Am 23.06. setzt Thomas mich am Etna Summit Trailhead ab, wo wir vor einer Woche aufgehört haben. Ich starte mit Handicap. Habe mir wohl beim Barfußlaufen in einem der Motels einen Fußpilz eingefangen. 63 Jahre alt, aber sowas habe ich noch nie gehabt. Die Haut ist pickelig und teilweise offen zwischen den Zehen. Es juckt und brennt. Mal gucken, wie sich das weiter entwickelt, wenn ich diese Etappe stramm laufe. Der Weg führt durch die Russian Wilderness.

Bild

Erster Schnee zum Anfassen am Nordhang. Aber ich glaube nicht, dass ich im Juli auf dem weiteren Weg Probleme mit Schnee bekommen werde. Wieder ein sehr schön gepflegter Trail durch tolle Landschaft. Es ist heiß. Zum Nachmittag hin wird das Gelände etwas wilder. Verbranntes Gebiet mit vielen toten Bäumen um mich herum und quer auf dem Weg. Auch hier hat vor nicht allzu langer Zeit ein Feuer gewütet. Es gibt Wasser überall, nur zum Ende hin trage ich 2 Kilometer weit bis zum Nachtlager. Mein Zeltplatz liegt ganz oben auf der Ridgeline auf 2200 Meter Höhe. Dort habe ich noch zwei weitere Stunden Sonne am Abend und entspannten Feierabend. Fühlt sich gut an. Insgesamt war ich 9 Stunden unterwegs, davon zwei Stunden Pause. Es ging 1125 Höhenmeter hinauf und 925 Meter abwärts. Den ganzen Tag über habe ich nur vier Leute gesehen, zwei echte PCT-Hiker und zwei Tageswanderer.

Bild

Schlechte Nacht, ich konnte ewig nicht einschlafen. Da fehlt etwas. Die Luftmatratze ist zu schmal. Normalerweise koppeln wir unsere Isomatten zusammen und haben eine große Liegefläche, von der ich anscheinend Dreiviertel einnehme. An die Nächte alleine muss ich mich erst gewöhnen. Dafür entwickelt sich der neue Tag prächtig. Es macht Spaß, alleine zu wandern. Lange musste ich Rücksicht nehmen und habe mir bei jedem Schritt Gedanken gemacht, ob es Thomas wohl schadet. Jetzt bin ich schneller unterwegs, mache weniger Pausen und genieße die Freiheit. Es geht durch die Trinity Alps Wilderness mit ihren beeindruckenden Bergen. Der Mount Shasta mit seinem verschneiten Gipfel ist ganz nah.

Bild

Bild

Nach 10 Kilometern die erste Pause an einem kleinen Fluss, wo ich mir die Füße waschen und pflegen kann. Danach kommt Brandgebiet. Null Schatten, und die Sonne knallt. Weitere 10 Kilometer bis zum nächsten Bach, wo ich wieder die Füße kühlen kann. Herrlich - überall frisches Wasser ! Dafür sind die Campingplätze rar in diesem zerstörten Gebiet.

Bild

Ich plane vorausschauend und suche mir mein Abendziel nach den eingezeichneten Zeltplätzen in der App aus. Ansonsten könnte das auch schiefgehen, es gibt einfach keine flachen Stellen außer der Reihe. Ich lande am Ende des zweiten Tages wieder auf einer Ridgeline. Traumhafte Lage, allerdings nur, wenn das Wetter ruhig bleibt. Es gibt ein paar Moskitos, aber die können mich bei diesem schönen Sonnenuntergang gar nicht wirklich ärgern.

Bild

Es sind nur 20 Kilometer weiter bis zu meinem Schatz. Die letzte Woche mit dem Mietwagen haben Thomas und ich genutzt, um die Gegend rund um den PCT auszukundschaften. Dabei haben wir einen Trailhead mit kostenlosem Campingplatz entdeckt, an dem wir mehrmals übernachtet haben. Hier habe ich ein Depot eingerichtet, damit ich nicht gleich zu Anfang für sieben Tage Essen tragen muss. In einer großen aufgeschnittenen und später wieder zugeklebten Plastikflasche habe ich etwas abseits vom Trail meinen Proviant versteckt. Außerdem "schweres Essen", das sind zwei Dosen Bohnen und eine Dose Tunfisch, eine Flasche Cola, eine Flasche Milch, zwei Dosen Bier und Chips. Das wird ein Fest ! Ich freue mich schon drauf.

Bild

Bild

Weiter geht es durch die Trinity Alps Wilderness im Shasta National Forest. Immer noch fantastische Landschaft, allerdings heute mit etwas mehr Baum-Kletterei. Das Feuer hat auch dieser Region mächtig zugesetzt. Am Zufluss vom Mosquito Lake bekomme ich nach 10 Kilometern sauberes Wasser. Passt. Wieder die Füße kühlen, waschen, an der Sonne trocknen, Salbe drauf. Dieser blöde Pilz ! Dutzende kleiner Frösche hüpfen auf dem Trail. Ein stolzer Vogel mit kobaltblauem Gefieder flattert aufgeregt um mich herum. Außerdem sehe ich viele Echsen und Streifenhörnchen. Alles nur Kleinvieh. Aber Bärenspuren von großen Bären sind auf dem Trail.

Bild

Meine Wanderung führt abwärts, und endlich sehe ich wieder grüne Bäume und Wiesen, als ich in Richtung Parkplatz laufe. Dichte Sträucher wuchern von beiden Seiten über den Weg. Zum Glück nicht stachelig, aber mit sehr harten Stängeln. Um 15.00 Uhr bin ich schon da. Mein Schatz liegt unberührt in seinem Versteck. Da sind noch nicht einmal Ameisen dran. Mit neuem Proviant steuere ich den Scott Mountain Campground an. Bin nun schon zum vierten Mal hier. Der Platz, auf dem wir bereits mehrmals gestanden haben, ist leider schon besetzt von einem Camper mit großem Hauszelt davor. Nach und nach trudeln einige Wanderer ein, und es werden noch drei kleine Zelte aufgestellt Kurz vor Anbruch der Dunkelheit bekomme ich einen Nachbarn, der sein Zelt nur 10 Meter entfernt von meinem aufstellt. Ich liege bereits im Schlafsack und rühre mich nicht. Keine Lust mehr auf Unterhaltung. Weiß auch nicht, warum der mir so nahe kommen muss, wo doch überall Platz genug ist.

Bild

Regen während der Nacht. Später Start erst um Viertel vor 10, weil ich mein Zelt nicht nass einpacken möchte. Die Wandergruppe mit Camper nimmt meinen Müll mit. Sehr praktisch. Das Gas ist bald leer. Die Powerbank auch, ich muss Strom sparen. 13 PCT-Hiker kommen mir entgegen. Das ist der Grund, warum wir uns für southbound von Kanada nach Mexiko entschieden haben. Immerhin bekomme ich die erste Gratulation zu meinem fast vollendetem PCT. Naja, das ist eigentlich ein bisschen zu früh, denn es liegen noch 740 Kilometer vor mir. Wieder ein wunderschöner Trail. Angenehmer Boden, mit Pferdeäppeln durchsetzt. Ja, weite Strecken vom PCT kann man auch zu Pferde reiten. Obwohl mir wahrscheinlich schwindelig würde auf dem schmalen Weg mit Blick in den Abgrund auf der rechten Seite. Einige Seen liegen am Wegesrand, tief eingegraben zwischen den Bergen.

Bild Bild

Oh Mann, was ist das schön hier ! Thomas kann sich darauf freuen. Ich werde diese Strecke ganz sicher ein zweites Mal mit ihm laufen. Wir beenden das Ding gemeinsam. Nur nicht in diesem Jahr. Um 18.30 Uhr bin ich am Ziel. Mein Zelt ist nur noch leicht feucht und trocknet schnell im Wind. Kühl ist es an meinem Platz. War wieder 9 Stunden unterwegs mit knapp 2 Stunden Pause. 28 Kilometer geschafft bei 800 Höhenmetern Aufstieg. Abends gegen 20.00 Uhr bekomme ich Besuch von einem Deutschen. Mein Zelt steht auf einem winzig kleinen Fleckchen neben einem Bach. Der tut so, als hätte er diesen Platz gepachtet, weil er ihn sich anhand der App ausgesucht hatte. Dumm gelaufen. Soll ich etwa mein fertig eingerichtetes Zelt noch einmal abbauen und ein Stück versetzen, damit wir Wand an Wand liegen können ? Nö. Ich habe gerade schon Zähne geputzt und Feierabend. Das ist ein junger kräftiger Mann, und wir haben noch mehr als eine Stunde Tageslicht, der kann mal ruhig noch ein Stück weitergehen. Macht er dann auch endlich, leicht maulend. Ich bin wahrscheinlich nicht besonders freundlich gewesen.

Bild

Kalte Nacht auf 2300 Meter Höhe. Schlecht geschlafen. Ich habe gefroren. Irgendwann habe ich meine Füße in die Daunenjacke gesteckt, danach wurde es etwas besser. Ich hasse kalte Füße ! Morgens ist das Zelt nass von Morgentau oder Kondenswasser. Finde den Beutel zum Einpacken nicht, den habe ich wahrscheinlich mit eingerollt. Macht nichts. Das Zelt stopfe ich ganz unten in den Rucksack, da kann nicht viel passieren. Viertel vor 9 komme ich los. Insgesamt sind es nur noch 1150 Meter Aufstieg in 2 Tagen, bis ich den Castle Creek Campground erreiche. Wahrscheinlich gönne ich mir dann einen off-day in Dunsmuir. Muss unbedingt meine Elektrogeräte laden und Gas besorgen.

Bild

Am Parks Creek Trailhead hatte ich eigentlich auf Internet gehofft. Die App sagt, dass man dort Empfang haben sollte, aber wohl nicht mit meinem Handy und meiner SIM-Karte. Schade. Lange nichts mehr von zu Hause gehört. Nach einer Weile gebe ich auf. Das bringt jetzt nichts, ist nur Zeitverschwendung. Nach 8 Kilometern erreiche ich einen kleinen Bach und mache Pause. Füße waschen, wann immer es das Wasser erlaubt. Ich muss diesen blöden Fußpilz in den Griff bekommen. Schlimmer geworden ist es auf jeden Fall nicht beim Laufen, obwohl ich mich nicht so richtig an die Hygienevorschriften halten kann. Immer schön sauber und trocken halten, zweimal am Tag frische Socken anziehen .... Unmöglich auf dem Trail. Ich schmiere mir die Antifungal-Salbe mehrmals täglich zwischen die schmutzigen Zehen. Der Weg windet sich auf schmalem Pfad immer an den Berghängen entlang. Tolle Aussicht den ganzen Tag lang. Und am Nachmittag habe ich sogar ein Fünkchen Internet-Signal, um Thomas eine kurze Meldung über meinen Standort zu geben.

Bild

Es ist Wochenende. Mir kommen 8 PCT-Hiker entgegen, aber es sind auch viele andere Menschen unterwegs in dieser Seen-Landschaft. Ältere Herrschaften, Wander-Grüppchen, Familien mit Kleinkindern auf dem Rücken. Besonders freue ich mich über drei Väter mit vier Töchtern und Hund. Die Mädels hüpfen mit strahlenden Augen herum und freuen sich auf das bevorstehende Camping-Wochenende. Interessiert fragen sie mich aus, während ich an einem Bach mein Wasser abfülle. Einer der Väter ist voll gepackt wie ein Kamel, mit hohem Turm oben auf seinem Rucksack. Er erzählt mir, dass er ein großes Zelt und drei Schlafsäcke trägt, dazu natürlich noch den ganzen Proviant. Tolles Abenteuer, die kleinen Mädchen werden es lieben und nie vergessen. Gegen 18.00 Uhr checke ich die Wassersituation. Es sieht ungünstig aus. Ich könnte jetzt einen halben Kilometer absteigen und dort an der Quelle Wasser holen. In knapp 2 Kilometern gibt es einen Zeltplatz, danach lange nichts mehr. Es ist mir aber noch zu früh, um Schluss zu machen. Also beginne ich ohne Wasser den letzten Aufstieg bis auf die Ridgeline. Hoffe auf ein unverhofftes Rinnsal unterwegs, aber da kommt nichts. Also weiter, insgesamt noch 8 Kilometer mehr. Punkt 20.00 Uhr erreiche ich den Abzweiger zur Toad Spring. Auch hier geht es einen halben Kilometer steil bergab, dazu kommt ein heilloses Durcheinander an umgestürzten Bäumen. Zum Glück sind die nicht so hoch, denn ich kann meine Beine kaum noch anheben. Noch gut eine Stunde bis zur Dunkelheit. Jetzt nur noch Wasser holen, das Zelt aufbauen ( ist noch feucht ) und den Rest des Lagers organisieren. An einem Baum in der Nähe sind deutliche Kratzspuren von Bären. Die müssen nicht von gestern sein, aber sie sehen ziemlich frisch aus. Vielleicht mögen die Bären gerne nachts an der Quelle trinken. Das bewegt mich dazu, den Proviantbeutel heute vorsichtshalber etwas weiter weg und hoch aufzuhängen. Um 21.30 Uhr ist endlich Feierabend. Mein JetBoil produziert leider nur noch lauwarmes Wasser, für Kartoffelpüree aus der Tüte reicht es. Morgen früh wird es leider keinen Kaffee geben. Beste Leistung bisher, 34 Kilometer mit 650 Höhenmetern Aufstieg drin. Geht doch.

Bild

Die letzte Nacht war sehr kalt. Ich habe furchtbar gefroren alleine in meinem Schlafsack. Morgens starte ich mit doppelter Schicht Kleidung und dicken Handschuhen. Es liegen gute 30 Kilometer vor mir bis zum Abzweiger Bob Hat's Trail Junction, danach noch weitere 4 Kilometer über einen Seitenweg bis zum Castle Creek Campground. Heute sind es nur 500 Höhenmeter Aufstieg, dafür aber 1800 Meter im Abstieg, was manchmal noch schwieriger sein kann. Alpines Gelände, Felsen und Geröll in der ersten Tageshälfte. Am Nachmittag bemerke ich, dass die entgegen kommenden  PCT-Hiker in Shorts und T-Shirt laufen. Ich trage immer noch meine Winterkleidung, weil ich morgens in der Höhe so gefröstelt habe. Inzwischen bin ich tief abgestiegen, und die Temperatur ist deutlich wärmer geworden ist. Die Steine unter meinen Füßen mischen sich zunächst mit Sand, dann mit Waldboden. Viel angenehmer, ab jetzt komme ich schnell vorwärts.

Bild

Um 17.00 Uhr bin ich am Abzweiger und biege auf einen anderen Trail ab, der zum Castle Creek State Park führt. Eine Stunde später bin ich da und baue mein Zelt auf einer etwas abseits gelegenen Parzelle auf, die extra für PCT-Hiker reserviert ist. Hier gibt es Sanitäranlagen, Trinkwasser, Mülleimer und Picknicktisch am Platz. Nicht schlecht für 5 Dollar die Nacht. Beim Platzwart kann ich eine Gas-Kartusche kaufen. Toller Service ! Ich habe nämlich gehört, dass die in Dunsmuir und auch an der Tankstelle ausverkauft sind. Es sind gerade zu viele NoBos unterwegs. Bin noch nicht ganz fertig mit Einrichten, da bekomme ich Gesellschaft. Ich wäre ja lieber alleine geblieben, aber der Typ ist ganz okay und wohnt dann eben ein paar Meter weiter. Ich mache mich noch einmal auf zum Shop an der Tankstelle. Weitere 3 Kilometer durch den Wald, aber was tut man nicht alles für ein Eis und eine Dose Bier. Am Ende des Tages habe ich 37 Kilometer unter den Füßen. Ziel erreicht. Es läuft.

Bild

Früh aufgestanden, weil ich in Ruhe meinen Kaffee trinken möchte. Mein Nachbar rührt sich noch nicht, so kann ich ohne langes Gequatsche verschwinden. Ein kleines Stück durch den Wald, danach laufe ich etwa 4 Kilometer auf einer abgelegenen Straße. Meine Güte - was ist das hier einsam ! Überhaupt kein Verkehr, es kommt eine Stunde lang kein einziges Auto. Da ist ganz unerwartet eine Bus-Haltestelle. Es hängt sogar ein Fahrplan aus. Der erste Bus ist um kurz nach 7 in der Frühe gefahren. Mist, das hätte ich vorher wissen müssen. Jetzt ist es Viertel vor 9. Der nächste Bus wird erst nach 19.00 Uhr kommen. So lange möchte ich hier nicht warten.

Bild

Eine Visitenkarte mit Telefonnummer und eine Liste von Trail Angeln hängt da ebenfalls. Ich versuche zwei Nummern zu wählen, aber mein Handy hat keinen Empfang. Null Signal. Da nützen auch die gut gemeinten Telefonnummern nichts. Ich mache mich auf den Weg zur Autobahn-Auffahrt. Natürlich darf man auf der Autobahn nicht trampen, aber vor der Auffahrt kann man vielleicht stehen. Eigentlich gar kein schlechter Platz, denn es ist eine Kreuzung mit einem Stop-Schild, wo die Wagen sowieso anhalten müssen. Es fahren ein paar Lastwagen vorbei, UPS, Amazon, FedEx, Walmart .... Die dürfen mich nicht mitnehmen. Kein einziger PKW. Nach einer halben Stunde gehe ich wieder zurück zum Trailhead, um in der anderen Richtung mein Glück zu versuchen. Ein junger Mann kommt gerade vom Trail, eindeutig ein PCT-Hiker. Der möchte auch nach Dunsmuir zum Einkaufen. Zu Zweit laufen wir die Straße ab, hin und zurück. Endlich kommt ein ganz normales Auto und hält für uns an. Ein Vater, der zu unserem Glück in dieser abgelegenen Gegend wohnt und heute seine Kinder wegen einer Projektwoche ausnahmsweise erst um 10.00 Uhr zur Schule bringen muss. Wir quetschen uns zu Dritt auf die Rückbank und sind 20 Minuten später in Dunsmuir. Gerade rechtzeitig zum Frühstück, wobei ich natürlich wieder Gesellschaft habe. Beide sind wir zum Glück sehr hungrig, da redet man nicht so viel.

Bild

Übernachtung ist teuer in der Gegend um Mount Shasta. Es gibt hier im Ort die Optionen Schlafsaal, Gästehaus oder Hotel. Mein neuer Freund versucht, mit mir die Kosten für ein Zimmer zu teilen, was ganz normal ist bei den jungen Leuten. Aber das ist nichts für mich. Aus dem Alter bin ich raus. Ich gehe in ein schönes Hotel und möchte ein Zimmer für mich alleine haben.