Nur noch 2 Tage bis zur Trail Days Party. Es wird Zeit für uns, wieder in Richtung Süden zu fahren. Dieses Mal finden wir den Blue Ridge Parkway auf Anhieb. Das Wochenende ist vorbei, der Regen anscheinend auch. So können wir diese Prachtstraße bei besten Bedingungen genießen. Wenig Verkehr und schönes Wetter. Wir fahren in gemütlichem Reisetempo über die grünen Hügel. Hier wird tatsächlich Wein angebaut. Viele schöne Aussichtspunkte laden zum Anhalten ein. Pause an einem See. Der Frühling ist ausgebrochen.


Zum Abend hin finden wir einen schmalen Abzweiger, der in einer grünen Sackgasse endet. Das sieht nach einem ungestörten Parkplatz für die Nacht aus. Leider müssen wir feststellen, dass unser Futterbeutel nicht mehr da ist. Nach längerem Suchen und Nachdenken ist klar, dass wir den nach der Mittagspause am Picknicktisch vergessen haben. Die Sachen standen neben dem Auto, und jeder dachte, der andere packt das ein .... Nichts Wichtiges drin, Lebensmittel im Wert von ca. 30,- Euro, plus der Proviantbeutel, der aber sowieso ersetzt werden sollte. Also ist die Sache nur ein bisschen ärgerlich ( und sowieso nicht mehr zu ändern ).

Gepflegtes Frühstück am Mittwoch im Damascus Diner, bevor das Dorf von Hikern überschwemmt wird. Normalerweise steht draußen eine lange Warteschlange, denn dieser Laden ist Kult. Heute bekommen wir um 10.30 Uhr gerade noch den letzten freien Tisch. Im September 2024 wurde Damascus vom Hurricane Helene schwer getroffen. Der Laurel Creek trat über die Ufer, einige Brücken im Ort wurden weggerissen. Strom- und Wasserleitungen sowie Sendemasten für Kommunikation wurden zerstört. Mehr als 650 Kilometer des Appalachian Trails von Georgia bis Virginia waren gesperrt und sind mit der Hilfe von Freiwilligen inzwischen wieder hergestellt worden. Großartige Leistung !

Der Grayson Highlands State Park ist bekannt für seine hochgelegenen Wiesen und frei laufenden Ponys, die 1974 angesiedelt wurden. Als Wanderer läuft man 1-2 Tage über die Weiden, und die niedlichen Pferdchen kommen zutraulich näher. Leider sehen wir aus der Autofahrer-Perspektive keine, also eher enttäuschend. Wenigstens finden wir nach einigem Suchen den Trailhead, an dem der AT sich über die Hügel zieht. Ein Heuballen, ein Salz-Leckstein und einige Schilder verraten uns, dass sich die Ponys hier regelmäßig aufhalten.


Umweg zum Walmart auf dem Rückweg. Wir machen Großeinkauf, damit wir das Auto von Donnerstag bis Sonntag nicht mehr bewegen müssen. Der Parkplatz wird sicherlich mehr als voll, Ein- und Ausrangieren mit Krücken ist nicht so einfach. Mittags auf dem Weg zum Grayson Highlands State Park haben wir uns bereits einen guten Platz zum Schlafen ausgeguckt. Der Jefferson National Forest bietet einige ruhige Nischen neben der Straße nach Damascus. Da haben wir es morgen früh gar nicht weit bis nach Tent City, wo wir ab 9.00 Uhr einchecken und das Zelt aufbauen können.

Mit dem Auto hat man Stress, den man als Hiker gar nicht kennt. Wir sind sehr früh in Damascus, stehen aber ewig in der Schlange und werden von emsigen Polizisten mal hier und mal dorthin geschickt. Ab 9.00 Uhr geht es endlich los. Ein Wagen nach dem anderen wird durch die Sperre gelassen und von Ordnern dicht nebeneinander auf dem Parkplatz eingewiesen. Um 11.00 Uhr sind wir "eingezogen" und haben schon einiges organisiert. Das Zelt steht am Waldrand, die schmutzige Wäsche ist abgegeben, mein Rucksack liegt bei Osprey, Hemd und Hose sind zum Nähen gebracht.

Im Haus der Kirche gibt es umsonst Kaffee und kleine Snacks. Wir treffen Brad, Michelle und viele andere bekannte Gesichter. Zum Beispiel Goldie Lock, die mir schon 3 mal die Haare geschnitten hat. Scarf, den wir 2022 auf dem Florida Trail kennengelernt und später auf dem AT noch einmal getroffen haben. Travelman mit seiner Hündin Stella ist da, ebenso Hawk Maine vom AT 2019. Ich mache einen kleinen Abstecher auf den Appalachian Trail, während Thomas in der Bücherei seine Füße ausruht. Ein Foto vom "White Blaze" muss sein. Komisches Gefühl, nur mal eben einen kurzen Ausflug in den Wald zu machen. Für den gesamten AT haben wir im Jahr 2012 über 5 Monate gebraucht.


Unsere Wäsche können wir am Nachmittag sauber, getrocknet und gefaltet wieder abholen. Hemd und Hose sind genäht, gut genug für die nächsten paar Hundert Meilen auf dem Trail. Mein Rucksack hat eine doppelte Polsterung erhalten. Gratis Abendessen findet in mehreren Gruppen statt. Die Halle ist jedes Mal voll, das Essen schmeckt.


Als letzte Veranstaltung besuchen wir einen Vortrag von Warren Doyle. Der ist unglaubliche 18 mal den kompletten AT gelaufen. Außerdem ist er Gründer der ALDHA - Appalachian Long Distance Hiking Association. Das war im Jahr 1983. Warren Doyle hat sich sehr verdient gemacht um den Appalachian Trail und ist eine Legende. Leider sind seine Dias schon 45 Jahre alt und von schlechter Qualität, die Technik ist veraltet, die Bedienung des CD-Players und der Beleuchtung fällt ihm schwer. Es grenzt schon ein bisschen an peinlich. Wir haben etwas zu spät gemerkt, dass wir diesen Vortrag bereits vor 4 Jahren gesehen haben und langweilig fanden .... Da müssen wir jetzt durch. Die wenigen Teilnehmer der Veranstaltung haben Mitleid und applaudieren höflich.

Freitag und Samstag sind die Haupttage bei den Trail Days. Kaffee, Gebäck und Obst zum Frühstück, natürlich kostenlos. Krankenschwester und Arzt sind wichtig, also gehen wir zuerst zum Medical Screaning. Ergebnis wie erwartet. Eigentlich sind wir gesund, der Fuß von Thomas braucht Ruhe und Geduld. Danach werden wir mit einem Fußbad verwöhnt und bekommen ein Paar gute Socken geschenkt.


Beim Treffen der ALDHA-Gruppe gibt es ab 12.00 Uhr ein leckeres Mittagessen. Den Nachmittag bummeln wir über den Platz mit den Verkaufsständen und werden fündig. Wasserdichte Stopfsäcke, neue Gurte zum Koppeln unserer Isomatten und einen Futterbeutel kaufen wir mit satten Rabatten. Ein Ersatzteil für den Wasserfilter gibt es geschenkt. Zwei Paar Darn Socken mit kleinen Löchern werden anstandslos gegen zwei Paar neue umgetauscht. Nach 3500 Kilometern zeigen sich Verschleißerscheinungen, und Darn gibt lebenslange Garantie. Natürlich besuchen wir auch die netten Leute von Jolly Gear und Osprey. Auf dem Rückweg gibt es schon wieder Trail Magic, diesmal mit Käse überbackenen Toast und Chips. Damit ist für unser Abendessen eigentlich ausreichend gesorgt. Allerdings werden wir bei unseren Freunden von der Kirche noch weiter durchgefüttert. Man kann sich gar nicht dagegen wehren. Wieder warmes Essen, Kuchen und Snacks zum Nachtisch, dazu gibt es zünftige Country Musik.


Am nächsten Morgen Pfannkuchen zum Frühstück - All you can eat. Am Samstag machen die Kinder oder Enkelkinder unserer Kirchenfreunde den gesamten Service. Sehr beeindruckend, dass hier auch der Nachwuchs am Wochenende fleißig hilft und die nächste Generation das gute Werk an den Hikern weiterführen wird. Natürlich ist viel los. Man muss sich hinten an der Schlange anstellen und geraume Zeit auf Kaffee und Pfannkuchen warten. Der Geräuschpegel ist höher, als ich es morgens nach dem Aufstehen vertrage.


Hinter dem Gebäude tragen wir uns in die Liste zum Duschen ein. Handtuch, Seife und Shampoo werden gestellt. Anschließend möchte ich zum Friseur - wieder eine neue Liste. Heiß begehrt, ich muss lange auf meinen kostenlosen Haarschnitt warten. Wollte eigentlich schon wieder gehen .... die Sache mit der fehlenden Geduld. Ich halte durch und bleibe sitzen, bis meine Haare kurz sind. Zu kurz für meinen Geschmack, aber wenn wir wirklich noch bis Oktober wandern, dann lohnt es sich.


Wir haben diesen Termin beim ersten Durchlesen im Programmheft angekreuzt, und es klappt. Wir besuchen einen Vortrag über den Te Araroa von einem jungen Mann, der Anfang 2025 Nord- und Südinsel auf Neuseeland gelaufen ist. Allerdings als eine Art Wettbewerb, Billy hält den Rekord für den schnellsten Thru-Hike. 52 Tage von Cape Reinga bis Bluff, davon hat er nur 2 Tage Auszeit gehabt wegen eines Arztbesuchs. Nur so zum Vergleich : Für unseren Te Araroa haben wir 5 Monate und eine Woche gebraucht. Wirklich toll, die Bilder zu sehen und diese Erinnerungen wieder aufleben zu lassen.


Die traditionelle Hiker Parade findet um 14.00 Uhr statt. Viele verrückte und verkleidete Leute, überall nur Spaß und gute Laune um uns herum. Ich freue mich ganz besonders, als ich ein Schild "class of 2012" entdecke. Das ist unser Jahrgang, unser erster Thru-Hike auf dem Appalachian Trail war 2012. Insgesamt sind es nur 6 ( mit uns dann 8 ) Personen - lange her. Auf dem Weg zur Parade werde ich angesprochen. Mein Name wurde bei der Lotterie am Vormittag ausgerufen, und ich war nicht da. Gewinnen kann man nur bei Anwesenheit, so sind eigentlich die Regeln. Natürlich gehe ich zum Stand, wo die Verlosung stattgefunden hat, und mache ein trauriges Gesicht. Ohne langes Gerede bekomme ich meinen Gewinn trotzdem ausgehändigt, ein Kula Cloth und eine bunte Umhängetasche. Die Jungs von Granite Gear sind soooo cool.

Den restlichen Nachmittag verbringen wir auf der Meile mit den Verkaufsbuden. Wir kaufen ein Hemd von Jolly mit 50 % Rabatt, ein T-Shirt mit White Blaze für umgerechnet weniger als 20,- Euro, ein aufblasbares Kopfkissen mit 30 % Discount. Geschenkt bekommen wir außerdem ein Bandana, ein weiteres Ersatzteil für unseren Wasserfilter und zwei neue Zipper für die Reißverschlüsse an unserem Zelt, diverse Aufkleber und Sticker. Im Haus der Kirche gibt es wieder Salat und Kuchen, alle Arten von Snacks, Kaffee und kalte Getränke. Diesmal erleben wir Live Musik mit Pep. Heute sind die jungen Leute dran und reißen das Publikum mit.


Kurz vor Einbruch der Dunkelheit drehen wir eine letzte Runde bei den Verrückten im Wald. Lichter-Show, Seifenblasen, monotones Trommeln und Menschen-Kino. Noch einmal Trail Magic. Abendessen gratis : Pulled Pork im Brötchen, dazu Chips. Die Fackeln werden entzündet, während wir in der Schlange anstehen. Tolle Atmosphäre ! Wie gerne wäre ich bei Woodstock dabei gewesen !

Sonntag bauen wir schon früh unser Zelt ab. Ich habe die letzten 3 Nächte besser geschlafen als im Auto, weil mehr Platz zum Ausstrecken ist. Um 11.30 Uhr findet auf der Bühne im Park ein Abschluss-Gottesdienst statt. Dreiviertel der Zeit hören wir der Gospel-Musik zu, die zum Mitsingen und Tanzen animiert. Die junge Band spielt hinreißend.
Dann kommt unser Freund Brad auf die Bühne. Ein moderner Prediger in Jeans, Hiking-Schuhen und mit prall gefülltem Rucksack. Tolles Bild - richtig cool. Seine Predigt ist sehr lebensnah und berührend. Selbst den härtesten Kerlen laufen Tränen über die Wangen. Ein letztes Mal treffen wir unsere Freunde von der Kirche, bedanken und verabschieden uns. Sie haben so viel Gutes für die Hiker getan. Es wird nicht gleich im nächsten Jahr sein, aber wir werden auf jeden Fall wiederkommen. Damascus Trail Days sind einzigartig und immer eine ( weite ) Reise wert.

Insgesamt sind wir 5600 Kilometer von Phoenix in Arizona bis nach Damascus in Virginia gefahren. Sonntag geht es von Virginia über Tennessee nach Charlotte in North Carolina, wo wir das Auto abgeben bzw. umtauschen werden. Auch die nächsten 3 Wochen werden wir mit einem Leihwagen unterwegs sein, und zwar von der Ostküste zurück in Richtung Westküste. Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass Thomas bis dahin wieder laufen kann. Diesen Sommer möchten wir die Lücke vom PCT aus 2025 schließen, damit wir uns zur Triple Crown anmelden können. Unsere neue Reiseroute wird laut Internet mindestens 5200 Kilometer betragen, und das ist die kürzeste Strecke ohne Umwege. Zunächst einmal möchten wir Jonathan in Minnesota besuchen. Bis dahin sind es schlappe 2000 Kilometer.
Am Flughafen, wo wir die Autos tauschen, wird es stressig. Wir müssen den richtigen Schalter finden, der ewig weit entfernt und in einer anderen Etage ist. Thomas läuft immer noch mit Krücken und ist nicht der Schnellste. Danach haben wir eine Stunde Generve, um eine neue SIM-Karte aus dem Walmart zu aktivieren. Unser Data ist schon zwei Wochen vor der nächsten Verlängerung aufgebraucht, weil wir die letzte Zeit nur im Auto oder Zelt geschlafen haben. Für's Internet fehlt das freie WLAN im Hotel. Langer Chat mit dem Kundenservice, allerdings ohne Ergebnis. Anscheinend funktioniert das nicht in meinem Gerät. Zum Ende will man uns ein neues Handy schenken. Nein, danke, ich möchte mein deutsches Handy behalten. Es wird spät am Abend, schon fast Mitternacht, bis wir einen Platz zum Schlafen gefunden haben. Unser Waldstück liegt in der Nähe eines Flusses, unzählige Insekten schwirren herum. Tür oder Fenster auf mit Licht im Auto lockt sofort kleine Mücken an.

Ich habe nicht besonders gut geschlafen. Es war viel zu heiß. Die Liegefläche im Chevrolet ist etwas kürzer als die im alten Leihwagen. Unsere Luftmatratzen sind während der Nacht immer platter geworden und mussten mehrmals aufgeblasen werden. Beide verlieren aus irgendeinem Grund Luft. Bis gestern früh waren sie noch in Ordnung. Außerdem habe ich ein paar Mückenstiche kassiert. War also nicht die beste Nacht, ich fühle mich ziemlich zerschlagen. Um 8.30 Uhr sagt die Stimme aus unserem Navi : "Welcome to South Carolina". Aber das bleibt nur eine ganz kurze Stippvisite.
Wenig später heißt es dann : "Welcome to North Carolina." Wieder ein neuer Bundesstaat mit neuen Regeln. Wir sind ursprünglich mit einem Kennzeichen aus Nevada gestartet, jetzt haben wir Illinois am neuen Auto. Das ist die Sache mit den 50 Bundesstaaten .... Noch einmal verbringen wir zwei Stunden im Walmart. Wir brauchen unbedingt Internet. Thomas muss mit dem Kundenservice telefonieren. Immer wieder erklärt er das Problem und soll geheime Ketten von Zahlen eingeben, die E-Mail-Adresse verifizieren, weitere komplizierte Fragen beantworten .... Zum Beispiel "Wie ist die Postleitzahl des Ortes, wo wir uns gerade aufhalten ?" Keine Ahnung, denn wir sind nur auf der Durchreise. Die ganze Konversation findet natürlich nicht auf Deutsch statt. Thomas beweist endlose Geduld und beißt sich durch. Ich assistiere mit meinem Handy, Stift und Papieren .... Letztendlich klappt es. Die Kundenberaterin versteht endlich und löst das Problem. Plötzlich funktioniert die neue SIM-Karte bei Thomas im Handy. Mittlerweile ist es Mittag, und wir sind noch nicht weit gekommen. Aber die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Wir haben jetzt eigenes Internet, wenigstens da, wo Empfang ist.
Mittags überqueren wir die Grenze nach Tennessee. Verrückte Fahrerei. Kreuz und quer durch dieses riesige Land, ohne Rücksicht auf die Spritpreise. Eventuell möchten wir einen Abstecher nach Chicago machen und ein paar spannende Tage in der großen Stadt erleben. Alternativ dazu könnte man auch mit Auto auf die Fähre und eine Teilstrecke auf dem Lake Michigan zurücklegen. Das wäre vielleicht eine interessante Variante, aber diese Idee scheidet schnell aus. Erste Recherchen haben ergeben, dass die Fähre über den See ungefähr 400,- Euro kostet. Der Preis ist für ein Auto mit Standard-Passagier, teurer geht natürlich immer. So viel Geld für eine Überfahrt von 4 Stunden, das ist es uns nicht wert.
Bei der Pause am Nachmittag fällt mir auf, dass die Flicken auf unseren Luftmatratzen aufgeweicht sind. Die Ränder liegen nicht mehr glatt an. Das könnte des Rätsels Lösung sein. Die Matratzen lassen wir immer aufgeblasen im Kofferraum, und es war sehr heiß. Die Flicken haben sich in der Sonne verzogen und dichten nicht mehr richtig ab. Selber schuld. Schön blöd. Auch heute steht die Luft. Es ist unheimlich schwül. Dichte Wolken ballen sich am Himmel zusammen. Mehrmals sind Blitze in der Ferne zu sehen.
15.30 Uhr "Welcome to Kentucky". In diesem Bundesstaat sind die Bestimmungen zum Übernachten im Auto streng. Maximal 3 Stunden Schlaf sind an Raststätten erlaubt, aber das ist uns natürlich zu wenig. In Indiana sieht das ganz anders aus, da ist es legal und zeitlich nicht eingeschränkt. Also weiter bis über den Ohio River, der die Grenze zwischen den Bundesstaaten bildet. Plötzlich kommt sehr viel Wind auf. Zuerst gibt es Regen, dann Hagel und Blitz. Richtig unheimlich ist es beim Überqueren der nächsten Brücke. Es folgt sintflutartiger Regen mit Gefahr von Aquaplaning. Wir fahren vorsichtshalber ab vom Highway, um das Unwetter auf einem Parkplatz abzuwarten. Um 20.00 Uhr sind es immer noch 27° Celsius draußen, im Wagen läuft die Klimaanlage. Der Regen lässt etwas nach, aber Blitze zucken weiterhin am Himmel. Eine knappe Stunde fahren wir durch vielversprechendes Waldgebiet und suchen eine Stelle zum Übernachten. Nichts zu machen, überall private Einfahrten, Briefkästen, Mülltonnen und Zäune. Schließlich bleiben wir am Rand einer schmalen Straße in einer Ausbuchtung stehen und hoffen, dass die meisten Anwohner dieser Sackgasse bereits zu Hause vor dem Fernseher sitzen.
Die ganze Nacht hindurch hat es heftig geregnet. Alle Felder stehen unter Wasser. Morgens um 6.30 Uhr sind wir schon wieder weg und unterwegs nach Chicago. Auf einer Weide liegt eine Herde bunter Rinder mit auffallend großen Hörnern. Jungtiere, so wie es aussieht. Beim ausgewachsenen Texas Longhorn können die Hörner eine Spanne bis über 2,5 Meter umfassen.
Beide brauchen wir unbedingt neue Schuhe, deswegen müssen wir einen Stopp bei REI auf der Route einbauen. Außerdem brauchen wir ein Hotel - natürlich möglichst günstig - mit guter Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Es soll Park & Ride geben und eine Hochbahn, die in und um Chicago fährt. Außerdem wissen wir überhaupt noch nicht, was wir machen wollen bzw. können, ohne dass es zu viel Lauferei wird. Der Fuß von Thomas macht gerade den Eindruck, als ob er besser wird. Trotzdem ist er immer noch auf Krücken angewiesen, und wir möchten keinen Rückfall riskieren. Entscheidungsfindung braucht seine Zeit. Wir verbinden es mit einem guten Frühstück im Cracker Barrel. Superleckere Blaubeer-Pfannkuchen, da möchte ich morgen gleich wieder hin. Wir trinken 4 Pötte Kaffee. Der wird nur einmal berechnet und immer wieder nachgefüllt. Zum Schluss werden wir von der Serviererin gefragt, ob wir einen To-Go-Becher mitnehmen möchten. Das erinnert uns an den ersten AT 2012, als wir beim Chinesen gefragt wurden, ob wir uns noch etwas vom Buffet einpacken wollen. Unglaublich. Gefühlt ist es eine Stunde später, aber unsere Uhr im Auto ist umgesprungen. Der Bundesstaat Indiana hat tatsächlich zwei Zeitzonen. Auf unserer Reiseroute, die jetzt nach Westen führt, erleben wir gerade den Wechsel von Eastern Time zu Central Time. Um 12.00 Uhr sagt ein Schild : "Herzlich willkommen in Illinois". Die Autobahn ist voll. Es sind anscheinend mehr LKWs als PKWs unterwegs. Es wird immer enger. Wir befinden uns jetzt im Großraum Chicago. Das war zu erwarten. Sprit ist so teuer wie noch nie zuvor. Bei REI kann Thomas seine Keen-Schuhe zurückgeben, die er 5 Wochen auf dem Arizona Trail getragen hat. Beide suchen wir uns neue Schuhe aus, Topo für mich und Hoka für Thomas. Alles ist ein Experiment. Wir geben den neuen Marken eine Chance. Ein Paar bunte Sandalen von Keen landen auch an der Kasse. Die sind für's Enkelkind, da konnte die Oma einfach nicht dran vorbei.
Nicht weit entfernt befindet sich ein Walmart, in dem wir uns für 3 Tage eindecken. Frühstück haben wir gar nicht gebucht, und wir erinnern uns noch gut an New York. Dort waren selbst kleine Mahlzeiten unterwegs horrend teuer. Die wenigen Meilen bis zum Motel dauern über eine Stunde. Wir haben Großstadt-Verkehr auf mehreren Fahrspuren, rote Ampeln an jeder Querstraße. Es dauert unfassbar lange, bis wir diese kurze Strecke zurückgelegt haben. Um 17.00 Uhr sind wir endlich eingezogen. Unser Zimmer ist das schlechteste, was wir bisher hatten. Der Hinterhof ist zugemüllt und wahrscheinlich seit Jahren nicht gefegt worden. Fernseher funktioniert nicht. Das Motel liegt direkt am Flughafen, und das Fenster hat nur einfache Verglasung. Gibt es das überhaupt heute noch ? Auf jeden Fall muss man sich hier nicht über Fluglärm beschweren. Es war klar - wir haben die Bewertungen vorher gelesen. Werden sowieso den ganzen Tag nicht im Zimmer sein, weil wir die City erleben wollen. Und der Fluglärm soll "nur" bis um 1 Uhr in der Nacht dauern. Bettwäsche und Handtücher sind sauber, keine Insekten im Zimmer. Alles gut, für uns ist es okay. Wenn man mehr Komfort möchte, dann muss man deutlich mehr Geld für die Übernachtung ausgeben. Das Motel 6 ist einfach supergünstig für so eine Metropole wie Chicago.
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