Der Arizona Trail ( AZT ) ist ein etwa 1300 Kilometer langer Fernwanderweg. Er durchquert den US-Bundesstaat Arizona von Süden nach Norden - von der mexikanischen Grenze beim Coronado Memorial Monument bis zur Grenze zwischen Arizona und Utah am Kaibab Plateau. Die Route umfasst rund 35000 Höhenmeter im Aufstieg.
Wir haben für Samstag, den 28.03. einen Shuttle bestellt, der uns zum Montezuma Pass bringen soll. Abholung um 6.30 Uhr in der Frühe. Außer uns sind noch 3 weitere Hiker im Wagen, junge Leute zwischen 19 und 25 Jahren. Wir könnten deren Großeltern sein.

Im Vorfeld gab es einige Gerüchte. Es hieß, das Monument am südlichen Terminus sei gesperrt und dass man gar nicht bis zur Grenze wandern kann. Wäre schon blöd, wenn wir den Arizona Trail nicht dort beginnen können. Alle sind etwas unsicher, keiner weiß genau, wo wir starten dürfen. Die Realität sieht zum Glück anders aus. Im Besucherzentrum erfahren wir, dass es keine offizielle Sperrung gibt. Natürlich wollen wir bis zur Mauer, die Mexiko von den USA trennt, auch wenn es ein paar extra Kilometer sind.

Für den Nachmittag wurde eine Höchsttemperatur von 34° angekündigt. Die letzten 14 Tage hat es eine ungewöhnliche Hitzewelle im Süden Arizonas gegeben. Temperaturen bis zu 38° Celsius wurden gemessen. Dabei ist das Wandern mit Rucksack nicht mehr lustig. Es wurden Warnungen ausgesprochen. Viele Hiker haben den südlichen Teil verlassen und sind weiter oben im Norden wieder auf dem Arizona Trail eingestiegen. Erhöhter Bedarf an Flüssigkeit, gleichzeitig trocknen die wenigen Wasserquellen immer mehr aus. Natürlich erhöht sich auch die Feuergefahr. Im Coronado National Forest werden seit gestern kontrollierte Brände durchgeführt, demzufolge ist die Luftqualität schlecht und die Sicht sehr eingeschränkt. Ein Gutes hat die Sache aber für uns : Der Himmel ist dunstig, die Sonne knallt nicht so erbarmungslos.


Vom Parkplatz am Montezuma Pass laufen wir zunächst Richtung Süden bis zum Monument hinunter. Zum dritten Mal ( nach CDT und PCT ) stehen wir an der mexikanischen Grenze. Schnell ein paar Fotos gemacht, dann drehen wir um und steigen wieder auf bis zum Montezuma Pass. Die ganze Aktion hat nur 2 Stunden gedauert. Ab jetzt geht es kontinuierlich weiter bergauf. Wir wandern durch die Huachuca Mountains, einer Gebirgskette im Südosten Arizonas. Unser Weg verläuft zunächst stramm nach Westen, immer parallel zur Grenzmauer. Um 15.00 Uhr befinden wir uns schon auf mehr als 3000 Meter Höhe. Es ist heiß, und das Ansteigen mit vollem Proviant und Wasser im Rucksack ist beschwerlich. Unsere Muskeln sind diese Anstrengung nicht mehr gewöhnt.
Eine Etappe weiter kommen wir an eine rostige Badewanne mit einem Rohr, aus dem Wasser fließt. "Bathtub Spring" ist unsere erste Wasserquelle seit heute früh, die 4 Liter vom Start sind weg. Wir sind müde, wahrscheinlich von der Zeitverschiebung. In Deutschland ist es jetzt 3 Uhr nachts am nächsten Tag. Heute wollen wir es nicht übertreiben, keine Lust auf Muskelkater und kaputte Füße. Also kochen wir an Ort und Stelle und schlagen unser Zelt ganz in der Nähe auf. Früher Feierabend. Abendessen bei Tageslicht und milden Temperaturen. Wir genießen es. Schön ist es hier. Der Arizona Trail gefällt uns auf Anhieb.

Die erste Nacht auf dem Trail haben wir wunderbar geschlafen, nur der Rücken macht sich bemerkbar. Unsere Isomatten werden mit jedem weiteren Lebensjahr unbequemer. Die Morgendämmerung setzt erstaunlich spät ein. Abbauen vom Zelt und Packen findet noch im Dunkeln statt. Mit dem ersten Tageslicht um Viertel vor 6 starten wir. Die Luft ist noch herrlich kühl. Frühes Aufstehen lohnt sich immer. Eine Höhle am Wegesrand weckt unser Interesse. Das sieht spannend aus. Thomas wagt den Einstieg, aber es entpuppt sich als Sackgasse.
Ein schmaler Pfad auf Sand, Steinen und Nadeln führt hinunter zum Sunnyside Canyon. Man kann es zwar nicht Wald nennen, aber es gibt etliche Bäume. Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Nach 5 Stunden kommen wir an einen Trog aus Zement, der als nächste Wasserquelle angegeben ist. Trocken und halb gefüllt mit Blättern und Nadeln. Ein Stückchen weiter finden wir einen fast versiegten Bach, dem wir eine Weile folgen. Schließlich erreichen wir eine Stelle, an der das Wasser noch fließt. In Windeseile sind 4 Flaschen gefüllt. Das wird unser Pausenplatz. Schmetterlinge tanzen um uns herum, Vögel zwitschern überall.

Nachmittags erreichen wir eine Windmühle, deren Flügel sich aber nicht bewegen. Daneben steht ein hoher Wassertank. Wir brauchen nichts. Trotzdem klettert Thomas die Leiter hoch und schaut bis auf den Grund. Leer. An einem ausgetrockneten Flussbett treffen wir auf einen Mann, der eine Kamera um den Hals hat. Er ist auf der Suche nach Rattle Snakes, indem er die dicken Steine umdreht. Er fotografiert tatsächlich Klapperschlangen. Was für ein seltsames Hobby ! Aber dieser Mann bestätigt unsere Meinung, denn er sagt : "Die Schlangen tun uns nichts, wenn wir ihnen nichts tun." Genauso sehen wir das auch. Man muss keine übermäßige Angst vor den Tieren in der Wildnis haben.
Dunkle Wolken sind aufgezogen. Rechts von uns blitzt und donnert es. Wir befinden uns wohl gerade am Rand der Gewitterzelle. Trotzdem bleiben wir nicht ganz verschont. Thomas stellt fest, dass er seinen Poncho gar nicht im Rucksack hat. Der liegt wohl auf der Walkabout, denn der ursprüngliche Plan war ja, dass ich den Arizona Trail alleine laufe und Thomas von Mexiko aus in die USA fliegt. Es fängt an zu tröpfeln. Wir suchen uns ein paar Bäume, die aber so wenig Laub tragen, dass sie keinen Schutz bieten. Schon prasselt der Regen los. Ich krame meinen übergroßen Poncho hervor, Thomas deckt sich und den Rucksack mit unserer Zeltplane zu. So lassen wir zusammengekauert das Unwetter über uns hinwegziehen. Es regnet Bindfäden. Ein richtig starker Gewitterregen, zwischendurch mit dicken Hagelkörnern durchsetzt, die sich auf meinem Poncho und der Plane sammeln. Nach einer knappen Stunde ist die Luft wieder rein. Es hat sich deutlich abgekühlt, geblieben ist außerdem ein frischer Wind.

Die Canelo Hills liegen nun vor uns. Mindestens zwei Tage werden wir über diese lieblichen Hügel wandern. Am Abzweiger zum Parker Canyon gibt es Trail Magic. Dort liegen ein Dutzend Kanister mit Trinkwasser und 3 Dosen Bier. Weiter unten im Canyon finden wir einen sauberen Bach mit schönen Zeltplätzen drumherum. Die nächste zuverlässige Wasserquelle liegt erst in 12 Kilometer Entfernung. Das ist zu weit, da bleiben wir lieber für die Nacht hier. Immerhin haben wir 25 Kilometer geschafft. Gar nicht schlecht für den zweiten Wandertag. Aus dem Zelt heraus können wir Tiere beobachten, die sich in der Nähe des Baches tummeln. Ein Reh läuft vorbei, ein Hase hoppelt ganz in der Nähe. Außerdem sehen wir ein hellgraues Tier mit weißen Streifen und buschigem Schwanz. Es hat etwa die Größe einer Katze. Keine Ahnung, was das gewesen ist.

Es geht auf und ab über die Canelo Hills. Tolle Morgenstimmung. Frühling auf dem Arizona Trail. Ein paar schwarze Kühe liegen entspannt am Wegesrand. Alle Arten von Kakteen blühen in rot, gelb, rosa, lila, orange und weiß. Ein Turkey läuft über's Feld. Thomas spricht mit dem Vogel und macht das anscheinend so gut, dass der Truthahn ihm antwortet.



Während der ersten Pause um 8.00 Uhr ist der Himmel noch bedeckt, die Temperatur angenehm. Eine Stunde später herrscht strahlender Sonnenschein, der Himmel ist blau und wolkenlos. Es wird warm. Wir sehen noch mehr Kühe, die sich unter einer Baumgruppe drängen, um im Schatten zu dösen. Drei Muttertiere mit niedlichen Kälbern glotzen uns an. Ein langer Aufstieg in der Mittagshitze bringt uns tüchtig ins Schwitzen. Am Parkplatz zum Canelo Pass steht eine verschließbare Metallbox mit ca. 50 Wasserkanistern. Danke an die Trail Angel, die dieses Depot so fleißig auffüllen und uns damit das Leben leichter machen. :)

Ab 14.00 Uhr wieder Donnergrollen am Himmel. Eine Stunde später regnet es leicht. Kein Handlungsbedarf. Die Tropfen verdunsten so schnell wie sie fallen. Wir laufen einfach weiter, denn wir haben uns viel vorgenommen. Ein Truthahn ruft. Thomas antwortet in derselben Tonlage. Es entsteht eine längere "Unterhaltung". Überall liegen von der Sonne ausgebleichte Gebeine in der Landschaft verstreut. Diese Knochen sind groß und dick, wahrscheinlich von Rindern, die frei herumlaufen und dann verenden. An einem Baumstamm ist sogar ein weißer Schädel angelehnt.

Es blitzt und donnert um uns herum. Etwa eine halbe Stunde vor der nächsten Wasserstelle bekommen wir einen kurzen Regenguss ab. Unser Abendziel ist ein Tank, aus dem wir wenig attraktives Wasser schöpfen. Zwischen den Kuhfladen suchen wir einen einigermaßen sauberen Platz. Der Boden ist steinhart, trocken und festgetrampelt von den Rindern. Die Heringe lassen sich ganz schlecht einschlagen. Und es geht wieder los, der Regen wird immer stärker. Schnell alle Sachen ins Zelt und erst einmal abwarten. Es blitzt und donnert direkt über uns, dann schüttet es wie aus Kübeln. Aus der Liegeposition beobachten wir das Unwetter. Dicke Hagelkörner sammeln sich am Boden. Plötzlich auftretender Wind reißt an unserem Zelt. Nach und nach verliert es die Form, denn die Heringe halten nicht in der harten Erde. Thomas muss mehrmals raus, um das Zelt neu zu spannen und mit Steinen zu beschweren. Draußen ist landunter. Die Pfützen laufen nicht ab. Das ist nicht nur Wasser. Eine Kuhweide ist wirklich nicht der beste Ort bei so einem starken Regen. Das Zelt wird morgen ekelhaft schmutzig sein. Kochen fällt aus. So schnell verhungert man nicht. Wir legen uns direkt hin und ziehen die Schlafsäcke über den Kopf. Stundenlang prasselt es weiter auf's Dach, dabei bleiben wir innen relativ trocken. 12 Stunden unterwegs, viele Pausen gemacht, 30 Kilometer geschafft.

Um 5 Uhr in der Frühe werden wir vom Geheule der Kojoten geweckt. Sie bellen und jaulen im Chor. Dazwischen ruft gelegentlich ein Turkey. Thomas ahmt die Geräusche naturgetreu nach und bekommt promt Antwort von seinen Vogelfreunden. Ich könnte mich wegschmeißen vor Lachen bei dieser Art der Konversation. Stockdunkel ist es noch. Das Zelt und ein paar Kleidungsstücke sind nass. Keine Pfützen mehr auf der Weide, inzwischen ist der Regen versickert. Um uns herum ist es schlammig und das Zelt richtig eingesaut, ebenso die Unterlage. Zeltplane und matschige Schuhe werden kurz durch den Wassertrog gezogen, um das Gröbste abzuwaschen. Sonst ist nicht viel passiert, den Rest wird die Sonne später richten. Zur Pause um 8.30 Uhr gibt es eine warme Mahlzeit, unser ausgelassenes Abendessen von gestern. Wir stellen das Zelt zum Trocknen auf und hängen ein paar Klamotten in die Bäume. Nach 1,5 Stunden ist alles wieder im grünen Bereich. Nein, doch nicht alles .... Unser Zelt ist kaputt. Der untere Reißverschluss lässt sich nicht mehr schließen, und damit bleibt die Tür offen für jede Art von Ungeziefer. Reparieren lassen können wir das Zelt wahrscheinlich erst bei den Damascus Trail Days, die Mitte Mai stattfinden. Bis dahin müssen wir uns irgendwie behelfen, entweder über die komplette Länge zunähen oder mit Klebeband verschließen. Zum Glück besitzen wir ein Senioren-Zelt mit zwei Eingängen.

Von Zeit zu Zeit ertönt wieder das Konzert der Kojoten. Es ist heiß. Wir schwitzen und schleppen uns über die Hügel. Trotzdem sind wir immer noch begeistert vom Arizona Trail. Ein sehr gut strukturierter Wanderweg, der von den örtlichen Wanderclubs unterhalten und gepflegt wird. Die wilde Landschaft, die Abwesenheit von Straßen und Menschen sind genau das, was wir so lieben. Bisher haben wir noch keinen einzigen Thru-Hiker getroffen, seitdem wir vor 4 Tagen am Monument gestartet sind. Es herrscht die totale Einsamkeit. Die Wegführung auf dem Trail ist völlig logisch. Wir laufen fast ausschließlich in Richtung Norden, was viel besser für's Gemüt ist als das ewige Weg-verlängernde Zick-Zack auf dem PCT.


Nur 18 Kilometer bis zur Straße, wo wir den Daumen raushalten. Es dauert gar nicht lange, dann hält ein Reisemobil mit 4 jungen Leuten und nimmt uns mit. So sind wir schon um 14.30 Uhr in Patagonia. Das 900-Seelen-Dorf soll unser erster Stopp zum Einkaufen sein. Niedlicher Ort, der zum Bleiben einlädt. Aber wir sind voll motiviert und möchten heute noch zurück auf den Trail. Klappt auch super. Essen im Wild Horse Restaurant, dabei können wir Handy und Powerbank an der Steckdose laden. Einkaufen im Patagonia Market gegenüber. Der kleine Laden hat alles, was wir brauchen. Mit einigen Leuten kommen wir ins Gespräch, während wir draußen unseren Proviant in die Rucksäcke verstauen. Dann nur eben die Straßenseite wechseln und hoffen, dass bald ein Auto für uns anhält. Gegenüber ruft ein Mann, mit dem wir vorhin kurz geredet haben, dass er uns fahren möchte. Genial. Wir steigen in ein uraltes Auto ein. Was für ein verrückter Typ ! Der redet und lacht in einer Tour. Dieser Wagen dient ihm nur als Ersatzteil-Lager. Er muss wieder zu Hause sein, bevor es dunkel wird, denn das Licht hat er schon ausgebaut. Das ist wirklich kurios. Wir haben sehr viel Spaß an solchen Leuten !

Wir müssen ein kleines Stück auf der Straße zurücklaufen, um zur richtigen Stelle zu gelangen. Währenddessen hält schon wieder ein Auto. Am Steuer eine Frau in unserem Alter, die uns gerne mitnehmen würde nach Patagonia. Supernett, aber da kommen wir gerade her. Hiker-freundlich sind die Menschen hier im Süden Arizonas. Man fühlt sich willkommen.
Ein Abzweiger führt zu einem Water Cache. Im Metallschrank befinden sich nicht nur etliche Kanister Wasser, sondern außerdem Tüten mit Lebensmitteln von anderen Hikern. Wir nehmen noch ein paar zusätzliche Pausensnacks mit. Der große Hunger wird noch kommen, wir sind erst an Tag 4. Unser Zelt wird ganz in der Nähe vom Casa Blanca Trailhead aufgestellt, der kaputte Reißverschluss provisorisch mit Duck Tape zugeklebt.

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