Gute Entscheidung, den Rummel in Sierra City nach kurzer Zeit hinter mir zu lassen. Drei Kilometer über die Straße zurück zum Trail, dann tauche ich in den Wald ein und habe erstaunlicherweise keine Leute mehr von vorne. Die machen Party in Sierra City. Ich bin zufrieden und voll motiviert für den Rest. Die letzten 170 Kilometer laufen. Ein sehr gepflegter Weg durch den Tahoe National Forest liegt vor mir. "Tahoe" hört sich sehr gut an, denn in South Lake Tahoe habe ich den kompletten PCT vollendet. Bis dahin ist sozusagen die Pflicht, danach kommt die Kür. Auf jeden Fall möchte ich noch einmal in die Sierras und über die höchsten Pässe steigen. Gerne würde ich den John Muir Trail machen, aber dafür braucht man ein spezielles Permit. Ich hoffe, dass ich den zuständigen Ranger überzeugen kann, wenn ich persönlich dort vorspreche.

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Für den Rest des Tages geht es auf jeden Fall stramm nach oben. Aufstieg ohne Ende. Immer höher schraubt sich der Weg. Meine Beine wollen nicht mehr. Ich fühle mich ziemlich schlapp, bergauf ist früher leichter gefallen. Ein junger Hirsch läuft mir über den Weg. Was für ein schönes Tier ! Ich habe einen Splitter im Finger. Abends am Lager kann ich den schnell identifizieren und sauber entfernen. Die neueste Masche der Moskitos ist : Sie stechen mich in die Knie, während ich auf dem Boden, einem Stein oder Baumstamm sitze. Wofür sind die eigentlich gut ? Als Nahrung für Vögel, Frösche usw. vielleicht, aber für den Menschen doch eher ein lästiges Übel.

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Weiter geht es in der klaren Höhenluft. Morgens ist die Stimmung besonders schön. Direkt neben dem Weg steht ein äußerst gepflegtes Haus. Die "Peter Grubb Hut" würde ich nicht als Hütte bezeichnen, denn die sieht wirklich schick aus. Unterhalten wird sie vom Sierra Ski Club, die Türen bleiben aber auch im Sommer für die Wanderer geöffnet. Innen ist es leider dunkel und muffig, auf dem Boden sind zahlreiche Hinterlassenschaften von Mäusen und Ratten zu erkennen. Nichts für mich, ich mache meine Pause lieber draußen an der frischen Luft. Kurz darauf überquere ich den Castle Pass auf 2420 Metern Höhe ohne Mühe. Ein netter Pass.

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Strommasten und Ski-Lifte kommen in Sicht, außerdem eine breite Straße mit viel Verkehr. Am Donner Pass mache ich einen Umweg zur Donner Ski Ranch. Hiker-freundlich soll es dort sein. Jeder bekommt einen großen Becher Bier zur Begrüßung. Danach ist mir am Nachmittag noch nicht, weil ich nicht weiß, wo ich den Tag beenden werde. Ich darf auch eine Cola umsonst trinken. Für die PCT-Hiker ist ein gemütlicher Aufenthaltsraum eingerichtet. In der Hiker-Box finde ich eine angefangene Gas-Kartusche, die mir beim Kochen wieder ein paar Tage nützen wird. Es gibt ausreichend Steckdosen zum Laden und freies Internet. Essen und Trinken kann man natürlich auch. Über die Preise in einem Ski-Resort sollte man besser nicht nachdenken. Eine Übernachtung im Schlafsaal mit ich weiß nicht wie vielen Personen kostet 40,- Dollar ( wahrscheinlich plus Tax ). Das ist mir zu viel und sowieso gar nicht mein Ding. Eigentlich könnte ich vom Highway 40 am Donner Pass nach Soda Springs trampen, das ist ein Dorf in nur 5 Kilometern Entfernung. Oder aber in die andere Richtung nach Truckee, das liegt weiter entfernt, ist aber eine richtige Stadt. Freie Unterkünfte scheint es in beiden Orten nicht zu geben, und eigentlich muss ich gar nicht unbedingt einkaufen. Wer gut aufgepasst hat, der merkt, dass ich permanent zu viel Essen trage. Die nicht so beliebten Sachen bleiben unten im Futterbeutel und sind als Notproviant gut geeignet, wenn es mal richtig eng wird. Ich laufe wieder ein Stück zurück in Richtung Trail, klettere ein bisschen über die Felsen und finde einen tollen Zeltplatz ganz in der Nähe. Hier werde ich ungestört schlafen, morgen dann noch einmal zum Frühstück in der Donner Ski Ranch einkehren. Der Plan gefällt mir gut. Immer noch strahlend blauer Himmel. So langsam wird die Hitze erträglicher, bald verschwindet die Sonne hinter den Tannen. Beißende Insekten, die aussehen wie Wespen, ärgern mich ein bisschen. Das sind Western Yellowjackets. Da hilft nur, sofort eine doppelte Schicht anziehen, bevor ich das Lager einrichte. Schnell in die lange Kleidung wechseln, damit habe ich meine Ruhe. Um 20.00 Uhr steht mein Zelt perfekt und ist mit dicken Steinen auch gegen viel Wind gesichert.

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Erstaunlicherweise war es gar nicht kalt während der Nacht, obwohl der Donner Pass in der Sierra Nevada auf 2150 Metern Höhe liegt. Aber geregnet hat es. Ich bin von einem monotonen Geräusch wach geworden, und es dauerte eine ganze Weile, bis ich erkannt habe, dass der Regen auf's Zelt prasselt. Ab und zu mal das Tuten eines Zuges, weil Schienen in der Nähe sind, das hat mich aber nicht besonders gestört. Morgens früh ist es dicht bewölkt, es bleibt jedoch trocken bis auf wenige Tropfen. Zunächst einmal gehe ich zurück zur Donner Ski Ranch, wo es ab 8.00 Uhr Frühstück gibt. Sehr guter Start in den neuen Tag.

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Vor mir liegen nur noch etwa 100 Kilometer mit insgesamt 3500 Höhenmetern Aufstieg bis Echo Lake. Ich befinde mich jetzt in der "High Sierra". Das Gelände wird deutlich anspruchsvoller. Ich beginne mit einem Aufstieg bis auf 2600 Meter Höhe. Ein kurzer Abstecher auf den Tinker Knob, 2780 Meter hoch und ganz nahe am PCT gelegen. Auf die paar Höhenmeter mehr kommt es jetzt auch nicht an, und die Aussicht hat sich wirklich gelohnt. Die Granite Chief Wilderness ist ein unter Naturschutz stehendes Gebiet mit einer Ausdehnung von rund 115 Quadratkilometern. Von Gletschern geformte Täler, klare Bäche, dichte Nadelwälder und steile Granitfelsen dominieren die Landschaft. Auf der rechten Seite liegt der Granite Chief, 2746 Meter hoch. Da muss ich nicht rauf. Extra-Gewicht brauche ich nicht schleppen, denn Wasser gibt es den ganzen Tag über ausreichend. Sehr erfreulich, das hatte ich oben auf der Ridgeline gar nicht erwartet. Erst zum Abend hin fülle ich meine Flaschen und trage diese zwei Liter ein Stündchen weiter. Der PCT führt an einem langen Zaun aus Holz entlang, der das Gebiet der Alpine Meadows Ski Area eingrenzt. Mein Pfadfinder-Blick erkennt sofort einige flache Stellen zum Zelten. Darauf hatte ich gehofft. Nach 32 Kilometern sind meine Beine schwer. Ich bleibe über Nacht, auch wenn es ein bisschen windig werden könnte.

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Meine Bauchtasche für den täglichen Kleinkram ist kaputt. Sie öffnet sich selbstständig, und ich muss unterwegs aufpassen, dass nichts herausfällt. Aber ich habe ja bei Thomas und unserem Durston Zelt gut aufgepasst und gelernt, wie man die Zipper vom Reißverschluss repariert. Das muss noch eine Weile halten, bis ich Ersatz finde. In 6,5 Kilometern erreiche ich eine weitere Grenze, wieder ein rotes Ausrufezeichen in der App. Hier kommt der Tahoe Rim Trail von links und läuft über viele Meilen parallel mit dem PCT. Kleines Problem, denn auf dem Tahoe Rim Trail ist ein fester Bär-Kanister vorgeschrieben. Ich glaube sogar, dass ich den schon früher gebraucht hätte, denn ich befinde mich bereits im Großraum des Lake Tahoe Management. Die Angaben hierzu sind widersprüchlich. Es gibt mehrere rote Ausrufezeichen in der App, die Distanzen sind für die entgegenkommenden Northbounder gerechnet. Ich verstehe es nicht. Ab wann denn nun genau ? Und wie lange ? Ich habe immer noch keinen Bär-Kanister, der wird jetzt aber bei nächster Gelegenheit bestellt. Bis dahin heißt es : Das Zelt möglichst unauffällig und weit weg vom Weg aufstellen. Wenn ich es ganz tief spanne, dann bin ich so gut wie unsichtbar. Kein Lebensraum innen, aber ich möchte mich nur lang machen und schlafen.

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Meine Karte zeigt jetzt eine konstante rote Linie, die weiterhin in der Höhe verläuft. Keine Wegpunkte, keine icons für Wasser oder Zeltplatz. Das sieht nach einer Strecke aus, in der ich Wasser tragen muss. Und es ist schon wieder heiß, die Sonne knallt mit unglaublicher Intensität. Nachts wird es dafür empfindlich kalt in der High Sierra. Höchste Zeit für Socken im Schlafsack. Die Sommerzeit ist vorbei, es wird abends bereits um halb neun dunkel. Letztes Jahr sind wir erst im September durch die Sierras. Da musste der Wecker jeden Morgen früh klingeln, damit wir genügend Stunden Tageslicht zum Wandern hatten.

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Gestern Abend hatte ich ein komisches Insekt in meinem Zelt, dünn und mit langen Beinen. Eine Spinne, ein Käfer, eine Schnake ? Internet-Recherche macht mich schlau. "Crane Fy" - oder mit lateinischem Namen Tipuloidea - ähneln einem großen Moskito, aber sie beißen nicht. Kribbeln im Gesicht, während ich kurz vor dem Einschlafen bin, macht mich leider wieder hellwach. Außerdem haben sich drei dicke Ameisen eingeschlichen, die ich erst in der Frühe entdeckt habe.

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Heute darf ich eine angenehme Bergwanderung in einfachem Gelände genießen. Der Trail führt durch grüne Landschaft. Hingucker sind immer wieder die ausgedehnten Felder von Lupinen und Maultierohr. "Mule's Ear" ist ein einheimisches Kraut aus der Familie der Sonnenblumen, welches hauptsächlich in der Sierra wächst. Am Nachmittag steige ich wieder auf und bleibe mehrere Stunden ganz oben. Ich liebe es.

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Fantastische Aussicht auf Lake Tahoe im Osten. Die Desolation Wilderness ist unglaublich schön, Bärkanister-Pflicht hin oder her. Am Middle Velma Lake nehme ich mein Abendwasser und finde wenig später meinen vorläufig letzten Zeltplatz auf dem PCT. Ich bin dem Ziel wieder 35 Kilometer nähergekommen. Morgen liegen noch einmal 28 Kilometer vor mir bis zum Echo Lake Trailhead.

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Ausnahmsweise habe ich den Wecker auf 5.00 Uhr gestellt. Auf zum Endspurt. Es geht tatsächlich immer noch weiter aufwärts bis zum Dicks Pass auf knapp 3000 Metern Höhe. Im Norden leuchtet tiefblau Dicks Lake. Weitere Seen folgen, abwechselnd mal links und mal auf der rechten Seite. Ich kann plötzlich immer schneller laufen, denn es ist nicht mehr weit.

Am 30. Juli um 15.00 Uhr bin ich am Echo Lake, wo sich der Kreis schließt. Meine Wanderung auf dem PCT hat jetzt keine Lücke mehr. Ich darf mich für die Triple Crown anmelden. Schade, dass Thomas nicht dabei ist. Leider kann ich ihm keinen Standort schicken, denn mein Handy-Akku und die Powerbank sind platt. Trotzdem bin ich froh und stolz, weil ich es geschafft habe. Warte nur 20 Minuten, bis mich ein freundlicher Autofahrer mitnimmt nach South Lake Tahoe. Ein oder zwei Tage brauche ich, um mich zu organisieren. Ich muss mich mit der Planung für den John Muir Trail befassen. Zuerst einmal fehlt noch das Permit, danach kann ich mich um die Logistik kümmern. Ich hoffe, dass das Yosemite Valley mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist.

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Die Hotels in South Lake Tahoe sind entweder ausgebucht oder nicht meine Preisklasse. Selbst die Campingplätze im Ort sind horrend teuer und haben keinen freien Platz. Es ist Hochsaison. Da laufe ich doch lieber ein Stück raus aus dem touristischen Zentrum und stelle mein Zelt bei Anbruch der Dunkelheit in einem Park auf. Dabei bin ich sehr unauffällig und brauche noch nicht einmal Licht. Für ein paar Stunden Schlafen wird es okay sein. Morgen dann der nächste Schritt, ich habe einen Bus nach Mammoth Lakes gebucht.

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