Durch die Ansel Adams Wilderness führt mein Weg zurück zum JMT. Es geht direkt am Ufer vom McCloud Lake entlang. Dieser See ist viel größer als erwartet. Das Wasser leuchtet grün in der tief stehenden Sonne. Im Aufstieg begleitet mich Donnergrollen. Heute lag die Tages-Höchsttemperatur am Nachmittag bei 41°. Es könnte tatsächlich noch Gewitter geben. Gegen 19.00 Uhr fallen die ersten Regentropfen. Habe bisher noch kein Wasser für den Feierabend genommen. Kochen muss ich aber nicht unbedingt, und ich werde auf den Kaffee morgen früh verzichten. Lieber steuere ich den nächstbesten flachen Platz an und baue schnell das Zelt auf. Keine Sekunde zu früh fertig, denn um 20.00 Uhr fängt es richtig an zu schütten .

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Um 7.30 Uhr bin ich wieder auf dem richtigen Trail, allerdings in der falschen Richtung. Ein nagelneues Holzschild an einer Kreuzung zeigt einen Pfeil zum JMT und PCT. Dem folge ich ein kleines Stückchen, bis ich den Fehler bemerke. Moment mal .... so laufe ich doch wieder zum Red's Meadows Resort. Jede Wurst hat zwei Enden, und jeden Trail kann man von zwei Seiten begehen. Ich kehre um. Die Sonne steht im Osten, und ich bin auf dem Weg nach Süden. So stimmt die Sache wieder. Die Beschilderung und die Angaben der Distanzen sind für die Masse gemacht, die von Süden nach Norden unterwegs ist. Ich laufe entgegengesetzt, also muss ich immer verkehrt herum denken. Vier Bäche überquere ich, ohne Wasser zu nehmen, weil es mir noch zu früh ist für eine Pause. Es geht stetig weiter aufwärts. Die Steinstufen werden höher, es geht ordentlich in die Beine. Das Gelände wird immer trockener. Es sieht so aus wie vor 2-3 Tagen, als ich einen Berg durstig überqueren musste. Ich wandere auf hellem Sand durch eine Landschaft mit weißen Bouldern und kalifornischen Kiefern. Nach zwei Stunden möchte ich den Rucksack absetzen, der doch ein bisschen schwer ist am Anfang einer Etappe. Ich setze mich auf einen Stein und esse einen Schoko-Riegel, der mir hoffentlich ein bisschen Energie gibt. Das Handy ist und bleibt aus. Ich schaue nicht in die App mit den Wassertropfen, sondern auf die Papierkarte. Da kann ich jetzt sehen, dass es die nächsten 8 Kilometer definitiv kein Wasser geben wird. Dumm gelaufen, selber schuld. Also noch knapp zwei Stunden weiter, bis ich den Zufluss vom Duck Lake erreiche. Mittlerweile ist es 11.00 Uhr. Ich habe bereits 15 Kilometer zurückgelegt und mir meinen Kaffee redlich verdient. Streifenhörnchen tummeln sich überall. Die sehen jetzt gar nicht mehr so klein und mager aus wie im Frühjahr.

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Nach der Pause geht es abwärts und immer tiefer, bis in ein grünes Tal hinein. Lange Zeit führt der Trail an einem Fluss entlang. Dann erscheint der Purple Lake auf der linken Seite. Dieser See sieht heute gar nicht blau aus, denn inzwischen sind dichte Wolken aufgezogen. Ein paar Tropfen Regen fallen. Angenehmer als bei 41° in der Hitze zu grillen. Mittags grummelt es zunächst in der Ferne. Das Gewitter kommt näher. Schnell weiter. Ich brauche Wasser und einen einigermaßen geschützten Pausenplatz. Um 14.00 Uhr sehe ich den Lake Virginia. Kleine Verwirrung, als ich unten ankomme, denn es gibt unzählige Pfade in verschiedene Richtungen. Einige davon gehen direkt zum Wasser, andere Spuren führen zu irgendwelchen Zeltplätzen in der Nähe. Ich bleibe auf dem breitesten Weg, bis es mir komisch vorkommt. Eigentlich hatte ich mir gemerkt, dass es um den ersten See rechts herum, dann links herum um den nächsten geht. Jetzt laufe ich am Westufer des Lake Virginia entlang. Das passt nicht. Also muss ich doch mein Handy anstellen und in die App schauen. Verkehrt. Ich kehre wieder um und finde den JMT auf der anderen Seite. Inzwischen ist starker Wind aufgekommen. Es regnet wieder. Voraus sieht es sehr düster aus, da schüttet es kräftig. Ich wappne mich für den Fall, dass es noch mehr gibt. Setze kurz den Rucksack ab, kontrolliere mein Pack-System, verstaue das Handy sicher und ziehe den Regenponcho an. Den wollte ich schon wegschmeißen, weil ich ihn bisher nur zweimal eine halbe Stunde gebraucht habe.

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Der Zulauf des Sees ist breit gefächert. Da muss ich hinüber. Dort liegen Trittsteine, die den Wanderern das Überqueren erleichtern sollen. Aber anscheinend ist der Wasserstand zur Zeit hoch, denn nur etwa jeder dritte Felsen schaut trocken heraus. Das geht nicht ohne nasse Füße. Ich zögere nicht lange, sondern latsche einfach mit Schuhen und Strümpfen durch. Am anderen Ufer finde ich bald eine kleine Baumgruppe, wo ich das Gewitter abwarten möchte. Muss nur noch eben die Wasserflasche füllen, dann schnell raus aus den nassen Sachen und trockene Socken anziehen. Wasserflasche und Knabberzeug neben mir, so kann man es aushalten. Nach einer Stunde ist das Unwetter vorbei, und es wird wieder schön. Inzwischen ist der Sand beinahe weiß und wird immer feiner. Schnee in Sicht auf den Bergen gegenüber. Ein tosender Fluss begleitet mich über viele Stunden. Die High Sierra Route ist einfach fantastisch. Beide haben wir im letzten Jahr festgestellt, dass wir diesen Abschnitt gerne noch einmal erleben möchten. Noch einmal Aufstieg für die letzten zwei Stunden des Tages. Nicht besonders beliebt, aber morgen liegt der nächste Pass vor mir. Da ist es bestimmt nicht verkehrt, dass ich bis zum Abend noch ein bisschen in die Höhe klettere. An einem namenlosen Bach stelle ich mein Zelt auf nasser Walderde auf. Die Wiese ist matschig, das ganze Gebiet etwas sumpfig. Ich bin umzingelt von hohen Gipfeln, Sonne wird es hier kaum geben. Im Wasser schwimmen Fische. Macht aber nichts, die passen nicht durch die Öffnung der Flasche. Eichhörnchen randalieren um mich herum und schimpfen, während ich das Essen zubereite. Die fühlen sich wohl durch meine Anwesenheit gestört. Heute hatte ich ungefähr 30 Entgegenkommer. Es nervt. Alle auf dem JMT, die PCT-Hiker sind durch. War 11 Stunden unterwegs, es fühlt sich an wie Pudding in den Beinen.

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Früh am Morgen ist mein Zelt feucht. Ich hatte eine halbe Tasse Wasser neben dem Zelt stehen. Da treiben nun drei tote Waldameisen drin. Es ist mir ein Rätsel, warum die freiwillig ins Wasser gehen. Schwimmen lernen hat nicht geklappt, die sind alle ertrunken. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, allerdings nur hinter den hohen Bergen. Grandiose Kulisse, aber in diesem Kessel kommt kein Sonnenstrahl an. Das kann dauern, bis die Sachen trocknen, deswegen reibe ich das Zelt nur mit einem Tuch ab und packe mein Zeug zusammen. Möchte den nächsten Pass gerne schaffen, bevor es zu heiß wird.

Zwei Stunden schöner Aufstieg, dabei sehe ich keinen Menschen. An einer Weggabelung entscheide ich mich für die blaue Linie in der App und laufe eine alternative Route. Diese führt über den Goodale Pass zum Lake Thomas Edison. Beides ist neu für mich, und ich möchte nichts verpassen. Die andere Strecke über den Silver Pass kenne ich bereits, weil der JMT dort mit dem PCT zusammen in einer Spur verläuft. Der Goodale Pass Trail ist eindeutig schöner und mit 3350 Metern sogar höher als der Silver Pass. Über eine Stunde mache ich oben Pause und bin ganz alleine in dieser großartigen Natur.

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Weiter unten lockt das Vermilion Valley Resort mit einem kleinen Laden, Restaurant, Steckdosen, Internet und freiem Camping. Abstieg auf gutem Weg, allerdings viel länger als erwartet. Eigentlich dachte ich, dass ich zur Mittagszeit ankomme und hatte mich schon auf eine warme Mahlzeit außer der Reihe gefreut. Aber der Weg zieht sich dahin. Ich folge dem Bear Creek und überquere diesen Fluss etwa ein halbes Dutzend Mal auf Trittsteinen oder Baumstämmen. Dann kommt das Stück, in dem es letztes Jahr gebrannt hat, während wir eine Ebene höher in den Sierras gewandert sind. Damals hatte das Vermilion Valley Resort wegen der Rauchentwicklung vorzeitig geschlossen. Heute sehe ich die Schäden des Feuers, aber auch viel frisches Grün zwischen den schwarz verkohlten Stämmen. Niedrige Kräuter und Bodendecker haben sich bereits ihren Raum zurückerobert.

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Immer weiter schlängelt sich der Pfad in Serpentinen nach unten. Endlich funkelt es blau durch die Bäume, der Lake Thomas Edison ist in greifbarer Nähe. Dieser Stausee entstand 1954 durch den Bau des Vermilion Valley Dam als Teil eines Wasserkraft-Projekts. Ich bin immer noch lange nicht da. Das Resort liegt ganz am äußeren Ende des Sees. Insgesamt laufe ich vom Goodale Pass vier Stunden ohne Pause durch. Um 15.00 Uhr komme ich endlich an. Leider zu spät für ein Mittagessen, das Restaurant hat geschlossen. Ab 17.00 Uhr gibt es erst wieder Küche, aber nur eine vom Chef ausgewählte Mahlzeit. Das ist so gar nicht mein Ding. Keine Wahlmöglichkeit, zu spät, zu teuer und Gruppenzwang. Niemanden gesehen bisher, aber da sitzen sie alle. Ungefähr 20 JMT-Hiker drängeln sich an den Picknicktischen und fachsimpeln über den Trail. Ich kann es nicht mehr hören und halte mich abseits. Wenigstens ist an der Ladestation noch eine Steckdose für mich frei. Ein kostenloser Gruppenplatz wird zum Zelten für PCT und JMT-Hiker angeboten. Hört sich nett an, aber ganz so uneigennützig ist das nicht. Die machen ein Heidengeld mit den vielen Extras drumherum. Eine Dusche kostet 10,- Dollar, die Waschmaschine ebenfalls 10,- Dollar, zwei Stunden Internet 10,- Dollar, 24 Stunden Internet 20,- Dollar, der Shuttle zurück zum Trailhead 10,- Dollar pro Person. Für die Zusendung und Aufbewahrung eines Paketes mit Proviant, was sehr viele Hiker nutzen, werden 40,- Dollar verlangt. Frühstück, Mittagessen und Abendessen sind teuer. Ganz abgesehen davon, dass die sich eine goldene Nase verdienen, weil sie Mondpreise für ein Bier verlangen. Natürlich konsumieren die Wanderer viel, wenn sie "umsonst" über Nacht bleiben dürfen. Ich kann drauf verzichten. Selbst das Internet ist gerade gar nicht so wichtig. Bei Thomas habe ich mich für die nächsten 6-7 Tage abgemeldet, und die Nachrichten kann ich auch in ein paar Tagen noch lesen. Um 17.00 Uhr wird die Glocke geläutet für das gemeinschaftliche Abendessen. Ich mache mich wieder auf den Weg. Der Bus, der die Leute zurück zum Trailhead bringt, fährt um 8.00 Uhr morgens. Angeblich sollen es fünf Meilen sein, aber ich laufe nur eine Stunde über eine breite Sandpiste. Sind dann wohl eher 5 Kilometer für 10,- Dollar. Ein gut ausgebauter Wanderweg führt über die Bearcreek Ridge. Eine Ridge ist immer ganz oben, das bedeutet für mich 2,5 Stunden steil bergauf. Vielleicht ist es auch gar nicht so steil, wie es mir vorkommt, und ich bin einfach nur müde. Das war mal eben der Goodale Pass und 30 Kilometer Umweg ( hin und zurück ) für das Vermilion Valley Resort. Aber es hat sich gelohnt. Ich konnte mir das Gesicht und die Hände gründlich mit Seife waschen und bin meinen Müll losgeworden. Das Handy ist wieder auf 100 %, damit werde ich bis Bishop kommen. Zwei Cola, ein Eis, und eine Dose Bier für den Feierabend geht auch noch mit. Die Stirnlampe habe ich bereits in Griffnähe, falls es heute Abend später wird. Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich mir nicht den Wecker stellen muss, um mit 20 Leuten im Bus zu sitzen und dann eine Polonaise auf die Bearcreek Ridge zu machen. Lieber suche ich mir einen einsamen Platz im Wald. Um 20.00 Uhr ist Feierabend. Es wird schon dunkel, während ich mein Zelt aufbaue. Geht gar nicht gut, der Boden ist zu weich für die Heringe, und wieder sind keine Steine in der Nähe. Zum Schlafen reicht's.

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Mein verschwitztes Hemd, welches ich über Nacht in die Bäume gehängt hatte, ist schwarz von Ameisen. Meine Füße sind zerstochen. Ein Paar Socken ist nicht genug, da stechen die Mossis einfach durch. Gestern bin ich weit gekommen, aber ich muss noch zwei Stunden aufsteigen, bis ich wieder auf dem JMT bin. Die Bearcreek Ridge möchte ich in dieser Richtung nicht noch einmal machen. Furchtbar anstrengend. Ich bin schon fertig, bevor der neue Tag richtig begonnen hat. Kann nur besser werden. Das Gute ist ja, dass ich die Leute, die sich um 8.00 Uhr mit dem Bus zum Trailhead haben bringen lassen, auf jeden Fall hinter mir habe. Heute liegt der Selden Pass vor mir. Der hat 3322 Höhenmeter, aber zunächst geht mein Weg tief hinunter in eine Schlucht, wo der Bear Creek munter fließt. Also erst einmal abwärts, bevor ich wieder aufsteigen muss. Jeden Tag ein neuer Pass, das hält fit und ist die beste Diät. Apropos .... Vorgestern habe ich zum letzten Mal Kartoffelpüree auf dem Trail gegessen. Ich kann das Zeug nicht mehr sehen und werde jetzt umsteigen auf die allseits beliebten Ramen Instantnudeln. Preiswert, leicht, schnell zubereitet. Und sie schmecken eine Weile ganz gut, wenn man abends richtig hungrig ist. Schokolade ist alle. Ich habe noch volle vier Tage vor mir, bevor ich rauskomme. Bewegen muss ich mich schon, sonst reicht der Proviant nicht.

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Reset. Nach einer langen Pause geht es viel besser. Ich liebe hochalpines Gelände. Eine schmale Spur führt über Felsen und dicke Steinplatten immer weiter nach oben. Meine neuen Schuhe von Merrel haben sich bestens bewährt. Super Sohle ! Die haften auf jedem Untergrund, egal ob glatt oder schräg. Keine Blasen, keine Druckstellen. Wieder kommt mir eine Pferde-Karawane entgegen. Diesmal sind es zwei Cowboys mit insgesamt 8 Pferden, davon werden 6 als Lasttiere geführt.

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Die zweite Etappe bringt mich ordentlich weiter. In der Mittagspause um 14.00 Uhr ist der höchste Punkt vom Selden Pass nur noch 5 Kilometer und 300 Höhenmeter entfernt. Für den letzten Rutsch wechsle ich in die kurze Hose. Das wird wohl gehen für die nächsten 2-3 Stunden, ohne die Beine zu verbrennen. Oben herum weiterhin komplett verhüllt mit langärmeligem Hemd, Kappe, Kapuze darüber und dünnen Handschuhen zum Schutz der Hände. Noch einmal Sonnencreme ins Gesicht, Sonnenbrille auf und weiter geht's. Dieser Aufstieg ist das reinste Vergnügen. Der Weg steigt sanft und kontinuierlich an. Es gibt nur wenige Stufen, bei denen man die Beine höher heben muss. Dafür freue ich mich über längere Abschnitte, die beinahe flach verlaufen, gut zum Entspannen und Luftholen. Der schmale Pfad führt dicht am Ufer des Marie Lake entlang. Dort macht gerade eine kleine Karawane Rast. Zwei Reiter, sechs Pferde und drei Hunde. Die letzten Serpentinen sind etwas steiler, da muss man die Zähne zusammenbeißen und durch. Oben angekommen bin ich alleine. Leider kein Handy-Empfang auf dem Selden Pass. Nach einer Weile kommt die Gruppe aus Pferden, Hunden und Menschen dicht an mir vorbei, während ich auf dem Gipfel stehe. Ich kann mich erinnern, dass wir voriges Jahr gesagt haben, dass der Selden Pass eine unserer leichtesten Übungen ist. Bin sehr gespannt auf den Abstieg. Zunächst einmal gibt es viel Geröll. Aber was die Pferde können, das kann ich natürlich auch. Eine halbe Stunde später ändert sich das Bild. Rechts unter mir liegt ein idyllisches Tal mit Bächen und einem See. Der Weg wird immer besser. Auf Waldboden und Sand schlängelt sich der Trail in Serpentinen tiefer. So einen sanften Abstieg aus über 3000 Meter Höhe kann man sich nur öfter wünschen. Leichtes Wandern, ich komme schnell vorwärts. Wunderbar.

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Am Senger Creek gibt es das vorerst letzte Wasser. Dort treffe ich auf drei Leute, die ebenfalls über Nacht bleiben möchten. Ein junges Paar hat sich bereits den größten Zeltplatz reserviert, ein Mann sucht noch. Ich bin zwar gerade voll im Schwung, aber es macht gar keinen Sinn, jetzt weiterzugehen. Die eng gezackte Linie in der Karte verheißt einen heftigen Aufstieg. Kein Wassertropfen und keine Zeltsymbole eingezeichnet. Es ist erst 18.00 Uhr, aber ich war mehr als 11 Stunden unterwegs. Das reicht. Früher Feierabend. Ich steige noch einmal über den Bach und gehe ein Stück zurück, um mir einen Flecken aufzuräumen. Die anderen Zelte sind in Sichtweite zwischen den Bäumen, die Leute sind zum Glück ruhig und stören nicht. Es fing heute sehr schleppend an, aber ich habe mein Ziel erreicht. Bin über den Selden Pass und auf der anderen Seite noch ein ordentliches Stück abgestiegen. Um 20.30 Uhr ist es bereits zappenduster. Im Laufe des Tages habe ich vier Männer überholt, nicht zusammen, sondern einzeln. Es gibt also doch ein paar Wanderer, die in meiner Richtung unterwegs sind. Niemand aus der gestrigen Truppe hat mich von hinten eingeholt. Gut so.

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Ich habe mich völlig versehen. Es geht nicht steil bergauf, sondern die gezackte rote Linie ist ein ellenlanger Abstieg. Allerdings auf schmaler Spur ohne einen Platz zum Zelten und ohne Wasser. Ich muss 1200 Höhenmeter in die Tiefe. Unterwegs passiere ich den Halfway Point vom John Muir Trail. Das ist ein Meilenstein für die Wanderer, denn an dieser Stelle haben sie 170 Kilometer geschafft. Für mich ist diese Zahl nicht so von Bedeutung, weil ich in diesem Sommer bereits 1720 Kilometer auf dem Arizona Trail und dem PCT gelaufen bin, bevor ich überhaupt auf den JMT gestartet bin. Durch meinen Umweg zum Vermilion Valley Resort habe ich mich total aus der Taktung gebracht. Normalerweise hatten wir es immer so eingefädelt, dass wir bereits zum Ende des Tages einen Teil des Aufstiegs in Angriff genommen haben. Dann Zeltplatz auf halben Wege und morgens früh der Rest, bevor es zu heiß wird. Das klappt nun überhaupt nicht mehr. Die nächsten 3-4 Pässe werde ich wahrscheinlich ausgerechnet zur Mittagszeit überqueren.

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Im Piute Canyon begegnet mir ein Familienausflug zu Pferde. Vorne und hinten reitet ein Cowboy, in der Mitte zwei Mädchen mit Mama und Papa. Schön. Ich überhole ein Paar, welches schon aus der Ferne zu hören war. Der Mann hat ein Bären-Glöckchen am Rucksack, welches bei jedem Schritt laut bimmelt. So etwas würde mich ja irre machen. Aber anscheinend wirkt es, bis jetzt sind die Beiden noch nicht vom Bären gefressen worden. Eine Gabelung des Weges irritiert mich. Das muss der Abzweiger zur John Muir Ranch sein, aber es geht in fünf verschiedene Richtungen. Da muss ich doch mal kurz Pause machen und das Handy anstellen, damit mich die App auf die richtige Spur lenkt. Bereits vor 12.00 Uhr habe ich den Piute Pass überschritten. Der ist völlig unspektakulär, da läuft man einfach drüber. Ein bisschen zu viele Steine auf dem Weg. Ich sehe einen Indianer im Schneidersitz unter einem Baum, fünf Pferde neben sich. Die pechschwarzen glatten Haare sind hinten zum Zopf gebunden, eine Trachtenjacke mit wildem Muster hat er an. Vielleicht ist es aber auch ein Mexikaner. Das Beste am Piute Pass ist der rauschende Fluss auf der anderen Seite. Eine Brücke führt hinüber, und darunter ist ein ausgezeichneter Pausenplatz im Schatten.

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Hinter der Brücke beginnt der Kings Canyon Nationalpark. Wieder ein neuer Park mit strengen Regeln. Permit habe ich, das gilt bis zum Mount Whitney, einschließlich Auf- und Abstieg. Der Pfad führt auf einem schmalen Felsband entlang oberhalb einer Schlucht. Rechts fließt ein tosender Fluss durch den Goddard Canyon. Krasser Aufstieg am frühen Nachmittag. Die Hitze ist brutal. Ich steige über schroffe Felsen immer höher auf. Der Schweiß rinnt in die Augen und brennt. Oben weht ein frischer Wind. Links stürzt sich der Evolution Creek in Wasserfällen in die Tiefe. Die Gischt spritzt herüber bis zum Trail.

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Ich komme an eine Stelle, wo das Fjorden bei hohem Wasserstand gefährlich sein soll. Eine Umleitung ist ausgeschildert. Heute kein Problem. Ich ziehe Schuhe und Socken aus und genieße die Abkühlung. Flussabwärts gibt es sogar ein tieferes Becken, was zum erfrischenden Bad einlädt. Am anderen Ufer ist ein schöner Platz, wo wir im letzten Jahr gezeltet haben. Trocknen während der Pause, danach möchte ich noch 10 Kilometer weiter. Vor mir liegen jetzt satte 20 Kilometer bergauf bis zum Muir Pass. Da kann es nicht schaden, heute schon ein bisschen vorzulegen. Ja, wo sind denn die Leute alle ? Ich laufe an mehreren Zelten vorbei, aber mir begegnet keine Menschenseele nach 16.00 Uhr. Ein lustiges Baum-Mikado führt über einen namenlosen Fluss. Klettern und Balancieren sind angesagt, so kommt man trockenen Fußes hinüber. Gegenüber gibt es eine riesige Fläche zum Zelten. Ich sehe dort mehrere Rucksäcke, ein aufgestelltes Zelt sowie einen Mann beim Wasserholen. Nein, danke, ein kleines Stück kann ich noch weiter. Eine Viertelstunde später rinnt allerfeinstes Wasser aus dem Berg. Alle Behälter werden gefüllt, damit klettere ich über die Felsen und auf der anderen Seite den Hang wieder hinunter. Finde dort einen wunderbaren Flecken auf Walderde unter Bäumen mit Aussicht auf einen imposanten Berggipfel. Besser kann man es nicht treffen. Normalerweise sind die letzten zwei Stunden eines Tages immer etwas quälend, aber heute geht es gut. Mich hat der Ehrgeiz gepackt, und so komme ich bis auf 12 Kilometer an den Muir Pass heran. Es fehlen nur noch 700 Höhenmeter. Mein Rucksack fühlt sich angenehm leicht an. Das Essen wird knapp. Der Akku vom Handy ist auch schon wieder leer. Ich darf nicht bummeln.       

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Das erste Drittel der Nacht war etwas fröstelig, bis ich meinen Merino-Pullover übergezogen habe. Danach erholsamer Tiefschlaf bis um 7.00 Uhr. Eigentlich wollte ich mir den Wecker stellen, aber dann dachte ich, dass ich besser auf meinen Körper höre. Der braucht die Ruhephasen, und gut ausgeruht lässt es sich besser aufsteigen. Ungefähr auf halber Strecke komme ich an mehreren Zelten vorbei, die noch nicht einmal abgebaut sind. Die Leute machen gerade ihre Dehn- und Stretch-Übungen, bevor es losgeht. Einige Murmeltiere sind eifrig dabei, frisches Grünzeug zu mampfen. Die sind nicht scheu, anscheinend schon an die Wanderer gewöhnt. Der Aufstieg ist gar nicht so schlimm. Stellenweise steil über hohe Felsstufen, wo man die Beine kräftig anheben muss. Dann wieder verläuft der Weg beinahe flach um klare Bergseen herum. Sehr abwechslungsreich. Mir kommt ein Mann entgegen, der stur nach unten blickt und mich gar nicht sieht. Er hört Nachrichten vom Handy, vielleicht einen Podcast. Manche Menschen können die Stille einfach nicht ertragen und haben überhaupt keinen Blick für die grandiose Natur ringsherum. Vor mir bewegt sich eine schwarze Renn-Natter mit gelben Streifen. Ich wäre beinahe draufgetreten, weil ich ziemlich schnell unterwegs bin. Aber die Schlange ist noch schneller.

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Je höher ich steige, umso mehr Wolken sind am Himmel. Das Wetter ist durchwachsen und unvorhersehbar. Ab 3600 Höhenmetern zieht leichter Nebel auf. Nach 4 Stunden kommt plötzlich die Muir Shelter in Sicht. Das ist ein rundes Haus, eigentlich nur als Schutz im Notfall gedacht, aber auch als Aufenthaltsraum sehr beliebt. Diese Steinhütte ist so gut an die graue Umgebung angepasst, dass man sie erst auf den letzten Metern erkennt. Murmeltiere laufen überall herum und suchen nach Fressbarem. Die lernen natürlich von Geburt an, dass es Nahrung gibt, da wo Menschen Rast machen. Die pelzigen Nagetiere sind so zutraulich, dass sie zu mir kommen und mich herausfordernd anschauen, während ich draußen meine Wasserflasche leere. Drei Männer sitzen in der Hütte, ein Paar kommt gerade von der anderen Seite hoch und möchte sich aufwärmen. Ich mache meinen Aufenthalt kurz, trage mich ins Register ein und beginne sofort mit dem Abstieg.

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Zwei Stunden loses Geröll unter den Füßen. Ich stolpere bergab und brauche lange für den ersten Teil. Dann liegt das Schlimmste hinter mir. Der Trail wird besser, so dass man wieder vernünftig laufen kann. Bin jetzt auf dem Weg zum Abzweiger, über den ich morgen die Zivilisation erreiche.

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In der östlichen Sierra Nevada gibt es freilebende Mustangs, wie zum Beispiel die Montgomery Pass Herde. Sie leben eher in den angrenzenden Ausläufern und Hochebenen als direkt in den hochalpinen Regionen der High Sierra. Ich habe das Glück und kann eine Herde beobachten, welche sich auf einer sattgrünen Wiese wohlfühlt und gelegentlich in einem See abkühlt. Dieses überraschende Schauspiel ist völlig faszinierend. Keine Ahnung, wie lange ich stehengeblieben bin, ich konnte mich kaum lösen von diesen stolzen Pferden.

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Eine halbe Stunde vor dem Bishop Pass Trail fülle ich meine Flaschen an einem Bach. Ich weiß, dass es dort viel Wasser gibt, kann mich aber nicht mehr daran erinnern, ob es zugänglich ist. Von oben kommt mir eine junge Frau in grüner Uniform mit glitzerndem Stern auf der Brust entgegen. Ich bin sehr erstaunt, denn es ist bereits nach 18.00 Uhr. Auf meine Frage, wohin sie unterwegs ist, erzählt sie mir, dass sie auf dem Weg zur Ranger Station ist. Dort ist ein Alarm über Satelliten-Telefon eingegangen. Irgendwo im näheren Umkreis soll ein verletzter Wanderer sein. Ich teile ihr meine Beobachtungen der letzten Stunde mit. Habe viele Leute überholt. Da muss irgendwo ein Nest gewesen sein. Nein, ich glaube eher, dass es sich beim Muir Pass gestaut hat. Ungeübte Wanderer schaffen den Auf- und Abstieg nicht an einem Tag. Ein kleines Stück vor mir ist eine junge Frau beim Überqueren eines Baches ausgerutscht und gestürzt. Ich habe ihr aufgeholfen und ihr Handy aus der Pfütze gefischt. Angeblich ist nichts passiert, außerdem hat der Partner ein paar Meter weiter gewartet. Nur wenig später sind mir zwei Männer aufgefallen, die so getaumelt sind, als ob sie betrunken wären. Was machen die hier in der Wildnis ? So langsam und unsicher kann man doch gar nicht sein. Prompt verliert der jüngere von den Beiden das Gleichgewicht und fällt direkt vor meiner Nase hin. Auch dieser behauptet, dass alles okay ist und steht mühsam wieder auf. Beim Abbiegen zum Bishop Trail Pass habe ich auf dem allerersten Zeltplatz die farbenfrohen Rucksäcke und Bär-Kanister der Männer liegen sehen. Die sind jetzt anscheinend ohne Gepäck in verschiedenen Richtungen unterwegs. Ob sie vielleicht die Ranger Station suchen ?

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Wasserfälle stürzen Hunderte von Metern aus den Bergen. In breiten Kaskaden fließt es über schräge Steinplatten nach unten. Toller Anblick, aber unerreichbar vom Trail. Ich bin froh, dass ich vorgesorgt habe und damit unabhängig bin bei der Wahl meines Nachtlagers. Zwei Liter trage ich nicht lange einen Berg hoch, deswegen nehme ich schon nach einer halben Stunde den ersten Zeltplatz. Der ist sogar richtig schön gerade und weit weg vom Weg. Perfekt. Leichter Nieselregen, deswegen beeile ich mich mit dem Aufbauen. Am letzten Abend, bevor ich in die Stadt komme, kann ich nur eine kleine Portion Nudeln kochen. Ich habe Angst, dass mein Essen nicht fertig wird, wenn ich mehr Wasser benötige. Das Gas ist fast leer. Wie alles. Morgen noch etwa 20 Kilometer, mal eben über den Bishop Pass, das sind zusätzliche 1000 Höhenmeter im Auf und Ab. 

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Am nächsten Morgen schaut ein Reh vorbei und ist gar nicht erstaunt, mich Menschen hier zu sehen. Etwas später kommen zwei Rehe mit einem gepunkteten Kitz. Sie bleiben eine Weile in der Nähe. So niedlich, wie das Kleine auf allen vier Beinen Bocksprünge macht ! Ich höre Hufgetrappel und schaue in Richtung Trail. Da steigen 3 Reiter mit insgesamt 15 Pferden den steilen Hang hinauf. Anscheinend werden die Pferde heute in Bishop gebraucht. Über mir drehen zwei Rettungshubschrauber ihre Runden. Ob die wohl immer noch den Verletzten suchen ? Richtig was los hier am frühen Morgen. Wolken ziehen auf, immer dunkler braut es sich am Himmel zusammen. Um 12.00 Uhr fängt es an zu donnern. Es beginnt mit viel Wind und ein paar Regentropfen. Dauert gar nicht lange, dann ist das Gewitter über mir. Blitz und Donner folgen dicht aufeinander. Regen und Hagel wechseln sich ab. Es wird ungemütlich kalt. Der Bishop Pass ist 3650 Meter hoch. Ich muss zum ersten Mal ein kleines Stück über Schnee und Eis laufen. Kein Problem. Oben habe ich Internet, das weiß ich noch vom letzten Jahr. Ich schaffe es gerade eben, mein Motel zu buchen und eine Standort-Meldung an Thomas zu schicken. Die erste Nachricht seit 6 Tagen. Gestern war sein Geburtstag, ein Bekannter hatte eine schwere Herz-OP und ich kein Internet. Mein Handy zeigt nur noch 5 % an und stirbt. Aber der Ausgang zur Stadt ist nicht mehr weit.

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Auf der anderen Seite hinunter wird eine Schlammschlacht. Immer mehr Wasser sammelt sich auf dem Trail und fließt mit unglaublicher Geschwindigkeit abwärts. Es sammelt sich in Löchern und Rinnen. Die Spur ist nicht mehr zu erkennen. Matschig und rutschig, da möchte man lieber nicht hinfallen. Zu allem Überfluss verlaufe ich mich an einer Gabelung. Ich kann den Weg ja nicht mehr mit dem Handy kontrollieren. Laufe eine halbe Stunde umsonst bei diesem Sauwetter, bevor ich meinen Fehler bemerke und umkehre. So nass und schmutzig war ich schon lange nicht mehr. Um 15.00 Uhr bin ich am Parkplatz und finde schnell einen netten Menschen, der mich mitnimmt bis nach Bishop. Ich muss meine Sachen trocknen, die Ausrüstung reinigen, Wäsche diesmal in der Maschine waschen, planen und einkaufen für die nächste Etappe. Um kurz vor Mitternacht fällt mir ein, dass ich ja mal duschen könnte. Internet morgen. Was für ein Stress. 😂