Der Besitzer des Hotels bringt mich Mittwoch früh für 20,- Dollar zurück zum Trail. Mein letzter Schein. Der einzige Geldautomat im Dorf wollte 8,- Dollar Gebühren für die Abhebung kassieren, damit war ich nicht einverstanden. Jetzt habe ich noch einen Dollar in kleinen Münzen, mehr nicht. Egal, im Wald braucht man kein Bargeld. Bis zum nächsten Einkauf in Burney habe ich 6 Tage geplant und bin erst einmal gut versorgt. Heute liegen 900 Höhenmeter Aufstieg vor mir. Angenehmer Waldweg im Schatten der Bäume. Besser könnte es fast nicht sein. Trotzdem bin ich innerhalb einer halben Stunde nass geschwitzt. Nach 10 Kilometern erreiche ich den Falls Creek, wo gutes Wasser die Felswände herab fließt. Aber da ist leider weit und breit kein Pausenplatz. Das gibt's doch nicht ! Der Weg ist schmal, links der Berg und rechts ein steiler Abhang nach unten. Keine Chance, außer ich setze mich mitten auf den Trail. Dafür ist mir aber inzwischen schon zu viel los. Also trage ich meine gefüllten Flaschen noch ein Stück weiter und steige für die Pause ab ins Durcheinander gefallener Bäume. 

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Von jetzt an folgt eine Strecke ohne Wasserquelle. Ungefähr 16 Kilometer weiter am Yet Atwan Creek soll mein Endziel für den heutigen Tag sein. Wasser und angeblich ein kleiner Zeltplatz daneben. Ich bin gespannt. Immer mal wieder liegen umgestürzte Bäume quer über den Weg. Manche Stämme sind so dick, dass die Oma leichte Schwierigkeiten beim Überklettern hat. Dann muss ich den Rucksack absetzen und auf der anderen Seite herunterlassen, um das Hindernis ohne Gewicht auf dem Rücken zu bezwingen. Bis zur nächsten Pause geht es weiter aufwärts. Ein letzter Blick auf den verschneiten Mount Shasta, dann ist dieser Berg endgültig Vergangenheit.

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Die Girard Ridge ist trocken, hier gibt es definitiv kein Wasser. Einen Liter habe ich mitgebracht für die Halbzeit. Leider stören unzählige kleine Ameisen den Frieden. Sie beißen nicht, aber krabbeln überall. Nach kurzer Zeit ist mein Rucksack beinahe schwarz von Ameisen, die Bauchtasche sitzt voll damit, und ich muss die nervigen Dinger dauernd abstreifen. Habe jetzt den höchsten Punkt überschritten, von jetzt an geht es in Serpentinen bergab. Das Buschwerk wird immer dichter und höher. Rhododendron und Laubbäume kommen von links und rechts näher. Irgendwann ist der Trail völlig zugewachsen. Mit den Stöckern schiebe ich das Grünzeug vor mir an die Seite und versuche, in der Spur zu bleiben. Dieser Abschnitt dauert zum Glück nicht ewig.

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Man hört schon aus der Ferne das Rauschen eines Flusses. Um 19.00 Uhr bin ich am Yet Atwan Creek, der tief in einem Canyon gelegen ist. Ein halber Kilometer Umweg nach Norden, dann über eine Brücke, schon habe ich einen kleinen Flecken auf Sand gefunden. Keiner da. Ich hatte schon befürchtet, dass hier besetzt ist. Der tosende Fluss ist keine 3 Meter entfernt. Eigentlich könnte ich noch weiter, so gut haben sich meine Füße erholt. Der nächste Zeltplatz liegt nur 2,5 Kilometer entfernt, aber dann müsste ich 2 Liter Wasser tragen. Danach steht mir nicht der Sinn. Bin 26 Kilometer gewandert, obwohl ich erst um 10.30 Uhr gestartet bin. Reicht auch. Meine rechte Schulter schmerzt. Immer dieselbe, die habe ich mir heute schon wieder vergurkt. Proviant für 6 Tage ist einfach zu schwer für mich.  Heute waren es 9 PCT-Hiker über den ganzen Tag, die mir entgegengekommen sind.

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Tageslicht und Vogelgezwitscher wecken mich auf. Es ist mild, aber die Sonne scheint noch nicht über die Berge. Ich habe keine Ahnung, wie spät es ist. Meine Uhr ist futsch. Ich hatte sie unterwegs in der Hemdtasche aufbewahrt, aber abends mein Hemd zum Trocknen in die Bäume gehängt. Erstmal Kaffee. Anschließend baue ich das Zelt ab, räume das Lager auf, packe meinen Rucksack. Futterbeutel nicht vergessen ! Der hängt noch im Baum. Die Uhr liegt im Sand zwischen Steinen. Es ist 6.30 Uhr. Gut. Wenn ich so früh losgehe, dann schaffe ich wahrscheinlich mehr als ich mir für den heutigen Tag vorgenommen habe. Ein halber Kilometer Umweg zurück zum Trail, für diesen tollen Platz hat es sich gelohnt.

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Aus dem Canyon heraus geht es erst einmal kräftig bergauf. Das erste Wasser fließt am Through Creek schon nach 5 Kilometern über den Weg. Noch zu früh für eine Pause. Es gibt sowieso keinen Platz zum Sitzen. Ich nehme einen Liter mit, denn der nächste Bach ist weitere 14 Kilometer entfernt. Damit kann ich die trockene Distanz halbieren. Bis um 8.30 Uhr begegnen mir schon 5 PCT-Hiker. Alle von vorne auf dem Weg nach Kanada. Die sehe ich nie wieder. Tatsächlich finde ich einen guten Pausenplatz ungefähr in der Mitte. Danach geht es auf ordentlichem Waldweg weiter. Manchmal sind ein paar Baum-Hindernisse im Weg, die etwas aufhalten, aber ansonsten lässt es sich prima wandern. Keine Aussicht zu irgendeiner Seite, nur ein schmaler Pfad zwischen hohen Bäumen. Nicht spektakulär, eigentlich schon ein bisschen langweilig. Das ist aber auch mal ganz schön. Es sind schnelle Meilen.

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Kurz vor der Mittagsrast sehe ich ein braunes Fellbündel über den Weg queren. Ich denke zunächst an einen großen Hund oder eine Raubkatze, aber es ist ein Bär. Wahrscheinlich ein Heranwachsender, mittelgroß mit hellbraunem Fell. Leider kann ich nicht sofort ein Foto aus der Nähe schießen, weil mein Handy aus ist. Bis es angestellt und hochgefahren ist, das dauert eine Weile. Als ich näher komme, da legt der Bär einen Gang zu und klettert seitlich die Böschung hoch. Kein bisschen aufgeregt, er stöbert einfach ein paar Meter oberhalb im Laub herum. Bär entspannt, ich bin es auch. Der tut mir nichts. Etwas später stehen zwei Rehe vor mir. Die sind viel aufgeregter und rennen in Windeseile den Hügel hinauf. Es gibt also doch ein paar größere Tiere hier. 

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Mittagspause am Fitzhugh Gulch, wo ich Wasser und einen Zeltplatz mit Sitzhocker finde. Schon 19 Kilometer und 700 Höhenmeter Aufstieg geschafft. Am Nachmittag bin ich bereits so hoch, dass mich die Sonne voll erwischt. Es ist unfassbar heiß. Schon nach einer halben Stunde könnte ich wieder Pause machen und mich irgendwo im Schatten unter die Bäume legen. Unter mir donnert der McCloud River in der Schlucht. Mehrmals steige ich ab, überquere den Strom auf Trittsteinen und steige auf der anderen Seite wieder auf. Schwitzend kämpfe ich mich den nächsten Berg hoch. Da steht eine kleine Ami-Flagge, und daneben ein Pappteller mit dem Hinweis "Trail Magic". Zuerst laufe ich ein paar Schritte weiter, aber der Gedanke an ein kaltes Getränk und Extra-Essen lässt mich umkehren. Ich bin früh dran, bin heute schon viel gelaufen.

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Da unten ist ein Parkplatz mit Pit-Toilette, davor ein weißer Subaru. Dort stehen Tische, Campingstühle und einige große Kühlboxen. Vielversprechend. Ein Mann sitzt ganz alleine auf einem Stuhl und wartet anscheinend darauf, dass etwas passiert. Er kommt aus der Nähe von Portland, ist um 2.00 Uhr in der Nacht aufgestanden und 1200 Kilometer gefahren, um hier am langen Wochenende die Trail Magic aufzubauen. Es ist Memorial Day, einer der höchsten Feiertage in den USA. Die Natur-Liebhaber unter den Amis sind unterwegs zum Campen, Wandern und Fischen. Seit Mittag sitzt der Typ hier, jetzt ist es 15.00 Uhr, und ich bin sein erster Gast. Zunächst einmal bekomme ich eine kalte Cola in die Hand gedrückt. Das Angebot an Essen ist groß. Ich entscheide mich für frische Früchte. Erdbeeren und Brombeeren schmecken himmlisch. Bald kommt ein weiterer Hiker den Berg herunter und gesellt sich zu uns. Trail Name "Beaver". Ich bin froh, dass ich die Unterhaltung nicht länger alleine bestreiten muss. Beaver ist schon den AT und den Florida Trail gelaufen, aktuell auf dem PCT. Nächstes Jahr möchte er nach Neuseeland zum Te Araroa. Unser Gastgeber trägt die Triple Crown. Der hat schon AT, PCT und CDT komplett durchwandert, außerdem kennt er Teile des Florida Trails. Gesprächsthemen gibt es also genug. Nach einer Stunde ziehe ich die Schuhe aus. Könnte länger dauern. Es gibt ein weiteres kaltes Getränk und Tacos dazu. Erst um 17.30 Uhr verabschiede ich mich. Die Beiden wollten mir wohl ein bisschen Angst machen oder mich zum Bleiben überreden. Ab 18.00 Uhr sollte der Grill angeschmissen werden, aber ich habe keine Lust, mein Zelt hier aufzuschlagen und den Abend in Gesellschaft zu beenden. Angeblich habe ich jetzt einen furchtbar steilen Anstieg vor mir. Naja, mal sehen, das kann eigentlich gar nicht sein. Es sind ja nur noch 350 Höhenmeter Aufstieg. In einer Stunde bin ich oben. Viele Worte um nichts, es war halb so schlimm.

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Eine hübsche Schlange liegt direkt vor meinen Füßen und wärmt sich in der Sonne. Das ist eine Gophernatter, ein harmloses Exemplar, wie unschwer an der Form des Kopfes und den Augen zu erkennen ist. Ich knipse ein paar Bilder und laufe drum herum. Kurz drauf steht ein Reh mitten auf dem Trail. Komische Haltung, es hat die Vorderbeine gekreuzt. Leider bleibt es nicht lange genug für ein Foto in dieser Position, sondern verschwindet seitlich in die Büsche.

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Um 19.00 Uhr erreiche ich den Butcherknife Creek und packe volle Ladung Wasser auf. Eine Viertelstunde später finde ich meinen Zeltplatz. Niemand in der Nähe, und es kommt auch keiner mehr vorbei. Sehr schön. Bilanz von heute : 10 PCT-Hiker, ein Bär, drei Rehe, eine Schlange und Trail Magic. Bin 30 Kilometer weiter bei 1200 Höhenmetern Aufstieg. So ganz langweilig war der Tag dann doch nicht.

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Gestern Abend knisterte und knackte es zwischen den Bäumen. Leichte Schritte stapften ums Zelt herum. Das war kein Bär, wahrscheinlich eher ein freundliches Reh. Während der Nacht hat sich irgendein Nagetier an meinem Toilettenpapier zu schaffen gemacht, welches draußen vor dem Zelt lag. An meiner Plastikschüssel kleben zwei kleine Nacktschnecken. Ich liebe dieses Leben im Wald ! Mein Schlaf war auf jeden Fall sehr gut und erholsam. Spinnweben am Morgen. Ich bin anscheinend die Erste auf dem Weg und habe dauernd die Fäden im Gesicht hängen. Der Trail wird schlechter, genau wie vorhergesagt. Immer mehr zugewachsene Passagen, wo ich mich durch dichtes Grünzeug kämpfen muss. Dicke Baumstämme blockieren den Durchgang. Balancieren und Klettern hält auf. An der Deer Spring bekomme ich mein Wasser für die erste Pause. Ein sauberer Bach mit schönem Platz zum Sitzen gleich nebenan. Nur die Moskitos nerven. Das ist ziemlich unentspannt. Ich breche bald wieder auf und esse während des Laufens.

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In 6 Kilometern kommt die Cold Creek Spring und ein Abzweiger. Ab hier gilt eine offizielle Warnung der PCT Organisation. Der Trail ist in sehr schlechtem Zustand und teilweise gar nicht mehr vorhanden. Man muss sich den Weg irgendwie selber suchen oder alternativ auf die Forststraße ausweichen. Beaver von der Trail Magic sagte gestern : "Das hat System. Wenn die eine Warnung ausgeben und den Weg über die Straße empfehlen, dann müssen sie sich gar nicht mehr um die Instandhaltung dieses Abschnittes vom PCT kümmern." Nicht nett, aber es klingt logisch. Beaver arbeitet in Tennessee für die Trail Maintenance und weiß, wovon er spricht. Das bedeutet, er läuft den Trail regelmäßig ab und legt Hand an, wo es nötig ist. Für die Strecken, wo die Schäden zu schlimm sind, wird ein Aufräum-Kommando bestellt. Straße kommt für mich nicht in Frage. Ich bin ja nicht auf dem Florida Trail. Ich möchte auf dem PCT wandern und schlage mich durch's Gebüsch.

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Am Nachmittag lichtet sich die Szenerie kurz. Ein grünes Tal öffnet sich zur rechten Seite. Eine breite Schneise wurde in den Wald geschlagen für das Verlegen von Strom. Zeichen der Zivilisation. Eine Spur aus Geröll führt um die Hänge entlang. Keine Bäume mehr, kein Schatten. Ich brate in der Sonne. Der Schweiß fließt in Strömen. Aber nach langer Zeit gibt es endlich wieder fantastische Aussicht. In der Ferne leuchtet eine hohe Bergkette mit Schneegipfeln. Das sind die Sierras, da möchte ich hin. Ringsum blühen bunte Wiesenblümchen, soweit das Auge reicht. 

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Leider dauert dieser Zauber nicht lange, und ich tauche wieder ein ins Dickicht. Wurzeln und Zweige halten mich fest und bringen mich zum Straucheln. Ich kann das Gleichgewicht nicht mehr halten und falle seitwärts in die Sträucher. Der Länge nach kann man nicht sagen, denn das geht ja gar nicht. Die Zweige und das hohe Kraut dämpfen meinen Sturz. Nur mein Rucksack zieht mich wie ein Magnet nach unten. Abschnallen, damit ich mich wieder aufrichten kann. Es ist nichts passiert, ich habe mir überhaupt nicht wehgetan. Bin nur froh, dass es keine Dornen waren. Ich kämpfe weiter. Ungefähr 20 Kilometer soll dieser Spaß hier dauern.

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Am Cold Creek möchte ich mein nächstes Wasser holen und vorsichtshalber einen Liter mitnehmen. Wenn der PCT voraus so zerstört ist, wie die Leute behaupten, dann kann man sich nicht sicher sein bezüglich der Wasserquellen. Der Bach ist leider weit weg vom Trail. Ich bin schon am Abzweiger vorbei und muss kehrtmachen. Meinen Rucksack lasse ich oben stehen und suche ohne Gepäck. Gute Entscheidung, denn es geht einen halben Kilometer in die andere Richtung und dann tief nach unten bis zum Cold Creek. Der ist nur noch ein müdes Rinnsal, aber mit viel Geduld bekomme ich meine Flaschen gefüllt. Richtig gemacht, denn für den Rest des Tages gibt es keinen Tropfen Wasser extra. Ich steige in die Lone Pine Ridge auf. Der Weg ist einigermaßen gut zu laufen. Das Kraut ist zwar dicht, aber auf über 2000 Metern Höhe deutlich niedriger. Auch die Baumstämme zum Überklettern sind weniger dick. Wunderschön ist es hier oben. Einen Liter trinke ich während der nächsten Pause. Habe noch eine halbe Flasche zum Trinken. Kochen würde ich natürlich auch gerne am Abend, und morgens brauche ich meinen Kaffee. Dafür muss ich bis zum Moosehead Creek laufen, und das ist noch weit. Gegen 20.00 Uhr bin ich da und fülle Wasser auf. Gleich dahinter gibt es einen Campingplatz. So ein Mist - da steht schon ein kleines Zelt. Alles zu, nichts rührt sich. Es wäre sicher noch Platz für drei weitere Zelte, aber ich bin ungesellig und marschiere mit 2 Flaschen Wasser in der Hand weiter. Wird sich schon bald etwas anderes finden .... Aber nein. Das Gelände ist total schräg und der Boden dicht mit Totholz bedeckt. Das kann man nicht mal eben aufräumen, und schief bleibt es dann trotzdem noch. Also weiter. Das gibt gute Meilen am Ende des Tages.

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Um 21.00 Uhr finde ich eine halbwegs geeignete Stelle. Baue mein Zelt in einer winzigen Nische direkt neben dem Trail auf, die Abspannleine stört ein bisschen auf dem Weg. Niemand wird heute noch kommen. Außerdem laufen Hiker, die in der Dunkelheit unterwegs sind, immer mit Lampe und passen bei jedem Schritt auf. Meine Güte, was ist das hier dunkel ! Stockschwarze Nacht im Wald.  13 entgegenkommende PCT-Hiker und  2 Zelte im Ruhemodus habe ich abends passiert, das macht dann wohl heute 15. Bei 1500 Höhenmetern Aufstieg habe ich 33 Kilometer geschafft. Das war mir gar nicht so sehr aufgefallen, aber anstrengend war es auf jeden Fall. Bettruhe erst um 22.30 Uhr. Dritter Tag, und mein Handy-Akku ist fast leer. Einmal kann ich es mit der Powerbank aufladen. Ich muss Strom sparen.

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Früh aufgestanden und Kaffee, bevor die Moskitos aufwachen. Habe während der Nacht befürchtet, dass ein Reh über meine Abspannung stolpert, die mit dem Vorzelt bis in die Mitte des Weges ragte. Also mit dem ersten Tageslicht raus und schnell das Feld geräumt. Ich frühstücke während des Laufens, eine Tüte Kekse in der Hand. Oreo kaufe ich nie wieder zum Mitnehmen, die sind viel zu schwer. Bereits vor 6 Uhr kommt mir eine 3-er-Gruppe entgegen. Bis 8.00 Uhr sind es schon 10 Leute. Die haben den Trail in Richtung Süden von Spinnweben befreit. Einige warnen mich vor dem Teil, der nun vor mir liegt. "Bushwacking" - ohne sichtbaren Trail durch die Büsche. Tatsächlich ist der nächste Abschnitt eine Katastrophe. Zu viel grün und total zugewachsen. Zweimal verliere ich die Spur und muss mein Handy anstellen, um die rote Linie wiederzufinden. Mannshohe Sträucher und harter Rhododendron haben den Trail erobert. Ich bin gut gekleidet und komme mit nur einem Kratzer am Arm davon. Lange Hose, langärmeliges Hemd mit Kapuze und Handschuhe. Die jungen Leute sind überwiegend nur mit kurzer Shorts bekleidet. Das ist ja gar nichts für mich in diesem Gelände. Dafür ist mir meine heile Haut zu kostbar. Viel zu viel Angst vor Kratzern, und viel zu viel Angst vor Mückenstichen.

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Ein Extra-Kilometer über Schotterstraße führt zur Kosk Spring. Das erste Wasser nach 10 Kilometern und Pause am Wegesrand. Ich glaube, jetzt habe ich das Schlimmste hinter mir. Der Trail kann nur besser werden, und der Tag ist noch lang. Ich steige bergauf ins Ungewisse. Es ist noch nicht vorbei. Weitere 2-3 Stunden "bushwacking" und Baum-Mikado. Alle Entgegenkommer stöhnen und fluchen. Ich finde das nur halb so schlimm, und es hält viel weniger auf, als ich dachte. Beide Stöcker voraus, eine Hand zum Schutz vor's Gesicht und durch. Irgendwann muss doch diese verwilderte Strecke von 20 Kilometern vorbei sein. 

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Den Abzweiger zum Clark Creek habe ich glatt verpasst, bin einfach dran vorbei. Aber ich brauche unbedingt Wasser. In der App sehe ich einen hellblauen Flecken nicht allzu weit entfernt. Keine Beschreibung und keine Kommentare dazu, aber das wird wohl ein kleiner Teich sein. Der muss doch irgendwie zu erreichen sein. Ein Pfad ist nicht zu erkennen, aber trotzdem versuche ich es. Muss mich dafür durch hohes Farnkraut schlagen, aber das ist nicht anders als gestern und heute früh durch's Gebüsch. Die Füße werden nass, der Boden ist sumpfig. Gutes Zeichen, ich nähere mich dem Wasser. Da ist tatsächlich ein winziger Teich mit schlammigem Grund. Und der hat sogar einen Namen : Red Mountain Pond. Pause.

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Peavin Creek ist mein nächstes Ziel. Total versteckt unter dichtem Grün. Man muss durch zwei lehmige Schluchten klettern, um Zugang zum Bach zu bekommen. Komplizierter Weg, aber wunderbares Wasser. Es kommt noch besser, denn gleich daneben gibt es einen Pausenplatz im Schatten. Hier wird gekocht. Es ist zwar erst 16.00 Uhr, aber ich habe Hunger. Einige Moskitos schwirren um mich herum, jedoch könnte die Plage heute Abend noch größer sein. Leider bleibe ich nicht ungestört. Während der Zeit, in der ich dort sitze, steigen 5 Leute zum Peavin Creek ab. Alle wollen nur das Eine : Wasser.

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Der Rest des Nachmittags ist einfach. Keine nennenswerten Steigungen, nur vereinzelte Baumstämme auf dem Weg und einige kurze Passagen mit Dickicht. Zum Ende folgt dann doch noch ein steiler Abstieg zum Screwdriver Creek. Dummerweise nehme ich meinen Rucksack mit, weil ich gelesen habe, dass es ringsherum einige Zeltplätze geben soll. Pustekuchen - am Bach mal ganz bestimmt nicht. Also ächze ich mit vollem Gepäck plus 2 Litern Wasser wieder hoch, um mir dort irgendwo einen Platz zu suchen. Die Waden zwicken. Auch oben gibt es keinen Platz zum Campen. Habe keine Lust, noch lange weiterzulaufen. Rechts unten sehe ich einen mit Laub bedeckten Absatz im Hang. Steige hinunter und finde einen sehr knappen Flecken, den ich mir aber erst aufräumen muss. Laub, Äste, Tannenzapfen und Steine werden an die Seite geschoben, das Ganze ein bisschen begradigt und passt. Wie gut, dass ich nur so ein Mini-Zelt habe. Heute waren es insgesamt 23 PCT-Hiker. Es werden jeden Tag mehr. Niemand von hinten bisher. Anscheinend bin ich ganz alleine von Norden nach Süden unterwegs. 30 Kilometer weiter. Morgen geht es zu den Wasserfällen.

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Ein Reh zur Begrüßung, als ich aus dem Zelt komme. Spinnweben quer über dem Trail. Kurz nach Verlassen meines Nachtlagers ist der PCT wie ausgewechselt. Das war zu erwarten, denn ich nähere mich den Burney Falls. Im State Park wird der Weg gehegt und gepflegt für die Besucher. Es ist also mehr oder weniger ein leichter Spaziergang. Ich komme schnell vorwärts. Fette Eichhörnchen turnen durch's Gelände. Auch die Eidechsen scheinen hier dicker zu sein als anderswo. Wahrscheinlich werden sie von den Besuchern gut gefüttert. Dabei lernen es schon die kleinen Pfadfinder in den USA : "Never feed animals !" Menschenessen ist nicht gut für Wildtiere. Bereits nach 5 Kilometern donnert der erste Wasserfall in die Tiefe. Das sind die Rock Creek Falls. Man bekommt sie nur kurz seitlich zu sehen, denn der PCT führt über eine kunstvoll geschmiedete Brücke auf die andere Seite des Flusses.

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Gewaltige Stromleitungen kommen in Sicht. Die Drähte glitzern in der Sonne, und man hört die Elektrizität knistern. Der Trail führt weiter über einen asphaltierten Damm und ein Stück um den Lake Britton herum. Ich muss überhaupt keine Pause machen, wenn zur Mittagszeit ein Laden mit Snacks und kalten Getränken lockt. Laufe also stramm 16 Kilometer durch bis zu einem verlassenen Campingplatz. Kein Ranger anwesend, keine Gebühren-Station zum Registrieren und Bezahlen. Aber es gibt Picknicktische, Wasser, Toilette und Mülleimer. Coole Sache. Aber wo bin ich hier ? Schmeiße das Handy an und schaue in die App, um meinen Standort zu lokalisieren. Tatsächlich bin ich schon zu weit, ich habe den Abzweiger zu den Burney Falls gar nicht gesehen. Zu schnell gewesen und nicht aufmerksam genug. Ich setze mich kurz, trinke einen Liter Wasser und kehre dann um. Etwas grummelnd, denn wer läuft schon gerne zurück ? Aber es hat sich total gelohnt.

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Eine breite Wand aus Wasser stürzt sich über den mit Farn überwucherten Felsen 40 Meter in die Tiefe. Hin und wieder zeichnet sich ein Regenbogen in den Nebel. Die Temperatur im Becken steigt selten über 5 °, wie man auf einer Info-Tafel lesen kann. Um 13.00 Uhr bin ich beim Visitor Center, wo es außen eine Ladestation gibt. Dort hänge ich meine Powerbank an die Steckdose und gehe ein Stück weiter zum Shop. Zwei Cola und zwei Soft-Eis ( das Stück für 5,50 $ ) zum Mittagessen. Köstlich. Lasse meine Elektronik weiter unbeaufsichtigt und steige hinab zu den Wasserfällen. Die sind ihren Namen wirklich wert, es ist ein tolles Natur-Spektakel ! Aber das denken sich natürlich noch mehr Leute. Es ist Wochenende, Independence Day und wunderbares Wetter. Der Independence Day ist der Nationalfeiertag der Vereinigten Staaten von Amerika. Er wird immer am 4. Juli begangen. Dieses Jahr kommt noch eine Besonderheit hinzu. Am 4. Juli 2026 feiert die USA den 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung. Also Menschen-Alarm bei den Burney Falls. Trotzdem halte ich mich volle drei Stunden im State Park auf, kann meine Geräte zur Hälfte laden und habe hier zum ersten Mal seit 5 Tagen Internet. Eilig habe ich es nicht, denn es sind nur noch 13 Kilometer bis zum Highway 299, von wo ich nach Burney trampen möchte. Einen Liter Wasser nehme ich mit und zelte unterwegs irgendwo, damit ich morgen früh in der Stadt bin.

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Schon um 9.00 Uhr stehe ich an der Straße und warte, gnadenlos der Sonne ausgeliefert. Es ist heiß. Kein Verkehr. Laufe ein bisschen weiter zu einer breiteren Straße, die etwas mehr befahren ist. Eine halbe Stunde stehe ich dort, und nichts passiert. Eigentlich wollte ich gerne zum Frühstück in Burney sein, aber das wird heute wohl nichts. Ein Auto aus der falschen Richtung, es fährt vorbei, wendet und kommt zurück. Darin sitzt ein Inder, der extra für mich umgedreht ist. Er sagt, er kann mich nicht so in der Sonne leiden sehen und möchte mir helfen. Was für ein netter Mensch ! Tausend Dank. Eine Viertelstunde später setzt er mich am Ortseingang ab. Für's Frühstück bin ich zu spät, außerdem muss ich mir noch eine Unterkunft suchen. Das gestaltet sich schwierig. Es scheinen alle Hotels in der Stadt ausgebucht zu sein. Booking.com gibt nichts her. Also ist Klinkenputzen angesagt und einfach mal fragen, ob es nicht noch ein winziges Zimmer für mich gibt. So lande ich im Burney Motel, einfach, aber sauber.

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Die Betreiberin ist total freundlich und hilfsbereit, aber kann mich leider nur für eine Nacht unterbringen. Schade, ich wollte gerne zwei Nächte bleiben. Bei der Rezeption gibt es eine große Weltkarte, wo ich eine Pinn-Nadel mit meinem Heimatort einstecken soll. Außerdem führt sie Buch, ich trage mich natürlich gerne ins PCT-Register ein. Zwei große Schränke sind voll mit Sachen von und für die Hiker. Da finde ich sogar eine halbvolle Gas-Kartusche und eine kleine Flasche Olivenöl für ein Fußbad. Auf der Theke steht ein Körbchen mit Snacks, aus dem sich die Gäste jederzeit bedienen dürfen. Sehr aufmerksam. Das Internet im Ort scheint kollabiert zu sein. Ich telefoniere ganz kurz mit Thomas, aber das Gespräch wird leider bald unterbrochen. Auch das Karten-Lesegerät an der Rezeption funktioniert nicht. Ich habe drei Kreditkarten, und keine davon wird akzeptiert. Die Chefin lässt mich mein Gepäck im Zimmer abstellen und schickt mich zum Geldautomaten "gleich um die Ecke". Es gelten andere Maßstäbe hier, die USA sind ein Land für Autofahrer. Ich latsche 3 Kilometer in der prallen Sonne über die Hauptstraße bis zur Bank und wieder zurück. Jetzt kann ich in bar bezahlen, und dadurch wird der Preis sogar günstiger. Günstig ist natürlich relativ. Rund um die Burney Falls und den Lassen Nationalpark sind die Hotelpreise unverschämt hoch. Dazu kommt, dass ein Zimmer für 2 Personen in den USA genauso viel kostet wie ein Einzelzimmer. Wenigstens der Waschsalon ist direkt nebenan. Super. So schaffe ich es bis zum Abend, meine Wäsche zu waschen, die Ausrüstung zu reinigen, den Wasserfilter zu spülen, Eier zu kochen und zu duschen. Mein Lieblings-Hemd von Jolly ist kaputt. Das dichte Grünzeug hat ihm arg zugesetzt, es hat zwei große Risse. Aber zum Nähen fehlt mir die Zeit, das wird beim nächsten Mal geflickt. Es ist immer ganz schön knapp, wenn man nur eine Nacht bleiben kann. Kaum Zeit für Internet-Kram, die Homepage muss warten.

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