Das "Dixie Fire" im Jahr 2021 hatte Chester gleich von zwei Seiten eingekreist. Der Flughafen wurde erfasst, zudem traten verschiedene Feuer innerhalb der Stadt auf. Schrecklich. Dazu kommt noch das "Bear Fire" von 2024, welches neue Verwüstungen angerichtet hat. Ich erwarte also keinen schönen Trail auf der nächsten Etappe, sondern wieder verbranntes Gebiet.

Das Bett im Hotel hat mir gar nicht gut getan, es war viel zu weich. Rückenschmerzen. Komme erst um 14.00 Uhr wieder auf den PCT. Mein Trail Angel musste bis mittags arbeiten. Der bärtige Opa fährt so langsam, als hätte er Schlaftabletten genommen. Einmal hält er vor einem Café an, um anderen Hikern Bescheid zu sagen, dass er sie erst später abholen kann. Dann muss er tanken. Etwas später verpasst er unseren Abzweiger und muss wieder umdrehen. Beim nächsten Stopp quatscht er mit einem anderen Trail Angel, der am Straßenrand parkt und uns erzählt, dass irgendwo ein verletzter Hiker wartet. Als wir endlich am Trailhead sind, da kommt gerade ein NoBo-Hiker aus dem Wald. Es folgt eine Viertelstunde höfliches Gequatsche, bis ich mich endlich verabschieden kann. Harte Geduldsprobe. Das wird dann wohl nur ein halber Tag, aber egal. Jetzt bin ich wieder alleine und auf dem richtigen Weg. Himmel bedeckt, die Luft ist schwül-warm. Es könnte heute noch ein Gewitter geben.

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Nur 13 Kilometer nach meinem Start ab Chester erreiche ich den "Halfway Marker" vom PCT, einen ziemlich unscheinbaren Betonpfeiler. Da könnte man auch gerne ein größeres Schild aufstellen, denn für die Thru-Hiker ist es ein bedeutender Meilenstein, sie haben hier den halben Weg geschafft. Meile 1331.2 ist für mich nicht besonders spektakulär, weil wir 3300 Kilometer auf dem Pacific Crest Trail bereits in 2025 gelaufen sind. Etwas über 1000 Kilometer hatten wir ausgelassen, um rechtzeitig vor dem Schnee durch die Sierras zu kommen. Davon sind inzwischen schon 630 Kilometer abgewandert. Jetzt bleibt für mich nur noch ein kleiner Rest von 390 Kilometern bis Echo Lake. Übrigens stimmen meine Zahlen vom letzten Jahr nicht mehr. Sowohl der Punkt, an dem wir den PCT verlassen haben als auch der Ort, an dem wir wieder eingestiegen sind, haben heute eine höhere Meilenzahl. Die aktualisierte Version der App sagt, dass der Pacific Crest Trail schon wieder länger geworden ist.

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Am späten Nachmittag kommt Wind auf, und es beginnt zu regnen. Zunächst nur ein bisschen, aber ich bin ruckzuck nass, weil ich durch dichtes Grünzeug laufen muss. Schuhe und Socken sind auch sofort durch. Die Abkühlung ist trotzdem angenehm. Ein Hubschrauber kreist über mir. Ob die wohl den Verletzten suchen ? Zur Feierabend-Zeit nieselt es nur noch ein bisschen. Ich beeile mich mit dem Aufstellen und gebe mir besonders viel Mühe, weil über Nacht noch mehr zu erwarten ist. Dann wird gekocht. Der Topf mit dem Wasser fällt um und ergießt sich auf dem Waldboden. Der Deckel rollt durch den Dreck. Ärgerlich, aber nicht wirklich schlimm. Nur etwas Gas vergeudet. Ich muss noch einmal hinunter zum Bach, um den Deckel zu spülen und meine Flaschen wieder zu füllen. Es ist schon dunkel, als ich endlich fertig bin. Und es regnet sich weiter ein. Das Zelt steht perfekt, sogar mit dicken Steinen beschwert. Ich habe das Wasser, den Kocher, Kaffee und Kekse griffbereit in der Nähe. So muss ich gar nicht früh aufstehen, wenn das Wetter morgen bescheiden ist. Keiner kommt mehr vorbei. Alle haben sich in Anbetracht des Regens früh in den Schlafsack verzogen. Normalerweise begegnen mir am Vormittag die meisten Wanderer von Mexiko nach Kanada. Das hat irgendwie mit der Wasser-Taktung zu tun. Heute bin ich sehr spät los, habe aber alleine in der zweiten Tageshälfte 26 PCT-Hiker gezählt.

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Meine Iso-Matte war total bequem letzte Nacht. Ich bin nur ein einziges Mal aufgewacht, weil mich meine Mückenstiche gequält haben. Es hat die ganze Zeit ordentlich auf's Dach gepläddert, aber es war sehr gemütlich. Morgens ist der Himmel grau, es zeigen sich jedoch schon ein paar blaue Flecken. Hohe Luftfeuchtigkeit. Die Moskitos sind außer Rand und Band in diesem feucht-warmen Klima. Sie setzen sich auf meine behandschuhte Hand, während ich Kaffee trinke. Ich lasse den Tag gemütlich angehen, damit mein Zelt trocknen kann. Zwei Stunden nach dem Aufstehen geht es los. Alles wieder gut, nur Schuhe und Socken sind noch nass. Es wird vor Giftpflanzen gewarnt. Richtig - beiderseits des Weges wachsen Poison Oak und Poison Ivy, zu deutsch Giftsumach. Beide Arten sind in Nordamerika beheimatet und können bei Kontakt schwere Hautausschläge verursachen. Das fehlte ja jetzt auch noch auf diesem schmalen Pfad. Diese Pflanzen breiten sich immer weiter aus. Es brennt höllisch, wenn man mit den Blättern in Berührung kommt. Das spürt man noch Tage später. Dazu kommt, dass es bei mir zu allergischen Reaktionen führen kann. Bin für solche Fälle gut ausgerüstet und habe eine Menge Anti-Histamin-Tabletten im Gepäck. Aber lieber nicht.

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Es sind trostlose Tage von Chester bis nach Quincy. Die Aussicht ist deprimierend. Es gibt keine gesunden Bäume, das Feuer hat den Wald großflächig zerstört. Nur schwarze Baum-Skelette, die nackt in die Höhe ragen. Tagsüber bin ich der prallen Sonne ausgesetzt und fühle mich abends wie gegrillt. Zelten in den traurigen Überresten und im Ruß. Es riecht sogar immer noch verbrannt. Oder bilde ich mir das nur ein ? Das Wasser ist rar, die Pausenplätze sind gar nicht schön. Diese Etappe möchte ich so schnell wie möglich hinter mich bringen. Viele, viele Kilometer am Tag. Das Handy bleibt die meiste Zeit ausgestellt, um den Akku zu schonen. Erst am späten Nachmittag stelle ich es an, um nach dem Abendwasser und einem möglichen Zeltplatz zu schauen. Schöne Foto-Motive gibt es sowieso nicht in dieser tristen Gegend. Während der ganzen Etappe von Chester bis Quincy sehe ich nur zwei Rehe, die sich anscheinend in diese öde Gegend verirrt haben. Sonst überhaupt keine Tiere, denn die sind vor den Feuern geflohen, und deren Lebensraum ist bis auf Weiteres zerstört.

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Erst am vorletzten Tag gibt es wieder gesunde Bäume. Ich mache einen kleinen Abstecher zu einem Aussichtspunkt, von wo aus ich das gesamte Tal überschauen kann. Alles grün. Am äußersten Punkt des Felsens habe ich sogar Handy-Empfang und kann Thomas ein Lebenszeichen senden. Dieser Platz wäre schön zum Bleiben über Nacht. Schade, dass man hier in der Nähe nicht zelten kann, dafür ist das Gelände zu felsig. Es ist auch noch viel zu früh, um Feierabend zu machen. Ich laufe 10 Kilometer weiter, bis ich Wasser und Zeltplatz an einem Ableger des Bear Creek finde. Nur noch 35 Kilometer bis zur La Porte Road.

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Bin am nächsten Tag gegen 10.00 Uhr am Trailhead, wo ich auf ein Auto warte. Sehr einsam ist es hier, überhaupt kein Verkehr. Eine gute Stunde stehe ich in der Sonne, dann kommt der erste Wagen und nimmt mich mit. Für's Frühstück bin ich zu spät, also lasse ich mich beim Safeway absetzen. Quincy ist ein übersichtlicher Ort mit 1600 Einwohnern. Die Menschen kennen die PCT-Hiker und sind überaus freundlich. Keiner guckt schief, wenn man eine schmutzige Hose oder ein geflicktes Hemd trägt. Fühle mich sehr wohl hier. Ich laufe an einer Eisdiele vorbei und werde von einer älteren Dame angesprochen, die draußen auf der Bank sitzt. Sie erzählt mir, dass es kostenloses Eis für PCT-Hiker gibt. Da kommt auch schon die Bedienung heraus und lädt mich ein. Sie ist selber im letzten Jahr auf dem PCT gewandert. Ich hatte gerade eben ein Ben & Jerry's beim Safeway, also bin ich jetzt nicht bereit für ein weiteres Eis. Aber morgen sehr gerne, ich komme wieder. Tatsächlich bekomme ich mein Gratis-Eis am nächsten Tag, und es kostet nicht mehr als einen Eintrag ins PCT-Gästebuch. Strawberry-Lemon. Sehr erfrischend in dieser Hitze. Tolle Geste !

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Bin einen Tag zu früh in der Stadt, und alle Hotels sind ausgebucht. Mehrere Anfragen bleiben erfolglos. Irgendwo muss ich aber doch bleiben. Ich mache mich auf zum Evergreen Trailer Park, das sind 8 Kilometer den Berg hoch. Habe die Hoffnung, dass ich dort ein schäbiges Zimmer oder wenigstens ein Plätzchen für mein Zelt bekomme. Keiner ging ans Telefon, auf meine SMS bekam ich keine Antwort. Auf dem Weg dorthin liegt auch der River Ranch RV Park. Viele Ecken mit grüner Wiese, das wäre optimal für die Nacht. Fragen kostet nichts. Ich suche den Camp-Host am anderen Ende des Platzes. Die nette Dame erklärt mir, dass ich mein Zelt dort leider nicht aufstellen kann, weil es keine Sanitäranlagen gibt. Die dicken Wohnmobile haben natürlich ihre eigenen Toiletten und Duschen im Fahrzeug. Sie gibt mir den Tipp, ich solle es auf der anderen Straßenseite im Gansner Park versuchen. Dort dürften die Thru-Hiker ihrer Meinung nach kostenlos zelten. Meine Recherche im Internet sagt etwas Anderes. Der Gansner Park schließt um 21.30 Uhr, demnach ist Übernachten wohl nicht erlaubt. Schade. Also schwitzend weiter zum Evergreen Trailer Park. Bereits beim Näherkommen denke ich : Das ist keine gute Adresse. Sehr schmuddelig und heruntergekommen. Hier leben anscheinend Menschen, die sich keine Wohnung leisten können. Alle Zimmer sehen von außen entweder unbenutzbar oder bewohnt von Dauergästen aus. Das "Büro" ist nicht viel mehr als eine unaufgeräumte Werkstatt. Ich frage ein paar Arbeiter, wer hier verantwortlich ist und bekomme die Auskunft, dass der "Manager" gerade nicht da sei und in ein paar Minuten zurück erwartet wird. Immerhin erfahre ich, dass es einen regelmäßigen Bus-Verkehr gibt. So hätte ich mir die 2 Stunden bergauf mit Gepäck sparen können. Eine Viertelstunde warte ich mit immer unbehaglicherem Gefühl. Dann laufe ich einen Kilometer wieder bergab in Richtung Ranger Station, wo ich draußen an einer Pumpe Wasser bekomme. Bin jetzt gut gerüstet zum Kochen und für den Morgenkaffee. Nur einmal über die Straße zu einem kleinen Waldstück, wo ich mir einen Schlafplatz im National Forest suche. Dann eben eine weitere Nacht im Zelt, da fühle ich mich wohler. Ich habe Kopfschmerzen von der Sonne. Morgen geht's ins Hotel.

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Die ganze Nacht über Verkehrslärm von der nahen Bucks Lake Road. Um 5.30 Uhr weckt mich lautes Vogelgezwitscher auf. Ansonsten habe ich prima geschlafen, das war eine gute Entscheidung. Ich freue mich auf die Stadt. In der Frühe nehme ich den kostenlosen Bus nach Quincy. Das Zimmer ist für eine Nacht gebucht, aber noch nicht bezugsfertig. Deswegen lasse ich meinen Rucksack im Hotel und marschiere erst einmal Richtung Downtown. Der Safeway ist immer eine gute Adresse zum Einkaufen. Hinter einem Getränkeautomaten finde ich eine freie Steckdose. Endlich wieder Strom für mein Handy. An der Kasse werde ich von einem bärtigen Mann angesprochen. Er stellt sich vor als "Pounder" und ist ein Trail Angel. Ich bekomme seine Telefonnummer und kann somit ganz einfach per SMS den Rückweg arrangieren. Pounder wird mich gerne zurück zum Trailhead fahren. Ganz nebenbei habe ich meine Freude an einer jungen Familie. Die haben 6 Kinder dabei, 3 davon sitzen in einer großen Einkaufskarre. Wie die Orgelpfeifen, vielleicht zwischen 2 und 10 Jahren alt. Die Frau ist hochschwanger mit Baby Nummer 7. Richtig nett, wie die sich benehmen und lieb miteinander umgehen.

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Ich kaufe mir ein gebratenes Hähnchen. Das ist Usus, wenn Thomas und ich hungrig in einer Stadt ankommen. Aber was habe ich mir bloß dabei gedacht ? Ich bin ja alleine und schaffe nicht einmal die Hälfte davon. Der Rest wandert in den Kühlschrank für morgen. Check-in um 14.00 Uhr. Endlich raus aus der Sonne. Mein Gesicht ist rot. Die Schultern sind verbrannt trotz langärmeligem Hemd. Mein Lieblingsstück von Jolly hatte beim Kauf den Lichtschutzfaktor 50, aber nach 5000 Kilometern auf Trail und unzähligen Wäschen ist der Stoff so dünn geworden, dass die Strahlung anscheinend durchgeht. Für den Rest des Tages verlasse ich mein Zimmer nicht mehr. Irgendwo außerhalb der Stadt gibt es einen Waschsalon, aber dafür müsste man mit dem Bus den Berg hochfahren und Stunden später wieder zurück. Dafür ist mir meine freie Zeit viel zu schade. Es geht auch im Hand-Waschbecken. Die Hose muss genäht werden, außerdem habe ich schon wieder ein Loch in der Socke. Ein off-day ist dringend nötig. Meine Schuhe zeigen Ermüdungserscheinungen. Bin mal gespannt, ob die bis zum Ende durchhalten.