Wunderbare Nachtruhe in unserem versteckten Separee. Aufstehen ohne Stress, weil wir noch immer mit reduzierter Meilenzahl unterwegs sind. Gleich nach der Brücke wird der Trail deutlich schlechter. Sehr dicht bewachsen, viel Kleinholz und dicke Baumstämme auf dem Weg. Manche dieser Blockaden sind eine echte Herausforderung, z. B. wenn mehrere Bäume übereinander oder hintereinander liegen. Oder aber eine Baumwurzel hat ein tiefes Loch hinterlassen, in das man klettern muss und auf der anderen Seite des Grabens wieder heraus. Hört sich einfach an, aber meistens liegen noch weitere Stämme und Wurzelwerk darüber. Das ist ein bisschen wie Hindernislauf. Oma und Opa machen Sport. Die nächste Aufgabe ist es dann, den Weg wiederzufinden.


Wir steigen die ganze Zeit auf. Zur Abwechslung müssen wir auch einmal durch's Wasser. Ich schaffe es, den Bach trockenen Fußes zu überqueren. Thomas ist noch nicht so beweglich, um auf glitschigen Steinen zu balancieren. Er läuft einfach mit Schuhen und Strümpfen hindurch. Brombeersträucher und winzige Erdbeeren wachsen neben dem Weg. Leider sind die Früchte noch lange nicht reif. Es duftet wunderbar nach wildem Flieder. Der wächst hier in lila und in weiß, genau wie in Deutschland. Heute sehen wir eine neue Echsenart. Klein und schlank mit kurzen Beinen und einem langen Schwanz. Ihr dreieckiger Kopf erinnert an ein Mini-Krokodil. Nördliche Alligator-Eidechse heißt dieses Reptil. Die Luft wimmelt von Schmetterlingen, und es werden jeden Tag mehr. Ein Bär ruft ununterbrochen ganz in der Nähe. Schnecken kriechen über den zugewachsenen Pfad. Da muss man gut aufpassen, wo man hintritt. Ein Reh steht plötzlich vor uns und wedelt mit den großen Ohren. Die Natur ist grandios.

Nach 5 Kilometern kommen wir an eine weitere Brücke über den Grinder Creek. Ein hervorragender Pausenplatz, bequem und im Schatten. Das Wasser aus dem Fluss ist sauber und erfrischend. Bisher haben wir noch nicht ein einziges Mal unser Wasser gefiltert, seit wir zurück auf dem PCT sind. Das Baum-Mikado hört nicht auf. Diese Kletterei geht stundenlang weiter. Die querliegenden Baumstämme werden immer dicker, da kommt man nicht mehr so einfach auf die andere Seite. Manchmal muss man sich regelrecht einen Plan machen, ob wir drunter, drüber oder drumherum gehen. Das ist anstrengend, aber auch sehr kurzweilig. Die Zeit vergeht viel schneller, wenn der Trail so abwechslungsreich ist. Weiterhin geht es stramm bergauf. So langsam lassen die Kräfte nach. Es zwickt in den Beinen und Füßen, auch bei mir. Ein Wanderer mittleren Alters kommt uns entgegen. Dem Aussehen nach ist der nicht an der mexikanischen Grenze gestartet und als einer der Ersten durch die Sierras. Wahrscheinlich macht der auch irgendwelche ausgelassenen Stücke, so wie wir. In dieser Gegend hat es ja voriges Jahr gebrannt, und viele Hiker mussten einen Teil des PCT überspringen. Das Wohlstandsbäuchlein verrät ihn und uns.


Die letzte Etappe wird zäh. Immer noch geht es über Stock und Stein. Dazu kommen jetzt 2 Meter hohe Hecken, die über den Weg wachsen. In geduckter Haltung müssen wir drunter durchtauchen und dabei aufpassen, dass man keinen Zweig ins Gesicht geschlagen kriegt. Klamotten sind Nebensache. Das ist wieder eine Zerreißprobe für unsere Kleidung und die Rucksäcke. Endlich sind wir oben auf der Rim. Um uns herum schwarz verkohlte Baumstämme vom letzten Feuer, aber endlich flaches Gelände und ein Pfad, dem wir einfach folgen können. Um 18.30 Uhr erreichen wir unser Ziel, einen Zeltplatz unter gewaltigen Bäumen. Es gibt eine Feuerstelle und Sitzhocker, sogar einen Haken zum Aufhängen der Futterbeutel. Die Buckhorn Spring ist ganz in der Nähe. Drei Rehe hüpfen über die Wiese und zeigen mir den Weg zur Quelle. Die sind gar nicht scheu, sondern kommen bis auf 3 Meter heran. Ich hole gleich 6 Liter von diesem wunderbaren Wasser, gehe danach noch einmal zum Waschen hinunter. Dabei bin ich unter ständiger Beobachtung der Rehe. Anscheinend wohnen die hier, denn sie laufen noch mehrmals über unseren Zeltplatz, während wir kochen und essen. Am Ende des Tages haben wir 1550 Höhenmeter in den Knochen und sind wieder 18 Kilometer weiter. Hart erarbeitet in diesem schwierigen Gelände.


Früh am Morgen können wir beobachten, wie "unsere" drei Rehe über den Platz spazieren. Sie schnüffeln und suchen irgendetwas. Thomas meint, die mögen das Salz von den Hikern. Das kann gut sein. Wir haben schon erlebt, dass Tiere die Griffe unserer Wanderstöcke ablecken. Thomas kann kaum auftreten. Das Verrückte ( oder Erschreckende ) daran ist, dass nicht der rechte Fuß schmerzt, sondern diesmal der andere Probleme bereitet. Was bedeutet denn das nun wieder ? Und wie sollen wir damit umgehen ? Raus geht es an dieser Stelle nun gerade nicht. Wir haben mit unseren kleinen Etmalen noch drei volle Tage bis Etna vor uns. Thomas läuft humpelnd los und nimmt nach einer halben Stunde die erste Ibuprofen. Gestern ging es den ganzen Tag bergauf, heute dürfen wir eine angenehme Wanderung auf der Ridgeline genießen. Als Tages-Höchsttemperatur sind 30° angesagt. Vormittags merkt man davon nicht viel, weil hier oben ein frischer Wind weht. Nachts und im Schatten ist es noch immer kühl. Wir bleiben in der Höhe. Felsen und Geröll, aber nur wenig Baumstämme im Weg. Alpine Vegetation mit niedrigen Bäumchen und hartem Kraut. Wiesenblumen in allen Farben trotzen der Kälte und können in diesem kargen Boden wachsen. Sieht sehr hübsch aus und bildet einen schönen Kontrast zum vorherrschenden Grau-Braun.


Überall um uns herum blüht es. Mein Heuschnupfen macht mir zu schaffen. Rechts und links von uns tauchen zackige Felsen auf. Das ist ein kompletter Szenenwechsel und ein kleiner Vorgeschmack auf die Sierras. Am Nachmittag erwischt uns die Hitze mit voller Breitseite. Pause am Bear Lake Saddle in 2200 Meter Höhe. Danach wird es Zeit für eine weitere Ibuprofen. Etwa 3 Kilometer weiter fließt ein nettes Bächlein, an dem wir unsere Flaschen auffüllen können. So hangeln wir uns in kleinen Schritten immer weiter. Die Landschaft ist und bleibt schön. Wir können uns nicht beklagen. Wenn doch nur die Sache mit den Schmerzen im "falschen" Fuß nicht wäre .... Bei der nächsten Wasserstelle treffen wir drei Mädels auf Wochenend-Ausflug. Die erzählen uns, dass sie gerade zwei Bären in dieser Gegend gesehen haben, einen schwarzen und einen zimtfarbenen. Wir würden auch gerne Bären beobachten, haben aber noch keinen entdeckt. Dafür haben wir wieder das Vergnügen mit einem zutraulichen Reh, welches uns gar nicht durchlassen möchte.


Unsere als Abendziel anvisierte Quelle ist so gut wie nicht mehr vorhanden. Keine Chance. Ich bekomme nur noch Schlamm in den Wasserbeutel. Also müssen wir wohl oder übel weiter. Das Gelände wird immer krautiger, viel Totholz, Wurzeln und Steine. Das kann nachher schwierig werden, eine ebene Fläche für's Zelt zu finden. Und die Cold Spring liegt nicht auf dem Trail, sondern ist nur mit einem Dreiviertel Kilometer Umweg zu erreichen. Nützt ja nichts. Ich mache mich auf den langen Weg zur Quelle, das ist inzwischen mein Job. Eine schmale Spur führt in Serpentinen weit nach unten und verliert sich manchmal im Durcheinander. Schöpfen mit der Tasse, bis alle Behälter gefüllt sind, und mit 6 Litern den steilen Weg wieder hinauf. Das war für mich das Anstrengendste des heutigen Tages. Thomas hatte ganz andere Probleme. Mit Schmerzmitteln ist er fast so leistungsfähig wie eh und je. Was für ein Teufelszeug ! Das ist mir unheimlich. Heute waren es 22,5 Kilometer. Bin mal gespannt, ob er morgen aufstehen kann. Ich bin eine gute halbe Stunde unterwegs gewesen zum Wasserholen. In dieser Zeit hat Thomas eine ausreichend große Fläche aufgeräumt und begradigt. Das Zelt steht. Um 20.30 Uhr können wir endlich anfangen zu kochen. Eine Stunde später ist Feierabend und Bettruhe.


Schmerztabletten mit dem ersten Kaffee. Das ist nicht gut, so geht es nicht weiter. Die Entscheidung ist gefallen : Thomas verlässt den Trail in Etna, ich werde weiter auf dem PCT laufen. Jetzt bleibt nur noch die Logistik und das Drumherum zu klären. Während des Laufens haben wir genug Zeit, in alle Richtungen zu denken und neue Pläne zu schmieden. Auf dem ersten Berg haben wir Handy-Empfang und können den Kontakt zu einem Trail Angel herstellen. "Dusty" aus Etna wird uns morgen Nachmittag am Trailhead abholen. Zunächst einmal sind 2-3 Nächte im Hotel geplant, eventuell ein Auto mieten, bei REI meine Ausrüstung optimieren, Flug und die Zeit in Deutschland organisieren.

Einfaches Gelände ist das hier nicht. Weiterhin Aufstieg, der Pfad ist ziemlich steinig, einige Baumstämme liegen im Weg. Wir laufen durch ein Gebiet, wo es letztes Jahr gebrannt hat und viele Hiker ausgebremst wurden. Es ist noch sehr wenig Grün nachgewachsen, nur ganz wenige Bodendecker sind bisher am Sprießen. Völlig schutzlos sind wir der Sonne ausgeliefert, als der Wecker zur Pause klingelt. Nur nackte Baum-Skelette und kein Schatten. Man riecht sogar noch den Brandgeruch.
Windige Pause oben auf dem Sattel in 7000' Fuß Höhe mit Blick auf den Cliff Lake unter uns und einen mit Schnee bedeckten Gipfel im Osten. Erst 5 Kilometer geschafft, und es ist bereits 13.00 Uhr.

Es bleibt weiterhin holperig. Wir befinden uns im Gebirge, immer auf und ab. Der steinige Pfad ist schwierig zu gehen. Schroffe Felswände zu allen Seiten und mehrere Berghänge mit Geröll. Das ist so ziemlich das Schlimmste für schmerzende Füße. Gar nicht schön anzusehen, diese Humpelei. Aber es gibt keinen Weg heraus auf diesem Stück, kein Trailhead und keine Straße in der Nähe. Rechts von uns glitzert die Sonne auf einem weiteren Bergsee, der vermutlich vor kurzer Zeit noch mit Eis und Schnee bedeckt war.

Am Kidder Creek plätschert es munter. Liebliche Blumenwiese, frisches Wasser und Pause. Das waren 8 Kilometer bis 15.30 Uhr. Nicht so dolle, da müssen wir noch etwas drauflegen.

Im weiteren Verlauf durchqueren wir tatsächlich ein Stückchen Wald, allerdings mit vielen umgestürzten Bäumen zum Überklettern und toten Ästen im Weg. Wenigstens hat man dort etwas Schatten, aber das währt nicht lange. Die nächsten 3 Stunden marschieren wir durch verbranntes Gebiet. Es muss ganz frisch verkohlt sein, ebenfalls das Feuer vom Vorjahr. Nur nackte Stämme, graue Steine und Asche am Boden, noch gar keine neuen Pflänzchen. Das sieht sehr trostlos aus, es erinnert an die Kulisse zu einem Endzeit-Film. Umso mehr freuen wir uns, als wir zur Abwechslung an einen See kommen. Der Trail führt direkt am Ufer entlang. Silbrig-blaue Libellen schwirren durch die Luft. Im Wasser schwimmen schwarze Tierchen von etwa 20 Zentimeter Länge, die sehen aus wie große Kaulquappen. Es sind Westamerikanische Wassermolche. Sie leben sowohl im Wasser als auch an Land. Alle Arten sind stark giftig.
Um 19.00 Uhr erreichen wir ein grünes Tal inmitten grauer Berge mit verbrannten Bäumen. Hier fließt ein sauberer Bach, das ist unser Abendwasser. Die ganze Wiese ist mit Gräben durchzogen und durchweg nass. Auf der Suche nach einem trockenen Platz für's Zelt müssen wir durch dieses Labyrinth von kleinen Wasserläufen. Einmal trete ich voll hinein in den Sumpf und stehe bis über die Knöchel im Matsch. Beim Wasserholen steige ich mit beiden Schuhen in den Bach, bevor der Modder antrocknet. Zwei Paar Socken sowie meine Füße werden auch gleich noch gewaschen. Während des Kochens ist das Gas leer. Zum Glück haben wir noch eine Ersatz-Kartusche, damit wird unsere Bohnenpampe doch noch gar. Gemütliches Abendessen auf der Wiese. Es gibt zwar Mossis, aber die plagen uns nicht allzu schlimm. Neben uns plätschert der Bach, und das ist eines unserer liebsten Geräusche beim Einschlafen. Heute waren es 16 Kilometer, morgen sind es noch 17 Kilometer bis zum Treffpunkt mit unserem Trail Angel.
Der Wecker klingelt um 6.30 Uhr. Ganz ungewohnt, aber wir müssen früh los, weil wir langsam laufen. Um 16.00 Uhr sind wir am Etna Summit Trailhead verabredet. Dusty ist pünktlich da und bringt uns nach Etna, einem kleinen Ort mit knapp 700 Einwohnern. Unterwegs bekommen wir von ihr wichtige Informationen zu den umliegenden Städten, Flughäfen und öffentlichem Nahverkehr. Sie erzählt uns von ihren Freunden, die ein Air B & B betreiben. Rusty und seine Frau Katheline haben ein kleines Häuschen und vermieten dieses an Wanderer. Drei Zimmer, der Rest ist gemeinschaftlich zu nutzen. Ein anderer Hiker, den wir schon einmal auf dem Trail getroffen haben, wohnt im "Bienen-Zimmer". Wir haben es für 60,- Dollar die Nacht hübsch und sauber im "Eulen-Zimmer". Dusche, Waschmaschine, Trockner und voll ausgestattete Küche sind vorhanden. Damit müssen wir nur einmal zum Einkaufen und dann gar nicht mehr nach draußen.
Es ist eine Hitze-Warnung aktiv, Temperatur bis 38° bei 15 Stunden Sonne. Unsere Gastgeber sind total nett und hilfsbereit. Sie haben sogar Krücken zum Ausleihen für Thomas. So bald wie möglich müssen wir welche kaufen. Der nächste Walmart ist in Medford. Am dortigen Flughafen gibt es auch einen Auto-Verleih. Zufällig fahren Kathleen und Rusty am Dienstag nach Medford und würden uns mitnehmen. Das ist eine sehr gute Option, denn wir müssen noch einiges organisieren : Flugbuchung, Bestellung eines kleineren Zeltes und Jet-Boils für mich, Warten auf das Paket von Jonathan, REI zum Umtauschen der kaputten Schuhe. Wir nehmen das Angebot gerne an und bleiben eine weitere Nacht im Eulen-Zimmer. Morgens früh ist "Lightweight" aus dem Haus und zurück auf dem Trail. Wir bekommen neue Gesellschaft. "Hemingway" zieht ein. Er ist von Norden nach Süden unterwegs, um einige wegen Feuer in den Jahren 2024 und 2025 ausgelassene Teilstücke des PCT nachzuholen. Wir haben Glück mit unseren Mit-Bewohnern. Alle nicht so ganz jung, eher unser Jahrgang, sehr angenehm.
Um 13.00 Uhr werden wir von Kathleen und Rusty am Flughafen abgesetzt. Rege Unterhaltung unterwegs. Für den amtierenden Präsidenten findet Kathleen genau die richtigen Worte. Sinngemäß übersetzt sagt sie : "Er plappert wie ein 3-jähriges Kind. Ohne Nachzudenken und ohne Filter." Das trifft es auf den Punkt. Besser kann man es gar nicht ausdrücken. So eine gute Beschreibung von dem, was viele denken, habe ich noch nie gehört.
Wir sind viel zu früh in Medford, der Leihwagen steht noch nicht bereit. Die Wartezeit am Flughafen nutzen wir, um unser Zeug im Internet zu erledigen. Unser Guthaben ist aufgebraucht, die kommende Woche haben wir kein eigenes Data mehr. Ab 15.00 Uhr sind wir mit dem kleinsten Wagen unterwegs, den der Verleiher im Angebot hat. Nur etwa eine Stunde Fahrt bis zum Mount Ashland Ski-Gebiet, wo es viele Möglichkeiten zum Parken und Zelten gibt. Vor knapp zwei Wochen haben wir die erste Nacht auf dem PCT an der Grouse Gap Shelter verbracht. Da waren wir allerdings zu Fuß, jetzt steht das Auto vor der Hütte. Die letzte gemeinsame Woche, bevor Thomas mich zurück zum Trail bringt und nach Deutschland fliegt.
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