Bishop ist eine hässliche Stadt, ein Durchgangsort am Highway 395 ohne jeden Charme und Wiedererkennungswert. Nur an einer Stelle ist die Aussicht auf die Berge ganz nett. Überall sind Baustellen. Es stinkt, als ob an der Kanalisation gearbeitet wird. Komische Leute laufen hier herum oder "wohnen" in den Eingängen geschlossener Geschäfte. Egal. Ich verlasse mein Zimmer sowieso nur einmal für den Gang zum Lebensmittel-Laden und zweimal zum Schnellimbiss nebenan. Das Super 8 ist kein Luxushotel, sondern schlicht und einfach. Die Benutzung der Waschmaschine kostet nur 2,- Dollar, Dusche, Internet und Fernseher funktionieren, der Kaffee an der Rezeption schmeckt. Mehr brauche ich nicht am off-day.

Start erst am frühen Nachmittag bei strahlend blauem Himmel. Vor mir kommen Schutzhelme und Spitzhacken in Sicht. Eine Gruppe von Freiwilligen ist gerade dabei, den Trail wieder zu verbessern. Das letzte Gewitter mit Starkregen und Hagel hat seine Spuren hinterlassen. Das Wasser hat sich seinen eigenen Weg gesucht, und der Schlamm hat die Stufen fast unkenntlich gemacht. Die fleißigen Arbeiter legen Steinplatten frei, bauen seitliche Begrenzungen und legen Wassergräben an, damit die nächste Sintflut besser abfließen kann. Ich habe vorgestern bei meinem Abstieg in Gewitter und Hagel eine Spitze vom Stock verloren. Die liegt jetzt hier irgendwo auf dem Bishop Trail Pass. Nicht schlimm, es wird auch so gehen, und irgendwo in Deutschland haben wir Ersatz dafür. Der Rückweg geht immer schneller als der Hinweg. Um 18.00 Uhr stehe ich zum 4. Mal auf dem höchsten Punkt vom Bishop Pass. Letzte Gelegenheit mit Handy-Empfang. Ich nutze das schwache Internet, um den Bericht der letzten Woche auf der Homepage zu veröffentlichen. Danach bin ich raus, vielleicht nur für ein paar Tage, eventuell aber auch eine ganze Woche. Bisher konnte ich mich noch nicht entscheiden, ob ich vor dem finalen Aufstieg zum Mount Whitney einen weiteren Zwischenstopp einlege. Mal sehen, wie es läuft und wie ich mich fühle. Da liegen noch vier weitere hohe Pässe im Weg. Habe gestern und heute Vormittag gerechnet, bis mir der Kopf rauchte, um die verbleibende Distanz genau zu bestimmen. Die Meilenangaben in der App passten überhaupt nicht zu den Zahlen in der Papierkarte. Immer wieder und mit verschiedenen Angaben habe ich versucht, meine letzte Etappe zu planen. Dann plötzlich die Idee, mir mal die Karte vom JMT genauer anzusehen. Wasserdichte Faltkarte von National Geographic, Erscheinungsdatum 2014. Das ist des Rätsels Lösung, denn der PCT sowie auch der JMT werden jedes Jahr länger. Jetzt komme ich endlich auf eine verlässliche Zahl. Demnach habe ich noch 160 Kilometer bis zum Ziel. Vor mir liegt das malerische Tal, in dem es einige gute Stellen zum Zelten gibt. Sauberes Wasser fließt ganz in der Nähe, da bleibe ich doch für die Nacht. Niemand mehr unterwegs, so habe ich es gerne. Stockfinster ist es. Mondlicht gibt es wohl heute nicht. Alles ist wieder trocken und sauber und riecht gut. Fein. Ein Reh kommt vorbei und springt erschrocken davon, als es mich sieht.

Am nächsten Morgen ist das Reh wieder da und diesmal gar nicht scheu. Nette Gesellschaft beim Kaffee. Erst einmal führt mein Weg durch den La Conte Canyon, ziemlich wild und eindrucksvoll. Der blöde Bär-Kanister drückt unangenehm im Rücken. Eigentlich packe ich immer gleich und mit System, aber heute stimmt etwas nicht. Das werde ich jetzt einfach mal ignorieren bis zur nächsten Pause. Ich habe keine Lust, schon wieder anzuhalten und den Rucksack neu zu organisieren. Beim nächsten Stopp wickle ich meine Daunenjacke um die Kanten vom Bär-Kanister und habe damit eine gute Polsterung erreicht. Viele Stunden laufe ich am Kings River entlang. Ein Abzweiger nach Osten, dann folge ich dem Palisade Creek bis zu den Palisade Lakes. Wasser ist also den ganzen Tag über reichlich vorhanden.
Über die Golden Staircase geht es hoch hinauf. Hierbei handelt es sich um eine steile, aus fast 100 künstlich angelegten Serpentinen und Steinstufen bestehende Treppe. Golden ist diese Treppe nicht einmal annähernd, sondern grau in grau. Ich bin wohl zur falschen Tageszeit hier. Wenn die Sonne am späten Nachmittag auf die helle Granitwand trifft, dann sollen die Felsen in goldähnlichen Tönen leuchten.


Nur noch 5 Kilometer bergauf bis zum Mather Pass. Mit 3680 Metern ist das nicht der höchste Pass, aber dieser wird wegen seiner steilen Südflanke besonders gefürchtet. Ich finde, der Mather Pass ist relativ einfach im Aufstieg. Bei Nässe oder Schnee ist natürlich äußerste Vorsicht geboten, auch die Steinschlag-Gefahr sollte man im Sinn haben. Bei guten Bedingungen wie heute ist der Abstieg gar nicht so schlimm, wenn man schwindelfrei ist. Eine ordentliche Spur führt in Serpentinen nach unten, es ist genügend Platz zum Laufen.


Morgens um 6.00 Uhr ist es sehr kalt. Ich habe meine Daunenjacke an und muss mir die Hände am Kaffeebecher wärmen. Höchste Zeit, die dicken Handschuhe griffbereit zu haben. Links liegt der Kings Canyon Nationalpark und auf der rechten Seite die Sequoia Kings Canyon Wilderness. Ein niedliches Rehkitz springt vor mir über den Weg. Noch ganz klein mit Punkten wie Bambi. Keine Mutter in Sicht, aber die wird wohl in der Nähe sein. Totenstill ist es in diesem Wald. Blätter gibt es sowieso keine, aber es bewegt sich auch keine Kiefernnadel und kein trockener Ast. Ich sitze zur Pause auf einem bequemen Felsen und genieße diese Einsamkeit. Beeilen macht überhaupt keinen Sinn. Vor Freitag werde ich die Gipfelbesteigung des Mount Whitney ohnehin nicht schaffen. Von da aus geht es nach Lone Pine, wo dann hoffentlich einige Pakete für mich liegen. Die Post hat Samstag und Sonntag geschlossen, also muss ich wahrscheinlich 3 Nächte im Hotel bleiben und auf Montag 9.30 Uhr warten.

Es sind jetzt nur noch wenige Kilometer bergauf bis zum Pinchot Pass. Dieser ist 3692 Meter hoch, und der Aufstieg führt über steile Serpentinen. Anscheinend bin ich gerade gut in Form, denn der letzte Anstieg ist ohne große Mühe zu bewältigen. Von oben hat man einen weiten Blick auf die alpinen Seen, den Lake Marjorie und die karge Hochwüste der High Sierra. Abends ist mein Gesicht knallrot, die Haut spannt unangenehm. Wieder zu viel Sonne gehabt.

Eine schmale Stahl-Hängebrücke überquert den reißenden Woods Creek. Anfangs bleibt sie stabil, aber in der zweiten Hälfte fängt sie ordentlich an zu schwingen. Es schaukelt wie auf See und macht richtig Spaß. Links vom Trail liegt der Dollar Lake, wo ich eine schöne Pause ohne Insekten genießen kann. Eine weitere Gruppe von Seen folgt, das sind die Rae Lakes. Danach wird es richtig alpin. Ein scharf gezackter Übergang bringt mich über den 3635 Meter hohen Glen Pass. Von oben hat man eine spektakuläre Aussicht über die gesamte Seen-Landschaft. Das haben wir letztes Jahr vermisst, denn da standen wir im dichten Nebel und haben gar nichts gesehen. Der Abstieg läuft wie geschmiert, keine besonderen Schwierigkeiten. Nach wenigen Kilometern komme ich am Abzweiger zum Kearsarge Pass vorbei. Das wäre ein möglicher Weg in den kleinen Ort Independence. Aber ich habe mich dagegen entschieden und werde nicht mehr aussteigen vor dem Mount Whitney. Es würde 28 Kilometer mehr bedeuten. Außerdem zusätzliche 1000 Höhenmeter im Aufstieg auf dem Hinweg sowie nochmal 1000 auf dem Rückweg. Diese Extra-Tour möchte ich so kurz vor dem Ende gar nicht machen. Meistens schaffe ich sowieso mehr, als ich mir vorgenommen habe. Außerdem wird man ganz schnell bequem. Die Lust auf's Weiterlaufen ist nicht so groß, wenn man ein gemütliches Zimmer hat. Ich habe absichtlich für einen Tag weniger Proviant eingekauft, weil ich nicht so viel tragen mag. Passt eigentlich immer, verhungert bin ich noch nicht. Der Wetterbericht hat schließlich den Ausschlag gegeben. Ab Samstag ist Regen in der Vorhersage, das brauche ich nicht auf dem höchsten Gipfel. Vielleicht schaffe ich es ja sogar am Freitag noch vor 16.30 Uhr zur Post. Ich bin so gespannt, ob unser seit Wochen verschollenes Paket inzwischen angekommen ist. Erst danach kann ich die weiteren Schritte planen und organisieren.

Auf einer bequemen Spur geht es nun abwärts in ein Gebiet mit Wiesen und Sumpf. Ein paar Mal über einen Bach hüpfen, dann auf der anderen Seite wieder hinauf. Rauschendes Wasser begleitet mich, denn der Weg führt über zwei Stunden am Bubbs Creek entlang. Nachmittags fühlt es sich so an, als hätte ich bereits mit dem Aufstieg zum Forester Pass begonnen. Während der letzten Pause um 16.00 Uhr kontrolliere ich mit der App. Bis zum Forester Pass sind es insgesamt noch 1000 Höhenmeter bergauf, zu meinem Abendziel am letzten See davor habe ich noch 600 zu tun. Die Taktung ist wieder besser geworden. Durch ein paar Meilen mehr am Tag habe ich es geschafft, dass ich die Aufstiege nicht mehr in der heißen Mittagszeit machen muss. Ohne zu viel Schwitzen werde ich also den Forester Pass am frühen Morgen besteigen. Einige Murmeltiere kreuzen meinen Weg. Alle haben cremefarbenes Fell, vielleicht sind die miteinander verwandt. So langsam kann ich nicht mehr. Die Waden zwicken. Die letzte Stunde schalte ich das Denken aus und arbeite einfach eine Serpentine nach der anderen ab. Um 19.00 Uhr bin ich da. Die Sonne verschwindet gerade hinter den Bergen, und es wird sofort kalt auf über 3600 Metern Höhe. Keine Schmiererei mit der Butter. Die ist so hart, als wenn sie aus dem Kühlschrank kommt. Aus dem Zelt heraus kann ich fette Murmeltiere beim Abendspaziergang beobachten. Keine Menschen, schon lange nicht mehr. Nur eine ganz schmale Mondsichel steht am Himmel. Dafür funkeln unzählige Sterne, so klar und eindrucksvoll wie auf See.

Ich hatte ordentlich Respekt vor den Nacht-Temperaturen in dieser Höhe. Aber mit meinem Zwiebel-Look bin ich bestens ausgerüstet. Stellenweise war es sogar zu warm im Schlafsack. Ich schwitze lieber, als dass ich friere. Nur noch 3 Kilometer bergauf bis zum Forester Pass. Das ist mit über 4000 Metern der höchste echte Gebirgspass auf dem JMT und PCT. Bereits um 9.00 Uhr bin ich oben. Alleine, wie zu erwarten war. Geschmeidiger Abstieg auf gut ausgebautem Trail. Eine breite Spur führt auf einem Felsband abwärts, links die Wand und rechts ein grünes Tal mit glitzernden Bächen. Stellenweise sind sogar Stufen in den Weg eingearbeitet, damit werden die Knie geschont. Ruckzuck geht es in Serpentinen über 900 Meter in die Tiefe. Unten erwartet mich ein sandiger Pfad, der schnurstracks geradeaus nach Süden führt. Wir nannten es den "Highway nach Mexiko". Aber soweit möchte ich ja gar nicht. Ehrlich gesagt weiß ich immer noch nicht, welcher der umgebenden Gipfel der Mount Whitney ist. Ich werde es morgen sehen. Während der Frühstückspause bekomme ich Gesellschaft von einem Murmeltier. Hübsches Tierchen, schwarz-braun mit hellem Kragen. Nein, ich teile meine Kekse nicht.

Es weht eine frische Brise, das fühlt sich sehr angenehm an auf der Haut. Mittags kommen die ersten Bäume in Sicht. Waldboden unter den Füßen, ab und zu ein bisschen Schatten. Auch schön. Weiter geht es bequem in der Ebene bis zum Bighorn Plateau. Zelten ist streng verboten, um die alpine Vegetation nicht zu zerstören. Pause ist erlaubt. Der Wright Creek spendet herrlich klares Wasser. Perfekter Tag ! Grüne Wiesen, Bäche und Seen auf dem nächsten Abschnitt. Wasser ist nach wie vor kein Problem, Zeltplätze gibt es auch genug. Ich komme sehr gut voran. Natürlich geht es irgendwann dann wieder aufwärts. Gar nicht so schlimm, denn bisher habe ich mich noch nicht verausgabt. Riesige Wacholder-Bäume und Kalifornische Kiefern wachsen in großer Anzahl. Dicke Stämme mit der so auffällig schönen Zeichnung. Die Rinde ist tiefbraun, die Ränder sind mit schwarzer Maserung abgesetzt. Hier ist kein Revier mehr für Murmeltiere. Dafür habe ich meinen Spaß an den putzigen Streifenhörnchen, die um mich herumwuseln.


PCT und JMT trennen sich kurz vor dem Mount Whitney. Der Pacific Crest Trail verläuft weiter nach Süden in Richtung Mexiko. Gegen 17.00 Uhr erreiche ich diesen Abzweiger zum Mount Whitney Trail. Ich darf nach Osten abbiegen und befinde mich damit auf dem direkten Weg zum Gipfel. Das war mein Ziel, es ist allerdings noch zu früh zum Aufhören. Ich möchte ein paar Meilen mehr machen und damit etwas vorlegen, weil es morgen anstrengend wird. Beim Whitney Creek wollte ich eigentlich Feierabend machen, aber dort ist das Zelten zur Zeit wegen Renaturierung verboten. Macht ja Sinn, damit sich die stark genutzten Flächen nach ein paar Jahren wieder erholen können. Blöd für den Moment. Aber einer meiner Lieblingssprüche lautet : Was ich heute noch schaffe, das muss ich morgen nicht mehr laufen bzw. aufsteigen. Also weiter.

Camping ist auch am nächsten See nicht erlaubt. Okay, dann muss ich wohl noch 2 Kilometer höher bis zum Guitar Lake. Hört sich nach nicht viel an, aber darin stecken 400 Höhenmeter. Ab jetzt wird es richtig steil. Der Guitar Lake liegt umrahmt von schroffen Felsen und leuchtet in der Sonne. Das wird ein toller Platz für mein Nachtlager. Anscheinend haben andere Leute sich das auch gedacht, denn es stehen mindestens 15 Zelte am See. Eine Gruppe von 6 Zelten, hier und da ein einzelnes, überall laufen Menschen herum. Ich finde zum Glück eine Ecke mit nur einem Nachbarn, welcher ca. 5 Meter entfernt wohnt. Der baut gerade ein imposantes Kamera-Stativ auf, um den Sonnenuntergang festzuhalten. Bestimmt kein JMT-Hiker, denn so etwas schleppt man auf einer längeren Wanderung nicht mit sich herum. Wir werden gefilmt, über uns kreist eine Drohne. Das Essen wird sehr schnell kalt auf 3500 Metern Höhe. Ich habe drei Hosen übereinander an sowie mehrere Oberteile plus Daunenjacke, Handschuhe und Mütze. Zum Glück sieht das Wetter stabil aus. Knapp 30 Kilometer geschafft, das gibt bestimmt einen guten Schlaf. Ist auch nötig, denn morgen habe ich einen harten Tag vor mir.
Der Wecker klingelt ausnahmsweise um 4.00 Uhr in der Frühe. Ich beeile mich mit dem Zusammenpacken und stehe eine Stunde später bereits auf dem Trail. Gerade mit dem ersten Morgenlicht starte ich zum Finale. Bis zum Gipfel habe ich zunächst einmal 1000 Höhenmeter Aufstieg vor mir. Auf den nächsten 16 Kilometern wird es kein Wasser geben, deswegen muss ich einen Liter den Berg hochtragen.

Der Aufstieg ist technisch nicht schwierig, es braucht nur Zeit und langen Atem. Breite Spur, keine Kletterpartien, ich muss nicht einmal die Hände zur Hilfe nehmen. Da ist Mount Katahdin, der Endpunkt auf dem Appalachian Trail, viel anstrengender. Um 9.00 Uhr stehe ich auf dem höchsten Gipfel der zusammenhängenden USA. Mount Whitney ist 4421 Meter hoch. Nur der Denali in Alaska ist noch höher. Das Wetter meint es gut mit mir. Blauer Himmel, Sonnenschein. Warm ist es allerdings nicht hier oben. Die Aussicht nach allen Seiten ist einfach fantastisch. Das ist der schönste Berg, auf dem ich je gestanden habe. Einfach grandios. Ich trage mich ins Gipfel-Register ein. In der entsprechenden Zeile am Ende hinterlasse ich eine unserer bedeutendsten Trail-Weisheiten für die Allgemeinheit. Ein paar Fotos, ein Video, dann setzt mein Fluchtinstinkt ein. Überall sitzen Menschen. Ich höre seltsame Geräusche in der Nähe. Da stehen welche über Sprechfunk miteinander in Verbindung und quatschen ins Gerät. Das reicht, ich mache mich nach einer halben Stunde auf den Rückweg nach unten.






An einer Gabelung laufe ich nicht denselben Weg zurück, weil ich beim Whitney Portal aussteigen möchte. Die Zahlen sind stark reglementiert, aber das Permit dafür habe ich. Es bedeutet einen Umweg von 18 Kilometern, die nicht zum JMT gehören. Offizieller Endpunkt ist der Gipfel des Mount Whitney. Eigentlich hatte ich geglaubt, dass es nun zügig bergab geht. Da haben wir wieder die Sache mit den falschen Erwartungen .... "Ich dachte, wir sind gleich da." Das ist auch einer meiner Aussprüche, über die Thomas sich köstlich amüsieren kann. Auf jeden Fall muss ich die nächste halbe Stunde steil aufsteigen. Erst nach dem Gipfelgrat folgen die berühmten "99 Switchbacks". Gezählt habe ich sie nicht, aber es reicht. Diese Serpentinen bringen mich ganz langsam dem Tal näher. Auf der anderen Seite komme ich am Trail Camp vorbei. Dort stehen schätzungsweise 20 bunte Zelte. Die Wanderer vom JMT müssen den Mount Whitney gar nicht an einem Tag hoch und runter, sondern können auf der einen wie auf der anderen Seite zelten. Damit verkürzt man die Sache auf ungefähr 15 Kilometer. Viele lassen ihr Gepäck im Camp stehen und laufen unbeschwert zum Gipfel. Oder sie lassen Rucksack und Bär-Kanister an einer Abzweigung liegen, um ohne Gewicht aufzusteigen.


Für mich bedeutet dieses Trail Camp : Noch weitere 10 Kilometer bis zum Ende. Ich bin inzwischen ziemlich geschafft. Die Konzentration lässt nach, ist aber nach wie vor wichtig in diesem Geröll. Kein Wunder nach so vielen Stunden auf den Beinen in diesem Gelände. Habe bisher nur zwei kurze Pausen gemacht, weil es mich dem Ende entgegen treibt. Ich muss langsamer laufen und besser aufpassen, damit nicht im finalen Abgang noch etwas passiert. Der Weg zieht sich und will einfach kein Ende nehmen. Irgendwann dann aber doch ( sagt die Erfahrung ). Durchbeißen haben wir gelernt auf unseren Reisen in den letzten 15 Jahren. Auf halben Wege im Abstieg werde ich noch einmal kontrolliert. Zwei junge Frauen in Ranger-Uniform möchten mein Permit sehen. Sie fragen, wo ich letzte Nacht gezeltet habe und wo ich hin möchte. Keine Beanstandungen. Unheimlich nett, da waren die Polizisten bei der ersten Kontrolle viel schroffer. Unterwegs überhole ich eine etwa gleichaltrige Frau und komme nach dem üblichen Höflichkeits-Geschwafel näher mit ihr ins Gespräch. Wenn ich unten warten mag, dann wird sie mich gerne mitnehmen nach Lone Pine. Sie bietet mir sogar ein Bett und eine Dusche in ihrem Doppelzimmer an. Sehr nett. Ich bin eine knappe Stunde vor ihr beim Whitney Portal und werde mit lautem "Hallo" begrüßt von einer Männergruppe, die ich heute mehrmals gesehen habe. Sie feiern gerade und bieten mir ein Bier an. Das trinke ich jetzt besser nicht, weil ich den ganzen Tag über zu wenig Wasser hatte. Sie wollen mir unbedingt einen ausgeben, wir einigen uns schließlich auf eine Dose Cola.

Bin um 16.00 Uhr in Lone Pine, und mein erster Gang führt zur Post. Ich bin total gespannt, was mich da erwartet. Unser Paket ist da ! Zusätzlich ein kleines Päckchen von Jonathan, welches ebenfalls lange Zeit verschollen war. Außerdem kann ich die Lieferung von REI und zwei weitere Sendungen in Empfang nehmen. Ich freue mich riesig. Perfekt ! Ja, und da stehe ich nun draußen vor der Post und habe neben meinem Rucksack einen schweren Karton sowie diverse kleinere Päckchen zu tragen. Insgesamt drei Paar Schuhe, drei Schlafsäcke, einige T-Shirts, Souvenirs und sonstigen Kram mehr. Jetzt muss ich sehen, wie ich mein Gepäck neu organisiert bekomme. Danach geht es zu McDonald's, denn das liegt gerade auf dem Weg. Ich habe riesigen Hunger, da darf man nicht wählerisch sein. Eigentlich hatte ich auf freies WLAN gehofft, was es früher dort immer gab. Fehlanzeige. Ich habe kein Data, die US-Sim ist ausgelaufen, und um Aldi-Talk zu buchen, brauche ich Internet. Meine nächste Aufgabe ist es, das Motel wiederzufinden, in dem wir letztes Jahr abgestiegen sind. Kann ja ohne Internet nicht mit Booking.com suchen und die Preise vergleichen. Es war von Indern geführt, sauber und nett, nicht in der obersten Preisklasse. Ich finde es auf Anhieb. Das freundliche Angebot meiner Fahrerin möchte ich nicht annehmen, ich habe doch viel lieber ein privates Zimmer. Das waren heute "nur" 28 Kilometer vom Guitar Lake über den Gipfel bis zum Mount Whitney Portal, aber die hatten es in sich. Insgesamt 2500 Höhenmeter. Ich glaube, so viel Aufstieg hatte ich noch nie an einem Tag. Freue mich auf Dusche und Bett, mehr passiert heute nicht mehr.
Lone Pine ist ein kleiner Ort am Fuße der Sierra Nevada mit ca. 2000 Einwohnern. Die Fassaden der Häuser vermitteln das Flair einer alten Westernstadt. Hier gibt es noch Saloons und Sattlereien, wenn auch nur für die Touristen. Nette Atmosphäre, hier fühle ich mich wohl.

Die offizielle Länge vom John Muir Trail beträgt 340 Kilometer, ist also eher einer der kurzen Wanderwege in den USA. Plus die Umwege zum Vermilion Valley Resort, über den Bishop Pass in die Stadt und zurück sowie Abstieg zum Mount Whitney Portal habe ich etwas mehr gemacht. Mein JMT war 430 Kilometer lang und ging über 7 hohe Pässe mit insgesamt 28000 Höhenmetern.
Die Hälfte meiner Kleidung kann ich wegschmeißen. Die andere Hälfte ist so schmutzig, dass sie mehrere Wäschen benötigt. Ich frage mich immer, wie die JMT-Hiker es schaffen, so sauber auszusehen. Mein Rucksack ist nach einem Jahr intensiver Benutzung so kaputt, wie noch keiner zuvor war.
Mein Visum läuft Mitte September aus, die Wander-Saison geht zu Ende. Angefangen hat es mit über 700 Kilometern auf dem Arizona Trail, den wir leider verletzungsbedingt abbrechen mussten. Es folgten 6 Wochen, in denen wir mit einem Leihwagen kreuz und quer durch die USA gefahren sind und mehrere Nationalparks besucht haben. Meine persönlichen Highlights waren Chicago und der Besuch bei unserem Freund Jonathan in Minnesota. Mehr als 1000 Kilometer auf dem PCT, leider ohne Thomas. Damit habe ich unsere Lücke vom letzten Jahr geschlossen und durfte mich für die Triple Crown anmelden. Ziel erreicht. Ein weiteres Projekt war der John Muir Trail, den ich innerhalb von knapp 3 Wochen beendet habe. Der Aufstieg zum Mount Whitney war der krönende Abschluss eines wunderbaren Sommers. Was habe ich für ein Glück mit dem Wetter gehabt ! Nur der Bishop Pass war mir nicht wohlgesonnen. Alle anderen Pässe durfte ich bei besten Bedingungen überqueren.
Demnächst beginnt ein neuer Abschnitt. Zunächst einmal werde ich nach Deutschland fliegen. Ich freue mich auf unsere Kinder und Enkelkinder, die ich doch sehr vermisst habe. Bald haben wir wieder ein gemeinsames Leben, und dann wird gesegelt.
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