Montag, 27. April, sind die ersten Worte von Thomas : "Ich kann nicht laufen." Das sagt er ja nicht nur zum Spaß, jetzt brauchen wir schnell einen Plan B. Den schmieden wir während des Kaffee-Trinkens. Einen Kilometer zurück den Geröllabhang hinunter, dann noch einmal über den East Verde River ans andere Ufer. Hier haben wir gestern eine Gabelung gesehen und werden über einen anderen Trail und eine Schotterstraße in die Zivilisation finden. Schlimmstenfalls sind das 25 Kilometer, aber in einfachem Gelände. Ibuprofen 800 macht's möglich. Um 7.30 Uhr stehen wir auf dem höchsten Punkt und empfangen ein Handy-Signal. Thomas schreibt eine Nachricht an "Gila Mama" und bekommt innerhalb von 30 Minuten die Antwort. Wir werden gegen 10.00 Uhr am Doll Baby Trailhead abgeholt. Fantastisch ! Bis dahin sind es insgesamt 6,5 Kilometer auf relativ gutem Weg. Das schaffen wir. Trail Angel sind ein Segen.

"Gila Mama" bringt uns nach Payson, wo es eine große Auswahl an Hotels und günstige Einkaufsmöglichkeiten gibt. Zunächst einmal gönnen wir uns ein solides Frühstück. Danach wird ein Hotel gebucht und im nahe gelegenen Walmart eingekauft. Auspacken, Duschen, den Rest des Tages legen wir die Beine hoch und faulenzen. Die Wäsche kann bis morgen warten.

Es geht wirklich nichts mehr. Thomas kann nicht auftreten, er hat starke Schmerzen unter der rechten Ferse. Ich muss ihm das Frühstück im Zimmer servieren. Was tun ? Krücken wären hilfreich, damit der gereizte Fuß nicht mehr belastet wird. An der Rezeption bekomme ich den Tipp, dass man die im Seniorenzentrum ausleihen kann. Das würde heute helfen, aber wir möchten ja nicht ewig bleiben. Wir nehmen Kontakt auf mit Tim, den wir in der ersten Woche auf dem Trail kennengelernt haben. Er wohnt in der Nähe von Phoenix und hatte uns einen Shuttle um den Grand Canyon angeboten, falls immer noch gesperrt ist. Unfassbares Angebot, denn das wären 3,5 Stunden Fahrt gewesen für einen Weg. Nun reagiert er sofort auf unsere Nachricht, dass wir aussteigen müssen. Morgen früh wird er uns hier im Hotel abholen. Im Walmart kann man tatsächlich auch Krücken kaufen, das ist meine Aufgabe an Nachmittag. Thomas kümmert sich derweil darum, einen Mietwagen zu buchen. Weitermachen ist gerade keine Option. Vermutlich hat er eine Stressfraktur, die man mit Entlastung und Pause in den Griff bekommen kann. Wir sind bisher mehr als 700 Kilometer auf dem Arizona Trail gewandert, weiter geht es zur Zeit beim besten Willen nicht. Wir können das Ding immer noch im September zu Ende laufen. Oberste Priorität hat jetzt Nord Kalifornien, der Rest vom PCT, den wir letztes Jahr ausgelassen haben. Volle 3 Wochen Schonzeit reichen hoffentlich, um wieder fit zu werden. Nach den Appalachian Trail Days werden wir den Leihwagen wieder abgeben und ab Ashland starten.

Tim, unser neuer Freund und Trail Angel, kommt gegen 9.00 Uhr. Wenn man sich unterwegs beim Wandern trifft, dann unterhält man sich meistens nur ein paar Minuten und läuft schnell weiter, weil man ja sein Pensum schaffen möchte. Jetzt haben wir ein paar Stunden Zeit für interessante Gespräche. Während der Autofahrt erfahren wir, dass Tim einen Sohn hat, der in King Cove ( Alaska ) lebt. Dort waren wir auch schon nach Beendigung der Nordwestpassage und haben mit ein paar Fischern geredet. Wir hätten dort gerne unser Boot an Land gestellt. Das war leider wegen der bösen Winterstürme in den Aleuten nicht möglich, weil denen schon Segelboote umgekippt sind. Nach 1,5 Stunden Fahrt landen wir bei Jerry, den wir ebenfalls ganz zu Anfang auf dem Trail kennengelernt haben. Er lebt mit seiner Frau und der dreibeinigen Hündin "Sky" in einer besseren Wohngegend von Phoenix. Wir werden im Bungalow für Gäste untergebracht und sollen uns wie zu Hause fühlen. Dinner am Abend mit Tim, seinem Sohn und Schwiegertochter in einem sehr guten Restaurant. Natürlich sind wir eingeladen. Unfassbar, immer wieder diese Gastfreundschaft zu erfahren. Wir treffen einfach nur die besten Leute.

Donnerstag bringt Tim uns zum Flughafen, wo wir unseren Leihwagen abholen. Ab jetzt sind wir mit dem Auto quer durch's Land unterwegs. Wir möchten an die Ostküste und können uns dabei viel Zeit lassen. Appalachian Trail Days finden 14.-17. Mai in Damascus (Virginia ) statt. Danach werden wir weitersehen und evtl. unsere Lücke auf dem PCT schließen, falls Thomas bis dahin fit genug ist zum Wandern. Unser "road-trip" bietet eine ganz neue Perspektive. Es ist faszinierend, die vorbei fliegende Landschaft aus dem Fenster heraus zu sehen. So schnell und völlig ohne Anstrengung. Anhalten, wann immer wir wollen. Essen und Trinken können wir jederzeit einkaufen und müssen nichts tragen. In Pine bei der Post holen wir unser Päckchen mit Reparaturzeug für's Zelt ab. Alles kein Problem mit Auto. Gemütliche Fahrt über die Landstraße am Nachmittag, dabei kommen wir viel schneller voran, als wenn wir auf dem Trail laufen. Wir checken Mormon Lake aus. Das wäre unser nächstes Ziel gewesen, ab Pine eine Entfernung von 5 Tagen zu Fuß. Im Moment ist hier anscheinend noch keine Saison. Reservierungen sind erst ab 14. Mai möglich. Lodge, Restaurant und der kleine Campstore haben geschlossen. Mormon Lake ist gar kein See mehr, er liegt fast trocken da mit einer kleinen Pfütze in der Mitte. Nächste Station ( nur auf der Durchreise ) ist Flagstaff. Die Stadt mit knapp 80.000 Einwohnern liegt ganz in der Nähe vom Arizona Trail und ist bekannt als das Tor zum Grand Canyon. Bis nach Flagstaff wären das mal eben 9-10 Tage Laufen gewesen, mit dem Auto nur ein paar Stunden. In der Ferne kommt das Colorado Plateau in Sicht. Es wird deutlich kühler. Um 17.00 Uhr sind es nur noch 15° Celsius draußen. Sonst haben wir um diese Zeit in der prallen Sonne geschwitzt. Unser Wagen klettert auf über 2400 Meter, und das ganz ohne Mühe. Auf den hohen Gipfeln westlich vom Highway liegen noch Reste vom Schnee. Andere Vegetation und andere Tierwelt. Ein halbes Dutzend Dickhornschafe spaziert direkt neben der Straße. Wir fahren durch das Gebiet der Navajo Indianer. Sie verkaufen Schmuck und Souvenirs aus Bretterbuden am Straßenrand. Im Auto-Radio läuft ein Sender mit Indianer-Musik. Die Navajo sind mit über 300.000 Mitgliedern der größte indianische Stamm in den USA. Ihr ausgedehntes Reservat erstreckt sich über ca. 70.000 Quadratkilometer in Arizona, New Mexico und Utah.

Unser Auto ist lang genug, dass wir darin schlafen können, wenn wir die Rückbank umklappen. Für die erste Übernachtung fahren wir in Richtung Grand Canyon und biegen kurz vor der Grenze zum Nationalpark auf eine einsame Schotterstraße ab. Der Grand Canyon Nationalpark ist eines der größten Naturwunder der Erde. Er wurde 1979 in die UNESCO Weltnaturerbe-Liste aufgenommen. Diese atemberaubende bis 1,6 Kilometer tiefe und insgesamt 446 Kilometer lange Schlucht hat der Colorado River in Millionen Jahren hier geschaffen.


Morgens haben wir es nicht weit bis zum Ost-Eingang, wo wir am Automaten für 35,- Dollar ein Ticket lösen. Zum Glück ist es noch früh, und wir haben nicht zu viel Touristen-Verkehr an den Aussichtspunkten. Gegen Mittag sieht das schon ganz anders aus. Wir fahren durch den Süd-Eingang hinaus, weil wir uns den kleinen Ort Tusayan ansehen möchten. Der Arizona Trail führt beinahe hindurch, deswegen ist es eine Station, an der man neuen Proviant einkaufen kann. Auf dem Rückweg geht es nur langsam vorwärts. Stop and go mit 5-spurigen Schlangen vor den Ticket-Automaten.


Teile des Grand Canyons sind nach wie vor für den Publikumsverkehr nicht zugänglich. Dazu zählen Abschnitte des North Kaibab Trail, South Kaibab Trail und Bright Angel Trail. Die Campingplätze sind geschlossen, das Wasser ist abgestellt. Nach einem verheerenden Feuer im Sommer 2025 und weiteren Sturmschäden sind umfangreiche Reparaturen zur Wiederherstellung des Wegenetzes erforderlich. Die Grand Canyon Lodge wurde total zerstört. Wegen dieser Sperrungen und Einschränkungen ist ein Thru-Hike auf dem Arizona Trail zur Zeit gar nicht möglich. Die Situation kann bis September nur besser werden, dann werden wir weitersehen.


Gegen Abend befinden wir uns im Four-Corner-Eck. Die US-Bundesstaaten Utah, Colorado, New Mexico und Arizona ( im Uhrzeigersinn) treffen hier aufeinander.
Die Rocky Mountains kommen in Sicht, hohe mit Schnee bedeckte Gipfel. Für den CDT wäre es jetzt definitiv viel zu früh. Die Zeitzone hat sich geändert, wir haben neuerdings Rocky-Mountain-Sommerzeit. Und unsere Karte von Arizona ist zu Ende. Zum Schlafen fahren wir von der Hauptroute ab und folgen einem Abzweiger zum National Forest. Dichtes Waldgebiet, einsam und ruhig. Zelten wäre auch erlaubt, aber unsere Isomatten und Schlafsäcke liegen bereit im umgebauten Kofferraum. Das ist einfacher, außerdem sind die Reißverschlüsse vom Zelt noch nicht repariert. In einer Nische neben einem kleinen Fluss gibt es einen schönen Platz für unser Auto. Wir befinden uns jetzt in den San Juan Mountains. Die kennen wir vom CDT, und alle Erinnerungen daran sind mit sehr viel Schnee verbunden. Die Außentemperatur um 21.00 Uhr beträgt nur noch 3° Celsius.


Nachts friert es. Am nächsten Morgen stehen wir bei Minus 2 Grad auf und haben Eiskristalle an der Scheibe. Weiter geht die Fahrt durch den Bundesstaat Colorado. Entspanntes Fahren auf einer breiten Landstraße mit wenig Verkehr. Colorado ist bekannt für mindestens 300 Sonnentage im Jahr. Heute ist einer davon. Die Landschaft ist grün und bergig. Ein paar Elks ( Maultierhirsche ) grasen neben der Straße. Wir kommen dem CDT immer näher. In Pagosa Springs haben wir 2017 von einer sehr netten Hotelbetreiberin eine luxuriöse Suite mit eigenem Whirlpool im Bad zum Sonderpreis bekommen. Dort konnten wir uns von einer anstrengenden 8-Tage-Etappe durch die tief verschneiten San Juan Mountains erholen. Immer höher schraubt sich unser Auto über die kurvenreiche Straße nach oben bis auf 3310 Meter Höhe. Am Wolf Creek Pass sind wir damals vom Trail ausgestiegen und wieder eingestiegen. 9 Jahre später stehen wir an derselben Stelle, machen ein Foto vom CDT-Zeichen, und die Erinnerungen steigen hoch. Es ist eisig kalt, um uns herum liegt Schnee.


Unsere Straße führt immer weiter geradeaus nach Osten, kein Ende in Sicht und kein Verkehr. Auf dem weiteren Weg liegen die Spanish Peaks rechts von uns. Das sind zwei markante Berge im Süden Colorados, der West Spanish Peak mit 4.154 Metern und der East Spanish Peak mit 3.871 Metern Höhe. Sie gelten als die östlichsten Gipfel der Rocky Mountains und sind noch mit dichter Schneehaube bedeckt. Wir fahren mit gemütlicher Reise-Geschwindigkeit und können uns gar nicht satt sehen an der wechselnden Kulisse zu beiden Seiten.
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