Wir gönnen uns eine Portion Ausschlafen. Der Himmel ist bedeckt, deswegen lassen wir den neuen Tag langsam angehen und trinken gemütlich zwei Kaffee im Schlafsack. Gestern Abend haben wir den Riss im Zelt von beiden Seiten geklebt, aber die Reparatur hat nicht gehalten. Der Reißverschluss klafft auf voller Länge auf. Sehr einladend für Ameisen und andere Insekten. Start erst um 7.30 Uhr. Eine Stunde später überholen wir einen älteren Wanderer und kommen mit ihm ins Gespräch. Er heißt Tim und ist 75 Jahre alt. Vor zwei Tagen haben wir bereits seinen Freund auf einer Tageswanderung getroffen. Es gab ein längeres Gespräch auf dem Trail, und anscheinend haben wir bleibenden Eindruck hinterlassen. Tim hat schon von uns gehört. Seit etwa 50 Jahren läuft er diesen Trail hoch und runter. Er weiß sehr genau Bescheid über die Sperrung des Grand Canyon, weil er erst letzte Woche dort gewesen ist. Wir dürfen ihn anrufen, wenn wir den South Rim erreichen. Er würde dann 3,5 Stunden von Phoenix mit dem Auto unterwegs sein und uns um das geschlossene Stück herum fahren. Anschließend braucht er natürlich noch einmal 3,5 Stunden für den Heimweg. Wir bekommen die Telefonnummer von Tim und von seinem Freund mit der ausdrücklichen Bitte, dass wir anrufen sollen, wenn wir Hilfe brauchen. Wahnsinn - was für ein tolles Angebot !

Kurze Zeit später kommen wir an einem futuristisch aussehenden Ding vorbei. Silberfarben, Aluminium und von ovaler Form. Es sieht aus wie ein Zeppelin oder U-Boot, vielleicht eine militärische Spielerei aus längst vergangenen Tagen. Scheint schon länger hier zu liegen, denn es ist links vom Trail so richtig in die Landschaft eingegraben.
Mittags klart es auf und wird sofort heiß. Um sämtliche Hügel führt unser Pfad, mit mehr oder weniger starken Anstiegen. Wir laufen abwechselnd über Bergkuppen, dann wieder abwärts durch wilde Canyons. Die Hänge sind grün bewachsen, Blumen blühen. Wahrscheinlich ist jetzt die beste Jahreszeit für den Arizona Trail.


Wir sind mitten in einen Wettkampf geraten. "Arizona Monster" ist ein über 300 Meilen ( knapp 500 Kilometer ) langes Rennen durch die heiße Sonora-Wüste. Die meisten der Teilnehmer sehen nicht mehr besonders frisch aus.

Die nächste Wasserquelle finden wir nicht sofort. Angeblich soll sie vom Trail aus sichtbar sein, aber dieser Tümpel ist dermaßen mit grünem Zeug überzogen, dass kaum noch Wasser erkennbar ist. Nicht so toll. Trotzdem nehmen wir 5 Liter mit und lassen es durch unseren Filter laufen. Dauert lange, aber wir brauchen das Wasser zum Kochen, für den Kaffee morgen früh und zum Trinken für unterwegs.

Ein kleines Stück weiter soll ein schöner Zeltplatz sein. Unseren Ansprüchen genügt er nicht, wir laufen weiter und finden etwas Besseres. Vor dem Aufstellen des Zeltes nochmal ein weiterer Reparaturversuch, ein zusätzlicher Streifen Klebeband von innen und von außen. Hoffentlich hält es diesmal. Feierabend um 19.00 Uhr. Unser Lager ist direkt neben dem Trail aufgebaut, und der Wettkampf geht auch über Nacht weiter. Noch lange hören wir die schnellen Schritte der Teilnehmer trappeln. Es fühlt sich an, als würden die bei uns durch's Zelt laufen. Nervt etwas, aber irgendwann siegt die Müdigkeit.

Vollmond und sternenklarer Himmel. Thomas hat eine unheimliche Begegnung, als er einmal nachts raus muss. Er hört ein komisches Geräusch, ein Knistern und Flattern im Wind. Als er ein Stück Richtung Trail geht, um nach der Ursache zu suchen, da sieht er einen der Läufer, wie er sich in Rettungsfolie einwickelt, um ein paar Stunden neben dem Weg zu schlafen. Unser Zelt ist floddernass. Die Reparatur mit 4 Schichten Klebeband hat gehalten. Dafür ist meine Luftmatratze jetzt platt. Die Nacht war ziemlich hart auf steinigem Untergrund. Flickzeug haben wir noch. Es ist nicht brandeilig, man kann auch einfach Luft nachblasen. Zunächst hüpft morgens ein Reh vorbei. Kurz darauf hat Thomas eine Begegnung mit zwei Javelinas. Dick und schwer poltern sie den Hang hinab. Javelinas sind schweineähnliche Säugetiere und in den Wüsten Arizonas weit verbreitet. Sie gehören zur Familie der Nabelschweine, leben in Gruppen und wiegen ca. 16–27 Kilogramm.

Wir kommen an einer Versorgungsstation des Wettbewerbs vorbei. Dort auf dem Parkplatz gibt es einen Metallschrank mit Wasserkanistern für AZT-Hiker. Wir bedienen uns und suchen uns einen Pausenplatz etwas abseits. Gegen 11.00 Uhr kommen uns die letzten Läufer entgegen, langsam und humpelnd. Das war's. Ab jetzt sind wir wieder alleine.
Unterwegs sehen wir ein paar Weißwedel-Hirsche. Etwas später stoppt Thomas abrupt, weil direkt vor ihm ein unbekanntes Tierchen auf dem Weg sitzt. Es ist etwas größer als ein Meerschweinchen und hat helles seidiges Fell. Ich sehe es gerade noch, wie es davonflitzt. Die nächste Station ist das Kentucky Camp, ein Relikt aus Goldgräber-Zeiten. Im späten 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier in verschiedenen Goldminen gearbeitet. Auf dem Gelände sind 5 der verbliebenen Gebäude restauriert worden. Ein Picknicktisch im Schatten auf der Veranda lädt zum Verweilen ein. In der Lodge wurden mehrere Zimmer originalgetreu eingerichtet, so dass eine Art Museum entstanden ist. Aber auch hier hat der Fortschritt Einzug gehalten. Es gibt Steckdosen, an denen wir unsere Geräte aufladen können. Außerdem eine Wasserpumpe und Abfalltonnen. Dieser Abstecher hat sich gelohnt. Gut erholt, ohne Müll in den Taschen und mit vollem Akku geht es weiter.

Der Weg ist unheimlich gut gepflegt. Bäume und Stachelzeug am Wegesrand sehen aus wie frisch beschnitten. Tatsächlich liegen noch einige Werkzeuge an der Seite, die den freiwilligen Arbeitern gehören, die diesen Trail durch die Wildnis für uns begehbar machen. Nach zwei Stunden strammen Marsches über die Hügel schauen wir auf's Handy und kriegen einen ordentlichen Schrecken. Unser Standort wird weitab von der roten Linie angezeigt. Das heißt, wir sind off-trail. Falsch - aber wo sind wir verkehrt gelaufen ? Der Weg war bestens gepflegt, immer gut markiert. Wir können uns überhaupt nicht vorstellen, wo wir uns verlaufen haben. Nach kurzer Ratlosigkeit kommt uns der Gedanke, dass der Trail vielleicht verlegt wurde. Eine neue Routenführung, die in der App auf dem Handy noch nicht sichtbar ist. Ja, so muss es sein. Wir laufen weiter und treffen irgendwann auf eine Forststraße, wo der Trail anscheinend früher verlief. An diesem Abzweiger können wir auch endlich die Entfernung zum Ziel sehen. Der neue Abschnitt wurde in der Höhe um die Hügel herum angelegt, ist aber ca. 3 Kilometer länger. Eine Stunde mehr laufen ist nicht toll in der letzten Etappe, wenn man sich schon auf den Feierabend gefreut hat. Wasser haben wir auch nicht mehr. Nützt ja nichts, weiter geht's auf diesem wunderschönen Weg.
Und noch einmal Weißwedel-Hirsche. Ein kleines Rudel prescht davon, als wir uns nähern. Um uns herum weiden Kühe mit ihren Kälbchen. In einiger Entfernung steht ein Auto auf offenem Feld. Als wir auf eine Lichtung treten, da sehen wir mehrere Wagen, daneben Zelte und eine eingerichtete Kochstelle. Auf einem größeren Zelt sehen wir das Logo und die Initialen vom Arizona Trail. Einige Leute sitzen auf Campingstühlen an einem Lagerfeuer. Einer ruft uns zu "Are you hungry ?" Klar haben wir Hunger. Das sind die Freiwilligen, die seit einer Woche an dem neuen Trail arbeiten. Wir werden herzlich eingeladen, uns mit Essen und Trinken zu bedienen. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Sehr nette Menschen, wir bekommen viele Tipps für den weiteren Weg. Nach zwei Stunden mit interessanten Gesprächen müssen wir abkneifen, denn es wird schon dunkel.




Am Box Canyon finden wir einen ganzen Schrank voll mit Wasserkanistern. Die Leute sind einfach toll hier. Wir nehmen 3 Liter mit und bauen unser Zelt ein kleines Stück weiter auf einer Weide auf. Überall um uns herum stehen und liegen und muhen schwarze Kühe. Die müssen ihre stoppelige Wiese heute Nacht mit uns teilen.
In klaren Nächten auf offenem Feld ist ein nasses Zelt stets vorprogrammiert. Aber die Sonne geht früh auf und trocknet, bis wir unsere Morgen-Zeremonie beendet haben. Meine Luftmatratze musste mehrmals aufgeblasen werden. Da ist definitiv ein Loch drin, welches bei nächster Gelegenheit geflickt werden sollte Die Kühe schlafen noch, als wir losgehen. Der Weg über die Hügel ist wieder sehr angenehm. Es geht uns von Tag zu Tag besser. Nach einer Woche auf dem Trail schmerzen heute zum ersten Mal die Muskeln und Füße nicht. Unser Pfad kreuzt eine Schotterstraße. Von rechts oben kommt ein geländegängiger Polaris mit 4 Männern drin. Das Fahrzeug hält direkt bei uns an. Die Männer fragen, ob wir okay sind und ob wir Wasser brauchen. Nein, danke, wir tragen noch 2 Liter im Rucksack. Aber sehr nett, die Menschen kümmern sich und helfen, wo sie können. Zwischendurch haben wir wieder ein Stück ganz neuen Trail unter den Füßen. Das Werkzeug der freiwilligen Helfer liegt an der Seite. Es ist Oster-Wochenende, da wird wahrscheinlich nicht gearbeitet.

Statt auf einer Schotterstraße verläuft der Weg jetzt unterhalb am Berg entlang. Wir befinden uns auf einem langen Abstieg aus den Santa Rita Mountains. Je tiefer wir kommen, umso mehr und größer werden die Kakteen. So eine Vielfalt an Dornen-Gewächsen, und viele davon stehen in Blüte. Man kommt sich beinahe vor wie im botanischen Garten. Eidechsen flitzen zwischen den stacheligen Pflanzen herum. An einem Weide-Tor hängt ein großes Schild. Es weist die AZT-Hiker darauf hin, dass in 30 Meilen der Saguaro National Park beginnt. Dafür braucht man ein Permit und muss einen Campingplatz reservieren. Außerdem ein Hinweis, wie man das online bezahlen kann. Es wird dringend davon abgeraten, den Park an einem Tag komplett zu durchqueren. Sehr gut organisiert. So kann auf jeden Fall keiner behaupten, er hätte es nicht gewusst.

Ab 14.30 Uhr wird es für einen Moment doof. Unsere App zeigt an, dass wir am Wasser vorbei sind. Zu weit gelaufen ? Da war nichts. Das hätten wir gesehen, wir haben doch drauf gewartet. Vielleicht ausgetrocknet ? Also gibt es kein Wasser in der nächsten Zeit. In meiner Flasche ist nur noch ein Viertel Liter. Wir müssen noch 7 Kilometer weiter. Ein Anlass zum Freuen, kurz bevor wir unser Abendziel erreichen. Neben dem Weg ist da die Zahl "100" aus Steinen gelegt. Hundert Meilen geschafft, das sind etwas mehr als 160 Kilometer.

Twin Tanks ist ein seichter Teich, an dem sich auch die Kühe bedienen. Das Wasser sieht gar nicht lecker aus, aber nach dem Filtern ist es okay. Am Ufer sitzen drei Männer auf einer großen Plane. Kein Zelt. Die haben allerlei Zeug um sich herum verteilt. Es sieht aus, als ob die hier wohnen. Tatsächlich bewegen sie sich nicht weg von ihrem Platz am "Strand". Sie unterhalten sich, spielen mit dem Handy, das Radio läuft. Wir wechseln nach dem Kochen zu einem etwas weiter entfernten Plätzchen. Grillen zirpen, und die Vögel machen ein Heidenspektakel, bevor es dunkel wird.

Wecker klingelt um 4.00 Uhr. Es ist deutlich wärmer beim Aufstehen, weil wir uns in tieferen Lagen befinden. So früh am Morgen sind nur ein paar Kaninchen unterwegs. Die sehen genauso aus wie die auf Norderney am Friedhof oder in den Dünen. Durch eine Anfrage bei Facebook haben wir den Kontakt zu Jenica bekommen. Sie wird uns gegen 10.30 Uhr am Sahuarita Trailhead abholen und uns nach Tucson bringen. Zwei andere Hiker laufen vorbei, während wir warten. "Gator" hat bereits den Appalachian Trail gemacht und läuft jetzt auf dem AZT von Süden nach Norden. Genau wie wir, vermutlich treffen wir ihn demnächst wieder.

Zeit für einen Ruhetag im Hotel. Nach über einer Woche im Zelt und mehr als 170 Kilometern freuen wir uns auf eine Dusche und ein richtiges Bett. Unsere Klamotten brauchen dringend eine Waschmaschine, die Isomatte muss geflickt und meine Hose genäht werden. Planung, Einkauf für die nächste Etappe und Aktualisieren der Homepage stehen auf dem Programm. Haushohe Kakteen wachsen entlang der Straße. Auf dem Weg zur Tankstelle, wo wir uns ein Eis kaufen möchten, kreuzt ein Kojote über die Fahrbahn. Für die Menschen aus der Gegend ist das Alltag, für uns faszinierend.

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