe, dieser Frieden ….
Blauer Himmel, blaues Meer, Sonne. Und noch immer kein Tropfen Regen, seitdem wir Roscoff verlassen haben. Da müsste man eigentlich Geld für bezahlen.
Gründliche Kontrollrunde an Deck – alles in bester Ordnung. Funk-Date mit Fidi klappt auf Anhieb und mit super Verständigung.
Bulk Denmark, ein Frachter von 300 Meter Länge auf dem Weg von Kolumbien nach Dänemark, ärgert mich. Er kommt von achtern immer näher und macht keine Anstalten, seinen Kurs auch nur um einen Strich zu ändern. Laut AIS wird der Riese in gesunden 1,2 Seemeilen Abstand vorbeiziehen. Trotzdem werde ich leicht nervös. Das Schiff sieht einfach gigantisch groß aus, hat seinen Bug direkt auf uns gerichtet und fährt ziemlich schnell. Das Funkgerät ist an, ich rühre mich nicht vom Kartenplotter weg und beobachte gebannt, wie und wo sich unsere Kurslinien auf dem Bildschirm treffen. Es passt natürlich, der will uns ja auch nicht plattmachen. Trotzdem atme ich auf, als Bulk Denmark endlich hinter uns durchzieht und langsam kleiner wird.
Und noch eine Schiffs-Begegnung am Nachmittag. Uns kommt ein hässlicher Tanker entgegen, der erst gestern in Las Palmas losgefahren ist. Name : Alpine Meadow „Alpenwiese“. 😉 Wer denkt sich bloß so etwas aus ?
Man darf inzwischen ans Ankommen denken und erste Rechnungen anstellen. Schaffen wir es wohl, unsere Ankerbucht vor La Graciosa am Dienstag bei Tageslicht zu erreichen, oder werden wir noch eine weitere Nacht draußen bleiben ? Die spanische Gastlandflagge liegt schon bereit. Heute haben wir die letzten beiden Äpfel gegessen, die letzten Möhren sind in den Eintopf gewandert, unsere Nachtwachen-Cola ist alle.

Es läuft ! Walkabout ist auf der Zielgeraden. Backstag-Brise mit 4 Windstärken aus Nord-Ost, Kurs 200 °, Durchschnitts-Geschwindigkeit 5 Knoten. Alles genau wie bestellt. 🙂
Am Nachmittag segeln wir mit ganz bequemen 6 Knoten, ohne dass wir es richtig merken. Zum Abend hin brist es weiter auf. Während Thomas unten am Kochen ist, klettert die Logge auf 7 Knoten, dann auf 8. Die Genua muss herunter.
Es gibt die letzten Kartoffeln zum Abendessen. Nun liegen nur noch drei einsame Zwiebeln in der Gemüsewanne, sonst ist alles Frische aufgebraucht.
Eine Stunde lang fahren wir etwas ruhiger, dann setzt Thomas den Klüver zum Groß. Scheint eine Weile gut zu passen, immer fein geradeaus auf der Kurslinie.
Um Mitternacht „Land in Sicht“. Naja, nicht wirklich Land, aber eindeutig ein heller Schein am schwarzen Horizont. Das muss Lanzarote sein, aktuell noch in 50 Seemeilen Entfernung. Walkabout macht rauschende Fahrt. Der Klüver ist inzwischen wieder geborgen. Nur mit dem Großsegel halten wir kontinuierlich eine Geschwindigkeit von 6 Knoten. Reicht völlig. Wo ist die Bremse ? Eventuell müssen wir die Segelfläche noch weiter reduzieren, damit wir nicht im Dunkeln zu nahe an die Inseln kommen.

Die ganze Nacht hindurch fliegen wir dem Ziel entgegen. Das ist doch nicht zu fassen ! Fast die ganze Passage über hatten wir zu wenig Wind, und in den letzten 24 Stunden ist die Walkabout außer Rand und Band. Kein Sturm, kein Stress, einfach nur schnell, weil der Wind genau richtig ist.
An Schlaf ist bei mir nicht zu denken, ich fühle mich hellwach. Bei dieser Geschwindigkeit und mit achterlichem Wind rollt das Boot unangenehm hin und her. Wegen der starken Schiffsbewegungen muss man sich in der Seekoje einkeilen, aber das ist viel zu warm. Es klappert mehr als sonst in den Schränken, weil inzwischen Leerräume entstanden sind. Flaschen klirren aneinander, Dosen verrutschen in den Staufächern. Insgesamt ziemlich unruhig im Salon. Aber wahrscheinlich ist es eher meine innere Unruhe, die mich nicht schlafen lässt. Genauso wie das Reisefieber in der letzten Nacht vor dem Start, so sorgt nun auch der bevorstehende Landfall für Aufregung im Kopf.
Bei Tagesanbruch sehen wir ganz deutlich die Silhouetten der nördlichen Kanaren-Inseln voraus. Und wir bekommen noch einmal Besuch. Dutzende von Delfinen begleiten uns das letzte Stück, ein schöner Abschluss dieser Passage. Um 8.30 Uhr wird es hell, die letzten Seemeilen sind angebrochen. Roque Del Este liegt zur linken Seite, die unbewohnte Insel Alegranza mit ihrem Leuchtturm an steuerbord. Beim ersten Mal haben wir La Graciosa von Westen angesteuert, heute nehmen wir die östliche Einfahrt durch die Meerenge Estrecho Del Rio. Die Wassertiefe beträgt 15 Meter, man kann bis auf den Grund sehen. Mit achterlichem Wind segeln wir vorbei am Dorf mit seinen weißgetünchten Häusern, auch vorbei an der Einfahrt zum kleinen Hafen. Unser Ziel ist die schon bekannte Ankerbucht vor der Playa Francesa. Um 12.00 Uhr fällt unser Anker auf 7 Meter Tiefe vor einem weißen Sandstrand. Keine anderen Boote, wir liegen hier ganz alleine. 🙂
Nach 16 Tagen geht ein überwiegend entspannter Törn zu Ende. Sehr schönes Segeln, wenn wir Wind hatten. 😉
Die letzte Etappe von Roscoff bis La Graciosa haben wir eine Distanz von 1400 Seemeilen am Stück zurückgelegt, insgesamt 2030 Seemeilen ab Heimathafen Norderney.

2 Kommentare zu “2. Hälfte Atlantik bis La Graciosa – 1400 Seemeilen

  1. Steinfisch

    Hallo ihr lieben Segler,
    für mich war das wieder eine aufregende Reise. 😀
    Weiße Häuser, blaue Fensterläden und Türen soll es in Caleta del Sebo zu sehen geben.
    Schaut ihr euch diesen Ort auf La Graciosa an?
    Ein Reiseunternehmen lud Leser zu einer Umfrage ein. Man musste verschiedene Fragen zu den Kanaren beantworten. La Gomera wurde für mich bestimmt. Eine Insel für Aussteiger und Wanderer. 😀
    Voriges Jahr setzte ich, im Rahmen einer Schiffsreise, immer mal die Füße auf die einzelnen Inseln der Balearen. Schön war es, aber viel zu kurz!
    Ich finde es toll, so viele Bücher an Bord zu haben. Welche Themen bevorzugt ihr?
    Danke für die Fotos und den Bericht!
    Ich wünsche euch eine wunderschöne Zeit auf den Kanaren, freue mich auf Berichte und Fotos.
    Herzliche Grüße! Ingrid

  2. 871385 Autor des Beitrags

    Hallo Ingrid !

    Gerade lese ich deinen Eintrag von gestern. Heute habe ich zwei Artikel veröffentlicht, und schau mal, was ich über La Graciosa geschrieben und an Bildern eingestellt habe. Ist echt Zufall, nicht von dir abgeschrieben …. 😉 Ja, so sieht es dort aus. Wir waren schon 2011 auf La Graciosa, damals genau dieselben Eindrücke. Gomera kennen wir auch, außerdem El Hierro, Gran Canaria und Teneriffa – alles eher aus Wanderer-Perspektive.
    Bücher …. einfach alles, quer durch den Garten, für die Nachtwachen eher anspruchslose Romane.
    Liebe Grüße von den Walkabouts

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