Morgens fährt ein Bus bis Gardnerville in Nevada. Ich habe extra kleine Scheine gewechselt, aber bezahlen muss man nicht. Die Fahrt dauert 45 Minuten. Von da aus nehme ich den Bus nach Mammoth Lakes. Für diese Strecke von 2,5 Stunden zahle ich nur den halben Preis, umgerechnet 18,- Euro. Da kann man nicht meckern. Es gibt Senior-Rabatt ab 60 Jahren. Nirgends steht geschrieben, dass der günstigere Preis nur für Amis gilt. Ich buche das einfach mal online, zeige dem Busfahrer meinen Personalausweis und werde auf seiner Liste abgehakt. Ankunft erst um 17.30 Uhr. Für ein teures Hotel ist es mir zu spät, das habe ich erst ab morgen geplant. Der letzte Bus zum Horseshoe Lake ist gerade weg. Ich fülle meine Wasserflaschen an einer Tankstelle, danach buche ich einen Uber ( so eine Art Taxi ). Das ist total günstig für die Strecke von 10 Kilometern. Mein Fahrer John ist unheimlich nett. 80 Jahre alt ist der Mann. Er geht zweimal täglich lange mit seinem Hund spazieren und fährt diese Strecke mehrmals in der Woche mit dem Fahrrad ( ohne E-Antrieb ) hoch, um fit zu bleiben. John sagt, er fährt gerne für Uber, nicht des Geldes wegen, sondern weil er die Gespräche mit den Menschen liebt. Sehr beeindruckend. In der Gegend vom Horseshoe Lake kenne ich mich aus, da waren wir letztes Jahr schon. Alle Bäume ringsherum sind tot und sehen gespenstisch aus. Sie wurden durch aus dem Boden austretendes Kohlenstoffdioxid vergiftet. Nach einer Erdbebenserie im Jahr 1989 stieg das Gas aus Magmakammern auf, erstickte die Wurzeln der Bäume auf über 120 Hektar und verwandelte den unteren Wald in weiße Baum-Skelette.

Direkt beim See ist das Übernachten eindeutig verboten. Ich laufe nur ein paar Meter hoch in den Wald hinein, wo es grüne Bäume und flaches Gelände zum Zelten gibt. Am Anfang des Mammoth Lake Trails steht ein Schild : "Permit required for overnight use". Ich habe ein Permit für den PCT, und dieses ist eine blaue Linie in der App. Das könnte man dann ja auch so interpretieren, dass es erlaubt ist. Viele Hiker kommen über diesen Seitenweg, wenn sie in die Stadt zum Einkaufen möchten. Nachts ist ein lautes Poltern und Knacken zu hören. Ein schweres Tier stampft durch den Wald. Bestimmt kein Reh, das muss ein Bär sein. Kein Grund zur Besorgnis, mein Essen hängt doppelt verpackt weit weg in einem Baum. Nach einer Weile kehrt wieder Ruhe ein.
Freitag um 9.30 Uhr fährt der Shuttle-Bus hinunter nach Mammoth Lakes. Ebenfalls ein kostenloser Service für die Touristen. Mein erster Gang führt zur Post, wo ich Bärkanister und neue Schuhe von REI abholen kann. Beides ist pünktlich angekommen. Nächste Baustelle : Ich muss Gas für den JetBoil kaufen. Im Supermarkt gibt es keins, auch an der Tankstelle nicht. Im Internet suche ich einen Baumarkt. Der liegt etwas außerhalb, ich latsche trotzdem hin. Leider erfolglos, denn die haben nur große Gasflaschen für Camper mit Auto und Grill. Im Angelgeschäft werde ich schließlich fündig. Normalerweise verdrehe ich immer die Augen, wenn Thomas in so einen Laden möchte, wo man Angeln und Fischköder bewundern kann. Aber tatsächlich haben die hier auch Gas-Kartuschen. Für meinen Kocher brauche ich nur eine kleine, die letzte aus dem Regal gehört mir. Ich bin begeistert. Das Wichtigste ist erledigt. Auf ins Hotel. Check-in eigentlich erst um 15.00 Uhr. Vorab hatte ich angefragt, ob ich meinen Rucksack früher loswerden kann. Die sind so nett, dass ich schon um 13.00 Uhr mein Zimmer beziehen darf. Im Empeiria High Sierra hat es uns so gut gefallen, da gönne ich mir eine Nacht und genieße den Luxus meines Hotelzimmers. Auch den Whirlpool nutze ich ausgiebig, die Massage tut den müden Knochen gut. Tolles Hotel !
In der öffentlichen Bücherei bekomme ich meinen Papierkram erledigt. Das Erstellen von Dokumenten, Drucken, Unterschreiben und Einscannen ist unmöglich, wenn man unterwegs nur mit dem Handy agieren kann. Für meine kaputten Schuhe gebe ich einen Retouren-Auftrag und schicke sie direkt an REI zurück. Ein bisschen Zivilisation ist doch manchmal nötig, um wichtige Dinge zu regeln. Meine Haare nerven. Zu lang, zu dick, zu viel, zu warm. Der letzte Haarschnitt war bei den Damascus Trail Days Mitte Mai. Noch einmal laufe ich zum Baumarkt, wo ich eine große Schere für 3,99 $ kaufe. Zimmer mit Dusche und Spiegel, nagelneue Schere dazu. Wer mich kennt, der weiß, was jetzt passieren wird. Wächst ja wieder.
Das Permit für den John Muir Trail ist genehmigt. Auf der Seite Recreation.gov war ein Kalender online gestellt, der eigentlich immer ausgebucht zeigte. Für den JMT in ganzer Länge sind nur zwei Startpunkte zugelassen. Einer davon ist ab Tuolumne Meadows nach Süden in Richtung Lyell Canyon. Dort gab es anscheinend eine Stornierung. Tatsächlich hatte ich das Glück, einen freien Platz für den 3. August zu ergattern. Jetzt heißt es, ganz schnell die notwendigen Schritte zu organisieren. Ich buche einen Bus von Mammoth Lakes bis Tuolumne Meadows, wo ich an der Ranger Station mein Permit persönlich abholen muss. Die Fahrt ist total günstig, das Ticket kostet nur 8,- €, wieder mit Senior-Rabatt. Diesmal erst ab 62 Jahren, aber auch die habe ich bereits hinter mir.
Hier kommen die Bären bis in die Stadt. Alle Mülleimer sind aus festem Metall und mit speziellen Griffen gesichert. Umso mehr erstaunt es mich, dass auf dem Parkplatz des Hotels ausgerechnet ein Wagen vom National Forest Service geplündert wurde. Die haben es wohl nicht so genau genommen. Eine Kühlbox auf der Ladefläche steht offen, der Plastikmüll liegt dahinter auf dem Boden verstreut. Das war kein Vogel. Vögel können keine Kühlbox öffnen.
Beim Eierkochen mit dem JetBoil ist mir heißes Wasser über die Finger gespritzt. Es gab nur leichte Verbrühungen, dank Kühlschrank konnte ich das Schlimmste im Keim ersticken. Das Pellen der 12 Eier macht keinen Spaß. Alles muss man selber machen. Auch meinen Bär-Kanister muss ich in Zukunft tragen. Im letzten Jahr hat Thomas ganz selbstverständlich einen doppelt so großen für zwei Personen geschleppt. In unseren ersten Camping-Urlauben habe ich ihn nicht ohne Grund "Sherpa" genannt. Inzwischen habe ich auch gelernt, eine Konservendose mit dem Schweizer Taschenmesser zu öffnen. Und selbst das Telefonieren klappt, das hat sonst immer Thomas erledigt. Nun bin ich alleine unterwegs, das macht stark.
Mit dem Touristen-Bus fahre ich für umgerechnet 8,- Euro bis Tuolumne Meadows im Yosemite Nationalpark, wo mein Startpunkt ist. Die schwierigste Aufgabe zu Beginn vom John Muir Trail ist das Suchen und Finden der Ranger Station, die etwas abgelegen im Wald liegt. Tatsächlich bekomme ich dort mein Permit ausgedruckt, erst jetzt kann ich es glauben. Vorher musste ich mir natürlich eine Menge Belehrungen und Anweisungen zum richtigen Verhalten im Nationalpark anhören und unterschreiben, dass ich mich an die Vorschriften halte. Okay. Los geht's.
Ich bin noch keine zwei Stunden unterwegs, da springen zwei Uniformierte aus ihrem Versteck. Naja, ganz so war es nicht. Die haben etwas abseits im Schatten eines Baumes gesessen und standen plötzlich vor mir. Kontrolle ! Die allererste Kontrolle dieser Art auf allen bisher gelaufenen Trails. Und das sind keine Ranger. Die haben schwarze Anzüge mit Bügelfalte an, dazu einige Litzen und glitzernde Medaillen auf der Jacke. Sehr offiziell werde ich nach dem "Woher" und "Wohin" gefragt. Ob ich einen Bär-Kanister habe ? Ja, selbstverständlich. Die möchten mein Permit sehen, welches ja noch beinahe druckfrisch ist. Dazu dann bitte noch einen Ausweis und Gesichtskontrolle. Meine Güte, was sind die streng ! Alles passt. Nach kurzem Geplauder darf ich meinen Weg fortsetzen.
Überall gibt es Wasser im Überfluss zum Trinken und Kühlen der Füße. Das muss ich nicht tragen, dafür ist der Bär-Kanister etwas sperrig. Die Sonne lockt Schlangen hervor. Ich sehe gleich mehrere schwarze Schlangen mit gelbem Streifen über den Trail flitzen. Das sind Renn-Nattern, eine völlig harmlose Art. Ab 15.00 Uhr werden Zelte aufgebaut. Rudel-Camping ist angesagt. Die JMT-Hiker sind Herdentiere, das haben wir letztes Jahr schon festgestellt. Es dürfen bis zu 15 Personen in einer Gruppe wandern und das Lager teilen. Ich habe bei der Frage nach der Größe meiner Gruppe eine "1" angegeben. Am späten Nachmittag geht es über Steinstufen und Felsen stramm bergauf. Ich habe mit dem Aufstieg zum Donohue Pass begonnen.
Um 18.00 Uhr mache ich Feierabend. Eigentlich wollte ich noch einen Kilometer weiter. Dort gibt es einen Bach und Platz für mehrere Zelte gleich daneben. Das ist mir zu gefährlich, es könnte zu gesellig werden. Ich suche mir einen Platz oberhalb vom Tuolumne River und steige ein Stückchen ab, um mein Wasser zu holen. Dabei rutsche ich auf den glitschigen Steinen aus, meine Schüssel und der Deckel von der Wasserflasche verabschieden sich. Ich hechte hinterher, um wenigstens die Plastikschüssel zu retten. Nasse Schuhe, nasse Socken. Mein Essgeschirr habe ich zum Glück wieder. Nur der Deckel ist rasend schnell in der Strömung verschwunden. Thomas hat für solche Fälle immer einen Ersatzdeckel dabei. Ich nicht, aber der Aufsatz vom Wasserfilter passt und erfüllt seinen Zweck. Neben meinem Lager gibt es einige bequeme Felsen zum Sitzen, groß und flach. Keiner kommt mehr vorbei. Das ist hier auf dem JMT ein anderer Schnack, nur die PCT-Hiker laufen bis abends spät. Falsch - um Viertel nach sieben bekomme ich Besuch. Schon wieder eine Kontrolle. Ich fasse es nicht. Diesmal sind es eindeutig Ranger, wie an der Kleidung und den T-Shirts zu erkennen ist. Nette Jungs. Ich frage nach. Die anderen Beiden mit Uniform waren "Cops", also wirklich von der Polizei. Die Situation ist mir ein bisschen peinlich, denn ich habe bereits die lange Männer-Unterhose mit Schlitz an. Ich muss noch einmal mein brandneues Permit hervorkramen. Ausweis möchten diese Burschen gar nicht sehen. Ja, ich bin mehr als 100 Fuß ( gut 30 Meter ) vom Wasser entfernt. Ja, mein Zelt steht auf einer festen Oberfläche. Ich achte natürlich auf die empfindliche Vegetation und mache nichts kaputt. Ja, dort auf dem Felsen ist mein Bär-Kanister, weil ich gerade mit dem Kochen beginnen wollte. Alles richtig gemacht. Schönen Tag noch. Das waren 500 Höhenmeter für den Anfang. Morgen früh geht es weiter. Die neuen Schuhe fühlen sich gut an. Hoffentlich bleibt es so.
Die Nacht war sehr angenehm, ich schlafe bestens mit dem Rauschen eines Flusses im Hintergrund. In der Frühe ist es empfindlich frisch. Kalte Hände, kalte Füße. Ich bekomme den Bär-Kanister mit meinen klammen Fingern nicht geöffnet. Normalerweise würde ich jetzt um Hilfe bitten, aber da ist Niemand sonst. Einen kleinen Moment später dreht sich der Deckel, und der Kanister ist auf. Geht doch ! Zunächst einmal muss ich mich warm laufen. Das ist nicht besonders schwierig, denn ich steige kontinuierlich nach oben. Ein JMT-Hiker kommt mir entgegen. Morgens um 8.00 Uhr fragt der mich, wie mein Tag bisher gewesen ist. Diese Amis sind echt lustig. Ich könnte mich wegschmeißen vor Lachen bei diesen Standard-Höflichkeitsfloskeln. So einen Quatsch machen wir Norddeutschen nicht. Da würden wir auf Norderney vermutlich ganz schön blöd angeguckt. Nächste Situation : Eine Frau von oben, sie ist also im Abstieg, ich befinde mich im Aufstieg. Ich habe einen guten Stand und möchte sie vorbeilassen. Die Dame geht zur anderen Seite und bleibt ebenfalls stehen mit den Worten : "Sie haben Priorität." Das sind die Regeln für bergauf und bergab. Macht wenig Sinn in diesem Fall. Beide warten wir, bis ich frage, ob wir das jetzt ausdiskutieren sollen. Ich glaube, die Frau ist ein bisschen pikiert, aber ich kann mit so einem Blödsinn nicht höflich umgehen. Schließlich macht sie doch den ersten Schritt und missachtet alle Vorfahrtsregeln. Da ist es mit den PCT-Hikern schon einfacher. Man geht einfach ein Stück zur Seite und aneinander vorbei.
Wasser, Wasser, Wasser. Es läuft aus den Bergen, wahrscheinlich immer noch von der Schneeschmelze. Fließend Wasser auf dem Trail. Mehrmals muss ich auf Steinen oder Baumstämmen darüber balancieren. Spätestens seit gestern Abend weiß ich, dass die Steine glatt sind. Die Nordflanken der Berge haben noch Schnee. Mehrere Bergseen mit eiskaltem Wasser liegen am Wegesrand.
Um 11.00 Uhr Uhr stehe ich auf dem Donohue Pass in 3371 Metern Höhe. Das ist der erste in einer Reihe von mehreren Pässen, über die der John Muir Trail verläuft. Viel Anstieg, viel Abstieg, und das jeden Tag. Heute Nachmittag liegt ein weiterer Pass auf dem Weg, aber vorher geht es natürlich steil nach unten.
Mittags steigt die Temperatur auf 37° an, bis zu 14 Stunden Sonne täglich. Ständig rote Augen trotz Sonnenbrille. Ich muss aufpassen, dass ich mir die Ohren nicht verbrenne, weil die Haare dort jetzt kürzer sind. Also Kapuze auf. Die Lippen sind trocken in dieser Höhenluft. Im letzten Jahr ist bei mir in den Sierras ein hässlicher Lippen-Herpes aufgeblüht. Inzwischen bin ich schlauer und benutze einen Pflegestift mit hohem Lichtschutzfaktor.
Der Donohue Pass war schroff, nur graue Felsen und Geröll. Der Island Pass ist ganz anders. Schon der Aufstieg fällt leichter, weil ich im Halbschatten von Bäumen laufen kann. Auf dem Donohue Pass wächst gar nichts, kein Baum, kein Kraut, kein Blümchen. Der Island Pass liegt auf 3109 Meter Höhe, aber ist total grün und lieblich. Es wirkt ganz anders, viel lebendiger. Wiese, Blumen und einige Bergseen machen diesen Abschnitt zum Vergnügen. Abwärts führt ein sandiger Pfad in Serpentinen, das geht fast mühelos. Ein berittener Cowboy kommt mir entgegen. Neben seinem Reitpferd führt er noch drei schwer beladene Packpferde hinter sich her. Die kommen bestimmt von der John Muir Ranch und tragen den Gästen ihre Ausrüstung zum Camp. Etwas später muss ich zur Seite gehen, weil eine größere Karawane kommt. Ich spreche kurz mit der Frau, die vorab reitet. Ja, sie bringen Zelte, Kochgelegenheit und das Übernachtungsgepäck zum Lyell Canyon. Da war ich gestern erst und habe mein ganzes Zeug selber getragen. Es gibt Wanderer auf dem JMT, die lassen sich sogar ihren Proviant mit Lasttieren zum nächsten Standort bringen, damit sie tagsüber leichter laufen können.
Im Abstieg kommt der Thousand Island Lake immer näher. Den haben wir schon zusammen vom PCT aus gesehen, allerdings nicht so nah und bei schlechterem Wetter. Heute ist der Himmel strahlend blau ohne ein einziges Wölkchen. Die vielen grünen Inseln bilden einen schönen Farbkontrast.
Gegen 18.00 Uhr erreiche ich eine Gabelung des Weges, wo sich JMT und PCT trennen. Letztes Jahr mussten wir nach links gehen, heute darf ich auf die rechte Spur abbiegen. Ab jetzt beginnt also Neuland für mich. Am Nordufer des Thousand Island Lakes sollen die besten Plätze sein. Das haben sich die anderen Wanderer wohl auch gedacht. Überall stehen bunte Zelte. Ich folge einigen Spuren, die vielversprechend aussehen, aber immer ist schon besetzt. Wo nicht genügend Platz zum Aufstellen ist, da liegen Luftmatratzen und Schlafsäcke. Cowboy-Camping. Ich muss ziemlich weit am Ufer entlang, bis ich weiter oben zwischen Felsen meinen Platz für die Nacht finde. Jetzt nur noch einmal hinunter zum See, um Wasser zu holen. Heute wird es zum ersten Mal gefiltert, seit ich alleine unterwegs bin. Die Leute baden und waschen sich im See. Von meiner erhöhten Position aus kann ich gut beobachten, was hier los ist. Die Menschen schwärmen nach allen Seiten aus, trampeln abseits der Wege die Pflanzen platt oder schwimmen zu den kleinen Inselchen. Der John Muir Trail ist sehr beliebt, und das Einschränken der Besucherzahlen absolut nötig. Abends im Zelt stelle ich fest, dass ich gar nicht auf dem JMT bin. Voriges Jahr konnten wir beobachten, wie alle Leute nach rechts abgebogen sind. Daher dachte ich, dieser Seitenweg ist der John Muir Trail. Aber es ist nur die Spielwiese mit den besten Plätzen zum Schwimmen, Angeln und Campen. Die App auf meinem Handy zeigt nur den PCT, aber nicht den JMT. Seit über 4 Monaten trage ich eine Papierkarte mit mir herum. Die war jetzt schon auf dem Arizona Trail und auf dem PCT. Vielleicht sollte man auch manchmal hineinschauen, dann hätte ich den Fehler gleich bemerkt. Egal, es ist wirklich schön hier am See. Das waren heute viele Höhenmeter im Auf- und Abstieg. Es zwickt etwas in den Beinen.
Der Akku vom Handy ist am Ende des zweiten Tages fast leer. Viele Fotos gemacht, 2-3 kleine Videos, eine Stunde Internet-Empfang auf dem Donohue Pass gehabt und mit Thomas telefoniert.
Draußen ist es noch nicht einmal richtig hell. Ich taste nach der Uhr, gucke nochmal genauer mit Brille. Viertel vor fünf, und ich fühle mich ausgeschlafen. Vorgestern und gestern habe ich nicht viele Meilen geschafft, weil die hohen Pässe im Weg lagen. Heute habe ich wohl einen Aktivitätsschub. Warum soll ich mich nochmal umdrehen, wenn doch 8 Stunden Schlaf völlig ausreichend sind ? Die erste Tasse Kaffee trinke ich im Schlafsack, weil es noch kalt ist. Danach die Arbeit und dann eine weitere Tasse Kaffee vor dem Start. Bei Sonnenaufgang liegt eine mystische Stimmung über dem See. Himmlische Ruhe. Null Wind. Noch nicht einmal Vogelgezwitscher ist zu hören. In den bunten Zelten rührt sich nichts. Alle schlafen noch. Zunächst muss ich eine halbe Stunde zurück zum Abzweiger laufen. Ich bereue diesen Umweg nicht, denn sonst hätte ich den Thousand Island Lake nicht in voller Pracht erleben dürfen. Fühle mich voller Energie und genieße das Wandern auf einfachem Weg. Es geht abwärts. Der JMT ist stark begangen, und die Spur ist dementsprechend gut ausgeprägt. Verlaufen ist beinahe unmöglich. Ich muss gar nicht in die Karte schauen, denn ich komme an so vielen Seen vorbei, dass ich sowieso nicht weiß, an welchem ich gerade bin. Erst um halb 10 sehe ich zwei Männer, die gerade ihr Lager abbauen. Einholen werden die mich nicht, und vielleicht gehen die sogar in die andere Richtung. Stundenlang bleibe ich alleine auf dem Trail, so wie ich es am liebsten habe. Dann kommt mir eine größere Gruppe entgegen. Etwa ein Dutzend Jungs asiatischer Herkunft, schätzungsweise zwischen 10 und 12 Jahren. Alle sehen etwas pummelig aus, haben verbissene Gesichter und kämpfen sich schwitzend voran, obwohl die Spur nur ganz leicht ansteigt. Das Schlusslicht bilden vier Erwachsene von schlanker Statur, anscheinend die Betreuer. Ist das so eine Art Erziehungs- oder Abnehm-Camp ? Die Kinder wirken nicht so, als ob sie Spaß beim Wandern haben.
Frisch und ausgeruht komme ich schnell vorwärts. Mein Rucksack fühlt sich am dritten Tag auch wieder "normal" an trotz Bär-Kanister. Ich laufe lange durch, bis ich das Tosen von Wasser höre. Ein rauschender Fluss liegt unter mir, zwei kleine Wasserfälle direkt am Weg. Noch unerreichbar, ich steige weiter ab, bis ich am Ufer bin. Lange Pause am Shadow Lake. Die Seen-Landschaft nimmt kein Ende. Links glitzert der Emerald Lake blau-grün in der Sonne. Eine stabile Holzbrücke führt hinüber. Einige kleinere Teiche folgen. Der Garnet Lake ist wieder ziemlich groß und leuchtet vielversprechend durch die Bäume. Aber ich kann nicht jeden See fotografieren, ich muss Strom sparen, damit das Handy durchhält.
Danach folgt ein steiler Aufstieg in der Mittagshitze. Inzwischen lässt meine Energie deutlich nach. In der Hand habe ich eine Tüte mit Knabberzeug, aber die trage ich nur spazieren. Ich kann unterwegs nicht essen, weil ich Mühe habe, mit dem Atmen zurechtzukommen. Die Sonne sticht. Ich laufe komplett vermummt, und der Schweiß rinnt in Strömen. Mein Hals ist furchtbar trocken. Ich blicke auf die Uhr und stelle fest, dass ich erst vor einer Dreiviertelstunde einen Liter Wasser getrunken habe. So schnell verdurstet man nicht. Die ganze Zeit denke ich : Das kann ja jetzt eigentlich nicht noch viel weiter nach oben gehen. Einmal um die nächste Kurve, nur um zu sehen, dass der Trail weiterhin bergauf führt. Was ist das denn ? Schon wieder über einen Pass ? Nein, nur ein weiterer Berg, der im Weg liegen. Die Höhenlinien in der Karte zeigen 9000' Fuß an, also knapp 3000 Meter. Die nächsten zwei Stunden bleibt es tatsächlich trocken, auf der Südseite der Berge fließt kein Bach. Endlich entdecke ich einen Teich, der allerdings niedrigen Wasserstand hat und sehr morastig ist. Ein paar Enten schwimmen auf dem Tümpel. Auf der Oberfläche treiben Insekten, am Ufer schwirren Mücken. Nicht der beste Platz für eine Pause, aber ich habe jetzt Durst. Ich schaue in die Papierkarte, während das Wasser durch den Filter läuft, und staune. Bin am Johnston Lake und schon viel weiter gekommen als gedacht. Nur noch ein Kilometer bis zu den Minaret Falls, so lange hätte ich es schon noch ausgehalten. Die Kreuzung, an der JMT und PCT wieder zusammentreffen, ist auch gar nicht mehr weit. Es ist erst 15.00 Uhr. Wenig später erreiche ich den Minaret Creek. Hier darf ich mir aussuchen, ob ich den Fluss auf einem dicken Baumstamm oder auf Trittsteinen überqueren möchte. Ich wähle die Steine, denn das Balancieren auf Baumstämmen gefällt mir immer weniger. Vom Wasserfall kann ich nur einen kleinen Zipfel sehen, denn ich wage mich nicht näher an die Kante der Schlucht.
Ein Schild sagt, dass ich jetzt das National Monument "Devils Postpile" betrete. Im letzten Jahr haben wir diesen Abstecher nicht gemacht, weil wir keinen Umweg laufen wollten. Heute habe ich Zeit, diese merkwürdige Formation von senkrechtem Basalt zu bestaunen. Hexagonale Steine, die durch erkaltende Lava vor ca. 100.000 Jahren entstanden sind, bilden eine imposante Kulisse. Devils Postpile ist ein geschütztes Naturdenkmal, welches aus einer etwa 20 Meter hohen Wand mit fast perfekt symmetrischen, sechseckigen Basaltsäulen besteht. Ein Lavastrom floss damals in das Tal und kühlte so langsam und gleichmäßig ab, dass das Gestein in senkrechte sechseckige Säulen zerbrach. Vor rund 20.000 Jahren legte ein Gletscher dann die heute sichtbare Felswand frei. Es ist wirklich erstaunlich, was die Natur so hervorbringt.
Von dort nehme ich einen gepflegten Seitenweg zum Red's Meadow Resort. Der kleine Laden hat geschlossen, aber der Imbiss hat noch eine Stunde geöffnet. Ich esse einen richtig guten Cheeseburger, der nach meiner Kartoffelpürree-Diät unglaublich lecker schmeckt. Draußen am Tisch bekomme ich Gesellschaft von einem Paar im mittleren Alter. Sie wandern ebenfalls auf dem JMT. Gestern war ihr längster Tag mit 8,5 Meilen, heute etwas weniger, weil es so heiß gewesen ist. Sie sind vor 5 Tagen am Rush Creek gestartet. Dieser Fluss liegt zwischen Donohue und Island Pass, und da habe ich gestern mein Wasser für die erste Pause genommen. Ich bin erst seit vorgestern auf dem John Muir Trail. Es sind hier einfach zu viele unerfahrene und unsportliche Menschen unterwegs, weil der JMT gerade modern ist. Die Beiden sind mit einer Gruppe von 50 Leuten verbunden und haben täglich untereinander Kontakt. Ein teurer Vertrag mit Garmin macht es möglich, dass man SMS schreiben und sogar Sprachnachrichten verschicken kann. Unweigerlich höre ich mit, was die Frau in ihr Handy spricht. Eine Mitteilung an die anderen 48 Personen, wie ihr heutiger Tag war und wie schrecklich anstrengend es ist. Ich werde gefragt, wo denn mein Mann sei. Meine Erklärung, dass er verletzt war und Mitte Juni nach Deutschland geflogen ist, wird mit einigem Unverständnis aufgenommen. Dann kommt gleich die nächste Frage : "Und wo ist der Rest deiner Gruppe ?" Unfassbar !
Nach meinem Abendessen kaufe ich noch zwei Dosen Cola zum Mitnehmen und verschwinde schnell. Jetzt ist der Rucksack wieder richtig schwer, denn einen Liter Wasser für den Morgenkaffee habe ich auch noch aufgeladen. Mein Ziel ist der Mammoth Lake Trail, wo ich nach einer halben Stunde mein Zelt aufschlage. Gar nicht so einfach. Da ist kein Mutterboden und keine Walderde. Die Heringe halten nicht in dem losen Kies-Geröll. Steine zum Beschweren gibt es auch nicht. Das Totholz, was hier herumliegt, ist von der Sonne ausgetrocknet und total leicht. Eine Leine kann ich an einem Baum festbinden, für die Vorderfront benutze ich gleich zwei Heringe, die Ecken werden mit Bär-Kanister, Wasserflasche und sonstigen Kram notdürftig befestigt.
Jetzt darf nur kein Wind aufkommen, sonst bricht das Zelt zusammen. Ich muss ganz vorsichtig einsteigen, mich hinlegen und am besten nicht mehr bewegen. Vorher habe ich noch ein bisschen Ärger mit den Waldameisen. Die krabbeln sofort überall und beißen mich an mehreren Stellen. Ich hatte meine verschwitzte Kleidung ausgezogen und aufgehängt. So schnell kann man gar nicht gucken, wie ich aus Shorts und sauberem T-Shirt wieder in die langen Sachen wechsle. Um 20.00 Uhr ist Feierabend. War ein sehr langer Tag, ich habe ungefähr 35 Kilometer geschafft.
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