Leider keine Absage von anderen Gästen, eine Verlängerung im Burney Motel ist nicht möglich. Die nette Lady aus dem Hotel bringt mich Dienstag zurück zum Trail. Dafür möchte sie nichts haben, noch nicht einmal Spritgeld. Also geht es zurück auf den Trail. Mein Weg verläuft entlang mehrerer Seen und an einer Fischfarm vorbei. Die Mossis sind frech. Sie setzen sich beim Laufen auf meine Nase. Anschließend steige ich auf in die Hat Creek Rim. Noch ist nicht viel zu merken von den Auswirkungen des Dixie Feuers, es gibt mehr grüne Bäume als erwartet. Damit habe ich auch in der heißen Mittagszeit etwas Schatten. Der Lassen National Forest scheint hier noch in Ordnung zu sein.

Bild

Einen Platz für mein Zelt zu finden ist gar nicht so einfach, obwohl ich wenig Fläche benötige. Überall im Wald sprießen neue Pflanzen. Ringsherum wachsen junge Kiefern, die möchte ich nicht verletzen und biege sie vorsichtig unter das Vorzelt. Kochen brauche ich nicht, habe wieder zu viel schweres Essen im Rucksack. Zwei Bananen und hartgekochte Eier müssen weg. Das reicht mir, weil ich morgens noch Frühstück im Motel bekommen habe. Ich habe eine wunde Stelle am rechten kleinen Zeh, die mit jedem Schritt mehr juckt und schmerzt. Kommt der Fußpilz etwa zurück ? Oder habe ich mir in der 5. Woche auf dem PCT eine Blase gelaufen ? Eher unwahrscheinlich. Bei meiner Inspektion entdecke ich eine Eiter-Blase, die ich mit dem Nagelknipser aufschneide. Heraus kommt Eiter, Blut und ein Splitter von ca. einem Zentimeter Länge. Kein Wunder, dass es weh getan hat. Ich säubere die Wunde, lege ein antiseptisches Tüchlein darüber und befestige es mit einem Gummiband am kleinen Zeh. Über Nacht sollte sich die Wunde schließen, morgen kommt dann nur noch ein Pflaster drauf. 21.00 Uhr ist Feierabend. Gleich am ersten Tag wieder 32 Kilometer weiter.

Bild

Erholsamer Schlaf, ganze 10 Stunden wunderbare Ruhe. Nach dem Abbau des Zeltes ist auf dem Waldboden nur ein plattgedrücktes Rechteck zu erkennen. Bin zufrieden, denn ich habe den jungen Bäumchen keine Nadel gekrümmt. Bald nach dem Start erreiche ich die Grenze vom Dixie Feuer. Nur noch kaputte Bäume und deren Überreste auf dem Boden. Der Weg ist völlig zerstört. Es gibt keinen durchgehenden Trail mehr, der PCT ist völlig verschwunden. Ohne die App auf dem Handy wäre man hier total aufgeschmissen. So kann ich wenigstens die Richtung halten, auch wenn die Spur nicht mehr sichtbar ist. Das "Dixie Fire" war ein Waldbrand, der zum zweitgrößten Feuer in der Geschichte Kaliforniens wurde. Es wütete von Juli bis Oktober 2021 und breitete sich aus zu einer Größe von mehr als 4000 km². Ausgelöst wurde das Feuer durch einen auf eine Stromleitung gestürzten Baum. Erschwert wurde die Feuerbekämpfung durch das steile, schwer zugängliche Gelände.

Noch vor der ersten Pause erreiche ich einen Aussichtspunkt mit Sendemasten. Tatsächlich habe ich Internet und Telefon-Empfang. Nur schade, dass in Deutschland gerade Schlafenszeit ist. Gar nicht so einfach mit der Kommunikation. Wenig später passiere ich ein Tor mit Trail-Register zum Eintragen. Der Lassen National Park liegt vor mir. Alles unter Kontrolle, die möchten gerne wissen, wer hier unterwegs ist. Gerade habe ich in der App gelesen, dass dort ein Bär-Kanister Pflicht ist. Wusste ich nicht und habe ich auch nicht. Da habe ich gar nicht drüber nachgedacht. Mit den Bestimmungen für den Lassen Nationalpark habe ich mich überhaupt nicht beschäftigt, weil wir diesen Teil im letzten Jahr ausgelassen haben. Die Vorschrift gilt allerdings nur, wenn man über Nacht im Lassen National Park bleibt. Es geht um eine Distanz von etwa 32 Kilometern. Das können PCT-Hiker auch an einem Tag durchlaufen, wenn sie den Startpunkt kurz vor der Grenze wählen. Mal schauen, wann ich wo bin und wie ich damit umgehen werde. Ich wandere durch den Plumas National Forest. Auch 5 Jahre nach dem großen Brand gibt es keine lebenden Bäume. Die schwarz verkohlten Stämme ragen ohne Äste kerzengerade in die Luft. Der Boden ist dicht mit frischem Grün bewachsen. Vorsicht bei der Auswahl des Zeltplatzes, denn der Wald ist noch nicht aufgeräumt. Es könnte jederzeit ein toter Baum fallen. Also muss ich frühzeitig nach einem geeigneten Platz für die Nacht suchen. Schön ist das nicht in dieser Einöde und mitten in den verkohlten Überresten. Um 20.00 Uhr erreiche ich mein Ziel. Am Hat Creek fließt schönes Wasser im Überfluss. Gleich daneben ist eine gerade Fläche, so eben ausreichend für mein Zelt. Fazit des Tages : 35 Kilometer geschafft. Das sollte reichen, um in 4 Tagen kurz vor Chester zu sein. Alles wieder schmutzig. Nur mein aufblasbares Kopfkissen ist noch sauber und riecht frisch. Ungefähr alle halbe Stunde kamen mir PCT-Hiker entgegen. Ich habe aufgehört zu zählen. Heute mögen es an die 50 gewesen sein. Das Mittelfeld hat mich erreicht, der sogenannte "Bubble".

Bild

Mein Wecker klingelt ausnahmsweise um 5.00 Uhr morgens. Für heute habe ich mir viel vorgenommen und möchte früh los. Moskitos sind sehr aktiv, und das soll jetzt wohl auch eine Weile so bleiben. Furchtbar lästig sind die, besonders morgens und abends. Ich finde einen Dollar-Schein, ausgeblichen von der Sonneneinstrahlung, trocken und knisternd wie Pergamentpapier. Man hört die Geräusche von Lastwagen und schwerem Gerät in der Nähe. Logging ist in vollem Gange. Auch 5 Jahre nach dem großen Feuer wird im Wald fleißig aufgeräumt. Brauchbare Stämme werden auf riesige Holz-Transporter geladen, schlechtes Holz zu Pyramiden aufgestapelt und zu einem späteren Zeitpunkt kontrolliert abgebrannt. Mehrere Rucksäcke liegen auf einem größeren Zeltplatz, neben jedem steht ein Bär-Kanister. Und richtig - nur 7 Kilometer von meinem Nachtlager entfernt sehe ich ein rotes Ausrufezeichen in der App. Das ist die magische Grenze zum Lassen Volcanic Nationalpark. Von jetzt an ist ein fester Bär-Kanister zwingend vorgeschrieben. Eine Ausnahme gibt es nur, wenn man nicht über Nacht innerhalb der Grenzen zeltet, sondern tagsüber ganz hindurch läuft. Das würde für mich bedeuten, dass ich insgesamt 38 Kilometer stramm marschieren muss, um außerhalb des Parks zu übernachten. Das wird hart. Aber für die restlichen zwei Tage bleibt dann nicht mehr ganz so viel.  Ich schaffe es, ohne gegen die Regeln zu verstoßen. Kurz vor Anbruch der Dunkelheit bin ich durch das Gebiet durch. An der Boundary Spring finde ich sauberes Wasser, um meine Flaschen zu füllen. Kurz hinter der Grenze klettere ich ein Stück den Hügel hinauf, dort ist Platz für mein Zelt. Anstrengender Tag, aber ich bin sehr zufrieden. Die Fußsohlen singen, sonst ist alles gut.  

Bild

Es sind nur noch 24 Kilometer bis zum Highway 36, von wo ich nach Chester trampen möchte. Die muss ich mir einteilen, das wird ein lockerer Tag. Ich kann eine angenehme Wanderung auf gut gepflegtem Trail mit vielen Pausen genießen. Kurz vor der Straße werde ich mir eine Stelle zum Übernachten suchen und damit Samstag früh in der Stadt ankommen. Eine Überraschung wartet am Wegesrand. Da steht eine grüne Metallkiste, wie Jäger sie benutzen. Innen drin finde ich eine bunte Auswahl an Süßigkeiten. Ich freue mich über Fruchtbonbons, die sind immer willkommen.

Bild

Bild

Nachmittags um 17.00 Uhr kann ich Schluss machen. Die App hat es mir vorher verraten : Am Highway 36 gibt es Trail Magic. Da stehen mehrere Kühlboxen mit Wasser, gerade frisch aufgefüllt. So früh möchte ich noch gar nicht in die Stadt, denn mein Zimmer ist erst ab morgen gebucht. Ausreichend Zeltplätze sind in der Nähe, so dass ich mir den am weitesten von der Straße entfernten aussuchen kann. Super ! Fehlt nur noch der freundliche Autofahrer, der mich morgen früh in die Stadt mitnimmt nach Chester. Um 20.00 Uhr ist an meinem Platz endlich die Sonne weg. Das gibt eine lange Nachtruhe.

Bild

Glück muss man haben. Es ist nicht viel Verkehr, jedoch hält bereits der zweite Wagen an. So bin schon um 10.00 Uhr in Chester, einem netten Ort mit 2200 Einwohnern. Erstaunlicherweise gibt es hier Radwege, und tatsächlich sehe ich einige Fahrradfahrer. Chester liegt am Lake Almanor. Das ist ein großer Stausee mit rund 85 Kilometern Uferlinie und im Sommer sehr beliebt bei Urlaubern. Touristisches Zentrum, teure Gegend hier. Mein Handy ist platt, aber die Steckdose ist nicht mehr weit. Das Internet in Chester läuft leider nur schleppend, wie fast überall. Frühstück, Einkauf und dann ab ins Hotel. Diesmal konnte ich zwei Nächte ergattern und freue mich unheimlich auf die insektenfreie Zone. Um 14.00 Uhr kann ich mein Zimmer beziehen. Klein, aber fein, und sauber ist es auch. Erst einmal Tür zu und Ruhe. Vor allen Dingen raus aus der Sonne. Selbst beim Gang zum Einkaufsladen muss ich Sonnencreme auftragen, auf dem Trail sogar mehrmals täglich. Mein Handy kocht und gibt Hitze-Alarm. Im Ort laufen überall Hiker herum. Auch in meinem Hotel ist "der Bubble" angekommen. Allerdings teilen sich die jungen Leute meistens den Preis für das Zimmer, während ich diesen Luxus alleine genießen kann.

Bild

Meine Wäsche muss ich von Hand machen. Nur 5 Teile, die es wirklich nötig haben, und die werden bis übermorgen garantiert im Zimmer trocknen. Bestandsaufnahme nach der Dusche : Meine Eiterblase, wo der Splitter saß, ist gut verheilt. Auch keine Anzeichen mehr von Fußpilz. Bisschen müde, ich bin bis auf gestern immer sehr viele Meilen gelaufen. Fingernägel sind abgebrochen, aber das ist nichts Neues. Vitaminmangel wegen schlechter Ernährung auf dem Trail. Die Hose rutscht. Wenn ich den Hosenbund umklappe, dann hält sie besser. Es wird Zeit für ein richtiges Essen im Restaurant. Mit Avocado-Toast fange ich an. Sehr lecker !

Bild