In Ashland wohnt Trail Angel Servpreet. Den kennen wir noch vom letzten Jahr und haben den Kontakt über die ganze Zeit gehalten. Indische Küche wollte er uns nahebringen, deswegen sind wir zum Mittagessen eingeladen. Es gibt ein ausgezeichnetes 4 -Gänge-Menü, alles frisch vom Farmermarkt und sehr gesund. Diesmal ist Servpreet alleine, weil noch keine Hiker-Saison ist. Wir genießen die ruhige Atmosphäre, gute Gespräche über seine Religion und unsere Welt. Um 16.00 Uhr fährt er uns zum Trailhead, wo wir endlich wieder ein PCT-Schild sehen.

Ich bin sehr irritiert, weil der Weg schnurstracks nach Norden führt, wir aber nach Süden wollen. Kurve nach einer halben Stunde, danach laufen wir direkt nach Westen. Thomas kontrolliert mehrmals unseren Standort in der App. Alles richtig gemacht. Ach ja, wir sind auf dem PCT, und der macht andauernd irgendwelche Schleifen. Auf dem Arizona-Trail haben wir uns sehr daran gewöhnt, zielgerichtet in eine Richtung zu laufen. Nun sind wir endlich wieder unterwegs und freuen uns über einen schönen Waldweg zum Eingewöhnen. Der Schnee kann noch nicht lange geschmolzen sein, so wie der Boden aussieht. Es geht bergauf bis zum Mount Ashland Ski-Gebiet. Mehrere Rehe springen um uns herum, beinahe zum Anfassen nahe. Der noch ordentlich mit Schnee bedeckte Mount Shasta leuchtet in der Abendsonne. Das ist mit 4322 Metern der zweithöchste Berg der Kaskadenkette. Eigentlich dachten wir, dass gegen 20.30 Uhr Feierabend ist, aber dummerweise verpassen wir den Abzweiger zum Zeltplatz. Einfach dran vorbei und erst einen Kilometer später bemerkt. Umdrehen ist kein Thema. Wir laufen weiter, aber es kommt keine gerade Stelle, an der wir unser Zelt aufstellen können. Mittlerweile ist es dunkel. Thomas hat die Taschenlampe an, am Himmel leuchten ein paar Sterne. An einer Forststraße biegen wir ab und machen einen Umweg zur Grouse Gap Shelter. Ein nach 3 Seiten geschlossener und überdachter Grillplatz mit Picknicktischen und Bänken. Daneben passt wunderbar unser Zelt. Auf einem Schild steht "Day use only" - Benutzung nur tagsüber gestattet. Aber das soll uns nun egal sein. Es ist bereits 22.00 Uhr. Niemand wird kommen, weder Wanderer noch Ranger. Gleich am ersten Tag 17 Kilometer geschafft, obwohl wir erst so spät gestartet sind. Das war eigentlich gar nicht unser Plan, aber nun sind wir hier. Wecker brauchen wir nicht, wir werden keinen Stress machen, sondern langsam anfangen.
Wir hatten einige Begegnungen mit nachtaktiven Rehen. Eiskalt war es auf 2200 Meter Höhe, deshalb lange Unterhosen und Daunenjacke im Schlafsack. Während der ersten Übernachtungen im Auto habe ich gesagt, dass ich im Zelt besser schlafen kann. Aber heute muss ich leider feststellen, dass die Nacht nicht besonders erholsam war. Ich habe sehr schlecht geschlafen und fühle mich wie gerädert. Die Füße tun weh, die Beine, der Rücken, der Nacken. Auch Thomas hat einen kleinen Rückschlag erlitten und läuft heute schlechter als gestern. Die 5 Stunden waren wohl zu viel. Unser neuer Plan ist : eine Stunde unterwegs, eine Stunde Pause. Den ganzen Morgen sind wir in der Höhe unterwegs. Die Temperatur ist genau richtig zum Wandern, nicht zu heiß und nicht zu kalt. Tolle Landschaft. Grüne Nadelbäume dicht an dicht, unten sind sie groß und schlank, weiter oben stehen nur noch niedrige Tannenbäumchen. In einem davon befindet sich auf 1 Meter Höhe ein kunstvoll geflochtenes Vogelnest. Darin liegen 4 türkis-farbene Eier. Ein Marienkäfer setzt sich auf den Rand und macht das Stillleben komplett. Das Nest und die auffallend hübschen Eier gehören dem "Robin Bird", das ist ein amerikanischen Rotkehlchen.
Frisches Wasser, eiskalt und sauber, gibt es in guten Abständen. Der Waldboden ist angenehm für die Füße. Sehr schöner Trail. Eigentlich kann man nicht meckern. Unser langsames Vorwärtskommen nennen wir jetzt "Spaziergang" und hoffen, dass die Wehwehchen sich bei vernünftiger Dosierung weglaufen lassen. Am Wrangle Gap verlassen wir den Trail und laufen einen Extra-Kilometer die Forststraße hinunter. Eigentlich machen wir das nicht so gerne, aber am Ende soll es einen historischen Campingplatz geben. Stimmt. Alt und nicht in bestem Zustand, schattig und dunkel. Wasser müssen wir bergauf suchen und aus einem mit Holz umrandeten Schacht schöpfen. Eine Wolke von kleinen Mücken kommt mir entgegen, als ich den Deckel abnehme. Aber das Wasser ist erstaunlich sauber und eiskalt. Es könnte direkt aus dem Berg kommen und sich im Schacht sammeln. Um 18.00 Uhr haben wir Feierabend. Es wird schnell frisch, nachdem die Sonne hinter den Bäumen verschwindet. Wir trinken einen Tee zum Aufwärmen, danach Abendessen und früh in den Schlafsack. Das waren wieder 17 Kilometer, aber über den ganzen Tag verteilt mit vielen Pausen. Normalerweise könnten wir die doppelte Distanz schaffen, aber im Moment sind wir noch in der Testphase und froh, wenn es überhaupt irgendwie weitergeht.
Lange Nachtruhe. Das Geräusch von dicken Tropfen auf dem Zelt weckt uns. Man könnte denken, dass es regnet. Nein, kein Regen. Draußen herrscht dichter Nebel. Von den hohen Bäumen ringsum tropft das Kondenswasser. Das dichte Moos an den Baumstämmen lässt darauf schließen, dass es hier oben die meiste Zeit des Jahres kalt und feucht ist. Kühl und neblig starten wir in die erste Runde. Es läuft. Nicht schnell, aber immerhin geht es vorwärts. Während des Spaziergangs machen wir uns Gedanken über Alternativen, falls wir das Projekt PCT abbrechen müssen.
Dicht bewachsene Hügel, sattgrüne Täler, in letzter Reihe ein paar schneebedeckte Gipfel. Die Landschaft erinnert an Österreich. Mount Shasta thront majestätisch im Osten. Anscheinend befinden wir uns in Bärengebiet. Mehrmals hören wir die typischen Rufe von Bären ganz in der Nähe. Es ist Brunftzeit. Nach 3,5 Kilometern liegt ein wunderbarer Pausenplatz am Wegesrand. Sauberes Wasser läuft durch ein Rohr aus dem Berg. Unterirdisch bis hierhin, und dann direkt aus der Quelle. Besser geht es nicht. Zum Trinken zu kalt, wir kochen wieder Tee.
So ein schöner Trail, den kann man nicht genug loben. Wir hören das Geräusch von Kettensägen, und wenig später treffen wir auf die Verursacher. Eine kleine Crew von Freiwilligen, diesmal nur zwei Männer, die uns den Weg bereiten. Wir unterhalten uns eine ganze Weile und bedanken uns für deren ehrenamtliche Arbeit am Wochenende. Es ist so viel schöner, als wenn man sich durch mannshohes Stachelgestrüpp quälen muss. Die Beiden versprechen uns, dass wir bis zum südlichen Ende Oregons keinen umgestürzten Baum überklettern müssen. Eine Stunde später ist es soweit. Wir passieren unsere letzte Staatengrenze auf dem PCT. Auf einem Schild können wir die Entfernung nach Mexiko und zur Kanadischen Grenze ablesen - falls diese Zahlen noch stimmen, denn die Trails werden jedes Jahr länger. Wir haben noch ungefähr 600 Meilen vor uns, dann ist der PCT komplett. Da steht ein Register zum Eintragen. Außerdem finden wir eine kleine Trail Magic im Metallkasten, irgendwelche Kokosriegel und Pop Tarts.
Kurz hinter der Grenze steht ein historisches Gebäude aus dem Jahr 1935. Viel Wiese drumherum, Picknicktisch und Bänke, ein uriges Toiletten-Häuschen mit Ausblick. Im letzten Jahr haben wir bei einer Trail Magic den Besitzer vom Donomore Cabin kennengelernt. Er hatte uns seine Hütte wärmstens empfohlen. Uns gefällt es nicht, innen ist es dunkel und wenig einladend. In so einer Hütte würden wir nur bei Regen und Sturm übernachten.
Wir möchten noch ein Stück weiter. In 4 Kilometern soll es eine Wasserquelle mit Zeltplatz in der Nähe geben. Dann haben wir dieselbe Distanz wie gestern und vorgestern zurückgelegt. Auch in kleinen Etappen kommt man weiter, es dauert nur doppelt so lange. Oberhalb des Weges ertönen wieder die dumpfen Geräusche von Brunftrufen. Thomas kann das ganz gut nachmachen. Der Bär antwortet ihm tatsächlich. Um 18.30 Uhr haben wir unseren Platz für die Nacht gefunden. Thomas baut das Zelt auf, während ich den Bach suche und 5 Liter abfülle. Die Feuerstelle brauchen wir nicht, aber dicke Holzklötze zum Sitzen und als Tisch sind sehr willkommen. Draußen ist es kalt, beim Abendessen haben wir die volle Montur an. Noch ein heißer Tee vor dem Schlafengehen, dann ist Schicht. Wir hoffen darauf, dass es morgen weitergeht.
Schlafen mit Daunenjacke und Mütze, so kalt ist es nachts. Das ist der Preis dafür, dass wir die schönsten Zeltplätze für uns alleine haben. Wir sind sehr früh im Jahr an dieser Stelle, deswegen treffen wir keine anderen Hiker. Die können weder aus Nord- noch aus Südrichtung so weit gekommen sein. Niemand unterwegs, es ist wunderbar ruhig. Der Weg in Nord-Kalifornien ist nicht mehr so geschmeidig. Wild und unaufgeräumt. Alter Wald mit viel Bruch. Der Pfad ist kaum noch zu erkennen, gespickt mit Ästen aus mehreren Jahren. Viele umgestürzte Bäume liegen quer und müssen überklettert werden. Manchmal findet man den Trail nicht sofort wieder, nachdem man eine Blockade umgangen hat.
Wir haben es vorher gewusst. Als wir letztes Jahr überlegt haben, welches Stück wir auslassen, da war die einhellige Meinung mehrerer Leute : Nord-Kalifornien. In der App wird geraten, man solle besser auf der Straße laufen, um diesen unerfreulichen Teil zu vermeiden. Wir bleiben auf dem Trail, auch wenn es gerade etwas mühsam ist. So schlimm wie in Washington kann es eigentlich nicht werden. Der PCT verläuft heute wieder in alle Richtungen, nur nicht nach Süden. Die vielen Schlenker machen die Orientierung nach der Sonne schwierig. Zum nächsten Wasser führt eine schmale Spur steil nach unten. Mein Job. Eigentlich ist Thomas der Macher, aber der soll im Moment keinen Meter mehr laufen als nötig. Der Weg hinunter zum Bach ist wirklich das Steilste, was wir bisher hatten seit unserem Start. Thomas ist inzwischen weiter marschiert, in der Annahme, dass ich ihn bald wieder einholen werde. Darauf muss er diesmal länger warten. Mit vollen Flaschen klettere ich den Abhang wieder hinauf und folge ganz selbstverständlich dem Weg, von dem der Abzweiger nach unten abging. Nach 20 Minuten bergab wundere ich mich und schalte die App ein. Ich bin off-trail. So ein Mist, da bin ich von der Wasserquelle aus tatsächlich falsch gelaufen. Also wieder zurück, natürlich bergauf. Es dauert eine Stunde, bis ich Thomas eingeholt habe. Ab jetzt wird der Trail noch unübersichtlicher. Es liegt eine Menge Kleinholz herum, außerdem wuchert das Grünzeug von beiden Seiten. Ein riesiger Bärenhaufen liegt am Wegesrand. Bisher hatten wir es nur mit kleineren Exemplaren zu tun. Unsere Futterbeutel nehmen wir nie mit ins Zelt, außerdem dürfte jetzt im Frühling der Tisch für die Bären reichlich gedeckt sein. Ein Hiker kommt uns entgegen und prescht durch die überhängenden Büsche. Ein junger Mann, vielleicht Anfang 20, schnell und energiegeladen. Bemerkenswert, weil es der Erste ist.
Wir möchten bis zur Bear Dog Spring. Die Kommentare in unserer App sagen, dass man diese Quelle leicht verpassen kann. Wir sind also schon einen halben Kilometer davor in Habacht-Stellung, laufen mit dem Handy in der Hand bis zu der angegebenen Stelle. Ja, der Pfad zum Wasser ist ein bisschen zugewachsen, aber immer noch erkennbar, wenn man aufmerksam schaut. Ein hölzener Pfahl markiert den Eingang, sogar der Name der Quelle ist eingeschnitzt. Wo ist das Problem ? Also wer daran vorbei läuft, der ist nicht wirklich auf der Suche. Wir freuen uns über klares Wasser im Überfluss. Ein paar Meter daneben gibt es einen schönen Zeltplatz. Passt wunderbar. Heute waren es 18,5 Kilometer. Morgen soll es regnen, den ganzen Tag mehr oder weniger. Das Schlimmste daran ist die Temperatur von 3°. Wir hoffen, dass sich der Wetterbericht geirrt hat und es nicht ganz so heftig wird.
Tatsächlich regnet es schon früh am Morgen. Es dauert eine ganze Weile, bis wir uns darauf eingerichtet haben. Mein Handy wird doppelt wasserdicht verpackt im Rucksack verstaut. Keine Fotos heute. Es kommt genauso schlimm wie angesagt. Nebel und Regen, dazu weht ein eisiger Wind. Nach einer halben Stunde haben wir keinen trockenen Faden mehr am Leib. In den Schuhen steht das Wasser, da nutzen auch zwei Paar Socken nichts. Angeblich soll die Landschaft um uns herum sehr schön sein, aber wir sehen nichts davon. Nur grauer Nebel, so dass man beinahe die Hand vor Augen nicht sehen kann. Zweimal verlieren wir uns, obwohl wir dicht hintereinander gehen. Bitterkalt ist es. Wir laufen durch verbranntes Gebiet ohne Bäume und sind dem Unwetter schutzlos ausgeliefert. So kann man natürlich auch keine Pause machen. Dazu kommt, dass dieses Gelände schwierig ist. Der nasse Boden ist rutschig. Dutzende umgestürzter Bäume und über den Weg wucherndes Grünzeug bremsen zusätzlich. Der Trail wurde seit Jahren nicht gepflegt und ist an manchen Stellen einfach nicht mehr auffindbar. Thomas marschiert gut. Aus der Not heraus ? Von der Kälte getrieben ? Ungefähr 9 Kilometer laufen wir durch ohne Anhalten. Wir sind durchgefroren und brauchen dringend eine Pause. Habe mir beim Klettern und Straucheln durch die Büsche den Poncho zerrissen, der hat jetzt mehrere Risse am Rücken. In meiner Hose klaffen zwei Winkelhaken. Wir müssen unbedingt heraus aus den nassen Klamotten, trockene Kleidung anziehen und uns im Schlafsack aufwärmen. Vor uns ist ein guter Platz für's Zelt. Eigentlich ist die Idee, dass wir in zwei Stunden wieder abbauen und weiterlaufen, aber daraus wird nichts. Das Unwetter wird immer schlimmer. Der Regen prasselt heftig auf's Dach. Gelegentlich rauscht eine Windböe wie eine Walze durch's Zelt. Einen Tag wie diesen möchte man nicht öfter haben auf dem Trail. Wir trinken heißen Tee, essen früh zu Abend und ziehen uns dann den Schlafsack über die Ohren.
Es regnet die ganze Nacht hindurch. Unser Zelt hält dicht. Aufstehen um 5.30 Uhr ist kein Problem, denn wir haben lange genug im Schlafsack gelegen. Nasse Sachen und nasses Zelt, dann in die nassen Schuhe. Alles siffig, aber wir wissen ja aus Erfahrung, dass die Welt gleich wieder anders aussieht, wenn die Sonne scheint. Wir laufen im Nebel los, um uns herum nur noch hohe Luftfeuchtigkeit. Später verziehen sich die Wolken, und das Wetter wird beinahe schön. Alles okay. Wir sind voll motiviert, denn wir werden heute in die Zivilisation kommen.
Pause nach 8 Kilometern. Wir lernen Falcon kennen. Das Erste, was uns auffällt, ist sein buntes Jolly-Hemd. Damit hat er schon mächtig gewonnen. Als Nächstes hören wir den Akzent und fragen, woher er kommt. Ein Deutscher, der den PCT in mehreren Teilstücken von Süden nach Norden läuft. Falcon ist keine 25 mehr, sondern unser Jahrgang. Er wandert mit Handicap, denn er hat eine durch OP reduzierte Bauchspeicheldrüse und muss deswegen besonders gut auf seine Ernährung achten. Hut ab ! Tolles Beispiel für "Geht doch ".
Es sind weitere 10 Kilometer bis nach Seiad Valley, einer kleinen Gemeinde mit rund 300 Einwohnern. Der Ort liegt etwa 25 Kilometer südlich der Grenze zu Oregon am Klamath River. Wir erreichen Seiad Valley am frühen Nachmittag und steuern zunächst den kleinen Einkaufsladen an. Picknicktisch draußen, freies Internet, optimal für den ersten Einkauf. In Laden riecht es muffig, die Einrichtung besteht aus uralten Regalen mit wenig Inhalt. Das Sortiment ist eher mäßig und teuer, wie zu erwarten war. Aber die Ladenbesitzerin ist sehr nett und interessiert. Wir kommen mit einem halben Dutzend Dorfbewohnern ins Gespräch, während wir draußen mit Limo und Eis sitzen. Hiker-freundlich ist es hier.
Ein Hubschrauber hebt direkt neben der Straße ab. Wir trauen unseren Augen nicht. An einem langen Seil hängt ein Tragegestell, und darin hängen zwei Menschen. Später hören wir die Geschichte dazu : In regelmäßigen Abständen brennt es hier in der Gegend, und jedes Mal wurde die Stromversorgung in Mitleidenschaft gezogen. Jetzt arbeitet ein Energiekonzern ( Pacific Power ) daran, neue Stromleitungen so zu verlegen, dass sie nicht beim nächsten Brand zerstört werden können. Weil die Einsatzorte so unzugänglich sind, werden Menschen und Material per Helikopter zum Arbeitsplatz transportiert. Den ganzen Tag geht das so, ein ewiges Hin und Her in der Luft mit entsprechendem Lärmpegel.
Im Wildwood RV Park stellen wir als einzige Hiker unser Zelt auf einem gepflegten Grundstück auf. Die Zimmer sind gar nicht belegt ( und teuer ). Wie gesagt, es ist noch keine Saison. Rehe und Truthähne spazieren über die Wiese. Der Platz für ein Zelt, eine warme und eine kalte Dusche inklusive Handtuch kosten zusammen 28,- Euro. Okay, das ist es uns wert. Zur Zeit wird der Campingplatz von Nina, einer Deutschen, und ihrem Partner Michael geführt. Nina redet ohne Punkt und Komma. Nach einer halben Stunde kennen wir ihren Lebenslauf sowie diverse Geschichten aus dem Dorf. Das wird mir ganz schnell zu viel. Etwas später lernen wir ihren Freund kennen, der ist zum Glück etwas ruhiger. Im Laufe des Nachmittags fährt auch noch der Eigentümer vor. Er ist anscheinend etwas angetrunken, sagt nur kurz "Hallo" und ist bald wieder weg. Dann kommt ein weiterer Wagen mit einem älteren Herrn drin. Das ist Bill, der abends für uns kochen wird. Alter unschätzbar, mit schlurfendem Gang. Ich blicke bei diesen Verhältnissen nicht so ganz durch. Wer ist wer, und an wen müssen wir bezahlen ? Bill verdient sich mit dem Füttern der Hiker etwas dazu. Die Idee ist wohl daraus entstanden, dass es in Seid Valley kein Restaurant gibt, nur ein Cafe, welches 3 mal in der Woche eventuell geöffnet hat. Wir sind heute die einzigen Gäste und bekommen für 20,- Dollar pro Person ein ordentliches Essen serviert. Es stört ein bisschen, dass Bill die ganze Zeit mit einer Bierdose über der Theke hängt und uns beim Speisen zusieht. Komische Leute sind das hier.
Sehr früh am Morgen beginnen die Vögel mit ihrem Konzert. Das ist okay, davon werden wir auch im Wald gerne wach. Das Grundstück vom "Wildwood" Campingplatz liegt an einer Hauptstraße. Die ganze Nacht hindurch rollte der Verkehr, erstaunlich viele große Lastwagen, aber auch einige Raser. Das hatten wir nicht erwartet in diesem kleinen Dorf. Platzwartin Nina hat eine Vorliebe für Esoterik, Klangschalen und Windspiele. Diese Bimmeldinger hängen draußen überall, sind immer in Bewegung und geben niemals Ruhe. Braucht kein Mensch, der schlafen möchte. Ab kurz vor 8 startet und landet der Helikopter im 10-Minuten-Takt. Es ist einfach nur furchtbar laut. Wir trinken keinen Kaffee im Zelt, sondern bauen sofort ab, packen unser Zeug und flüchten ins Dorf.
Das Café soll Mittwoch, Freitag und Sonntag ab 9.00 Uhr geöffnet haben. Manchmal auch etwas später ( so erzählte es uns gestern die Lady im Einkaufsladen ), weil die Betreiberin 3 Kinder hat. Heute ist Mittwoch, es ist Viertel nach 9 und noch zappenduster im Café. Der Opa an der Kasse des Grocery Stores sagt : "Niemand weiß genau, wann Heather auftaucht." Okay, wir warten. Um Viertel vor 10 wählt Thomas die draußen angeschlagene Telefonnummer, um zu fragen, ob das Café heute geöffnet wird. Heather erzählt ihm, was sie noch alles zu tun hat. Aber ja, sie wird bald kommen. Um 10.00 Uhr geht es los. Endlich Kaffee, Pfannkuchen, Toast, Eier und Speck. Heather ist eine kräftige Frau, ein bisschen zu viel McDonalds, blass, unscheinbare Kleidung. Aber der erste Eindruck täuscht. Wenn sie uns anlächelt, dann geht die Sonne auf. So ein liebes Gesicht ! Freundlich ohne Ende. Bester Kaffee seit langer Zeit, das gesamte Frühstück ist rundum lecker. Die Herzlichkeit dieser Frau wird uns in Erinnerung bleiben. Ansonsten gibt es für uns keinen Grund, ein zweites Mal nach Seiad Valley zu kommen. Es herrscht eine seltsame Atmosphäre im Dorf. Irgendwie passt das alles nicht so richtig zusammen. Viele alte Leute, eher schlicht gestrickt, dazu ein paar schräge Gestalten. Der Weg zurück zum Trail verläuft auf Asphalt, eher untypisch für den PCT. Noch einmal kommen wir mit Einheimischen ins Gespräch. Alle sehr nett, aber auch ein bisschen verschwurbelt.
Eine Turkey-Mama mit ihren Jungen flattert am Straßenrand auf. In Sekundenschnelle sitzt Frau Truthahn mit ihrem halben Dutzend Kindern auf dem nächsten Baum. Erstaunlich, wir wussten gar nicht, dass die so gut fliegen können. Mitten auf der Piste sonnt sich eine Schlange, verschwindet jedoch rasch ins Gebüsch. Die ist braun und glatt und schlank. Eine uns unbekannte Art, eigentlich die erste in diesem Jahr auf dem PCT. Bisher hatten wir es nur mit diversen Arten auf dem Arizona Trail zu tun, und aus dem Auto heraus sieht man gar keine Schlangen.
Ganze 11 Kilometer sind es bis zum Grider Creek Campground, an dem wir lange Pause machen. Ein sehr schöner Platz mit Picknicktischen und Wasser aus dem Fluss, weit abgelegen von den letzten Häusern. Das wäre es gestern gewesen, da hätten wir eine ruhigere Nacht gehabt. Wir befinden uns im Klamath Forest. Vor einiger Zeit hat es hier gebrannt. Schwarz verkohlte Baumstämme ragen in den Himmel, aber die Natur erholt sich rasch. Niedrige Bäume und Büsche haben sich bereits wieder durchgesetzt, der untere Teil des Waldes leuchtet grün. Jetzt geht es in den Aufstieg. Wir haben so viel Schlechtes über diese Strecke gehört und gelesen, aber der Trail überrascht uns positiv. Wir finden es total schön hier in dieser wilden Landschaft. Auf schmalem Pfad geht es immer an den Hängen entlang, links die Felswand und rechts eine Schlucht mit tosendem Wasser unter uns. Eine dünne Schlange mit auffälligem Ring am Hals kreuzt unseren Kurs. Das ist eine Ringneck Snake oder Halsbandnatter. Die ist harmlos, wir kennen sie schon von anderen Trails. Völlig ungefährlich und blitzschnell verschwunden. Der Weg ist längst nicht so schlimm wie erwartet, aber das kann ja noch kommen. Jede einfache Meile auf gutem Weg ist ein Geschenk. Im Moment freuen wir uns nur darüber, dass wir wieder auf dem PCT sind.
An einer Brücke über den Grinder Creek möchten wir den Tag beenden. Thomas hat Feierabend, genug für heute. Der Fluss ist breit, Wasser gibt es genug. Zunächst einmal mache ich mich auf die Suche nach einem Zeltplatz. Hinter der Brücke wird der Wald noch dichter, aber man kann eine flache Stelle hinter dem Grün erahnen. Es erfordert einige Turnerei, um zu diesem versteckten Platz vorzudringen. Die perfekte Lücke im Urwald, und unser Zelt passt so gerade eben dorthin. 17 Kilometer geschafft, obwohl wir erst um kurz vor 12 gestartet sind. Die Hoka-Schuhe von Thomas zeigen bereits Verschleißerscheinungen, und das nach nur 8 Tagen auf dem PCT. Ich habe mal wieder meine Brille geschrottet, die ist in Seiad Valley geblieben. Wir entdecken zwei kleine Zecken im Zelt, die schnellstens hinausbefördert werden. Dann ist Schicht, obwohl es noch hell ist. Das monotone Rauschen des Flusses und das Rascheln der Blätter garantieren erholsamen Schlaf.
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