Wir segeln und wandern durch die Welt

Glasgow bis Shenandoah National Park

 

71. Tag Glasgow / Virginia

 

Dienstag, 27.05.

Gestern hatte ich trotz aller Vorsicht eine ganze Menge kleiner Muecken im Zelt, die aber zum Glueck sehr traege waren und sich leicht zerklatschen liessen. Ausserdem hat eine dicke Spinne bei mir im Zelt uebernachtet und erst heute frueh den Weg wieder nach draussen gefunden.

Grosse Enttaeuschung am Morgen : Das Diners, in dem wir vor 2 Jahren gefruehstueckt haben, gibt es nicht mehr. Und das andere Restaurant im Ort war damals und ist auch heute noch geschlossen. Also gibt es kein Ruehrei, stattdessen Selbstversorgung wie im Wald. Wenigstens bekomme ich an der Tankstelle Kaffee und Schokoladen-Eis.

Bin noch unschluessig, ob ich mein Zelt eine weitere Nacht an diesem schoenen Platz stehenlasse oder eventuell am spaeten Nachmittag  schon wieder zurueck auf den Trail gehe, sobald ich meinen Kram erledigt habe.

Meine naechste Station wird das Rockfish Gap in etwas mehr als 77 Meilen sein, von wo aus ich nach Waynesboro trampen moechte. Bin voraussichtlich am Samstag abends dort. Die Buecherei hat am Wochenende geschlossen, deswegen wird es dann keine neuen Eintraege geben.

Hinter Waynesboro beginnt auch schon der Shenandoah National Park – bin mal gespannt, wie viele Baeren mir ueber den Weg laufen.

Eigentlich wollte ich mein Zelt noch eine weitere Nacht hier stehen lassen, aber um 18.00 Uhr kommt ein baertiger Hiker ganz aufgeregt zu mir, um mir eine Sturmwarnung mitzuteilen. Es soll in etwa einer Stunde ein Gewitter mit viel Wind und Regen geben. Ob ich nicht diese Nacht in der Shelter verbringen moechte ? Nein, danke.

Bei Sturm und starkem Regen bin ich besser im Wald aufgehoben als auf der nackten Wiese. Deswegen packe ich schnell meinen Kram zusammen, baue das Zelt ab und laufe etwa eine Meile aus dem Dorf heraus bis zur Hauptstrasse. Diesmal haelt ein ausgesprochen gut aussehender junger Mann, um mich mitzunehmen.

Ich habe extrem viel geladen, weil ich ja eigentlich erst morgen wieder starten wollte. Deswegen sind in meinem Rucksack 2 Literflaschen Gatorate, 2 Cola, 2 kleine Flaschen Milch, eine Tuete Chips und sogar 2 Dosen Bier, die ich heute Abend vernichten wollte. Ganz schoen schwer, aber der Weg ist zum Glueck nicht weit.

Um 19.30 Uhr bin ich wieder auf dem Appalachian Trail, der Himmel wird schon dunkel. Auf diesem Abschnitt bluehen die Rhododendren ausschliesslich in weiss. Schon nach ein paar Minuten stolpere ich fast ueber eine ausgewachsene Black Racer. Die liegt mit ihrer ganzen Laenge von ca. 1,50 Meter quer auf dem Weg, laesst sich ganz nett fotografieren und schlaengelt sich dann seitlich ins Gebuesch. Willkommen zurueck im Wald !

Nach etwa einer Meile faengt es an zu regnen, ich muss tatsaechlich noch den Regenponcho herauskramen. Es sind nur 2 Meilen bis zur Johns Hollow Shelter, wo ich die Nacht verbringen will. Hatte mal wieder gehofft, dass eine Shelter so kurz hinter dem Ort leer sein wird, dann haette ich das Unwetter schoen trocken unter Dach abgewartet. Aber schwer getaeuscht, die Shelter ist natuerlich bewohnt, und auf dem Platz drumherum stehen 18 Zelte. Es sieht ein bisschen aus wie im Pfadfinder-Jugendlager, aber tatsaechlich sind das alles Thru-Hiker. Da geht nun leider kein Weg dran vorbei, ich muss mein Zelt mitten hinein stellen. Aber gut, dass ich jetzt Feierabend mache, denn kaum bin ich drin, da prasselt es ordentlich auf mein Dach.

 

72. Tag Berge am Morgen und am Abend

 

Mittwoch, 28.05.

Morgens um 5.00 Uhr werde ich vom allgemeinen Geklapper der Zeltstangen und vom Rascheln der Rucksaecke wach. Um 5.30 Uhr brennt schon das Lagerfeuer. Die sind ja alle wahnsinnig ! Ich will noch mit Niemandem reden und fruehstuecke im Zelt. Als ich um 6.45 Uhr losgehe, da stehen nur noch drei Zelte, alle anderen sind bereits weg.

Fruehsport wie fast jeden Morgen : 2 Berge am Vormittag, knapp 800 Hoehenmeter ‚rauf und wieder ‚runter. Auf dem Gipfel des Bluff Mountain befindet sich das Grab des kleinen Ottie, der im Alter von 4 Jahren und 11 Monaten aus seiner Tagesstaette verschwunden ist und hier oben tot aufgefunden wurde. Traurig !

Ich aendere meine Mittagsplanung. Habe schon zum Fruehstueck eine halbe Packung Cornflakes mit einer Flasche Milch leergemacht, nun vernichte ich die andere Haelfte mit meiner 2. Flasche Milch. 1. wird die morgen vielleicht sauer sein 2. moechte ich die Flasche nicht laenger tragen und 3. gibt es hier an der Strasse praktische Abfalltonnen.

Danach wird das Gelaende flacher, es geht den Nachmittag ueber viel bergab. Zwischendurch  gibt es 2 – 3 kurze Regenschauer, die aber immer schnell wieder vorbei sind. Auf diesem Abschnitt laufe ich durch Rhododendron-Hecken in lila. Der Wald duftet ganz stark nach den Straeuchern mit den weissen Blueten, die ringsum wachsen. Die Natur auf dem Appalachian Trail ist total spannend, wenn man so wie ich genug Zeit hat, die Veraenderungen auf dem Trail jeden Tag zu beobachten.

Rings um mich herum rufen die Baeren, aber es laesst sich keiner blicken. Die muessen sich weit ueber den Shenandoah National Park ( Population 300 – 400 Stueck in 2012 ) ausgebreitet haben. Ich sehe jedenfalls nur die kleinen Tiere : Echsen und Froesche, Eichhoernchen, Streifenhoernchen, ab und zu mal ein Kaninchen.

Das Ueberqueren der Pedlar River Bridge macht mir riesigen Spass. Es ist eine alte Haengebruecke, die richtig schoen wackelt beim Drueberlaufen.

Nach 19 Meilen bin ich an dem kleinen Bach angelangt, an dem wir damals gezeltet haben. Da steht eine Bank, Wasser gibt es auch genug, also wird hier gleich gekocht. Ich mag mein Zelt nicht direkt neben dem Weg aufstellen, wenn wir noch 3 Stunden Tageslicht haben. Also Abwaschen, meinen Kram zusammenpacken und noch ein Stueck weiterlaufen.

An der naechsten Strasse nach Buena Vista stehen einige Picknick-Tische, einer davon ist reichlich gedeckt. Da gibt es einen angefangenen Karton Zitronen-Limo, einen vollen Karton mit Energy-Drink, Fruchtstangen und ein 2 Kilo-Glas mit Cashew-Kernen. Ausserdem haengen dort noch Plastikbeutel mit verschiedenen Sorten Chips, Tacos, Flips und anderem Knabberkram. Ich will nicht schon wieder Pause machen, stopfe mir die Taschen voll und laufe dann weiter. Bin schon fast wieder im Wald verschwunden, da hupt es ploetzlich hinter mir. In Deutschland oder Suedamerika wuerde ich auf sowas gar nicht reagieren, aber hier entlang des Trails bedeutet das meistens etwas Gutes. Also gehe ich wieder zurueck an die Strasse und treffe den Opa wieder, der mich nach Glasgow gefahren hat. Es ist sein Tisch mit Trail Magic, ich soll mich nur reichlich bedienen. Habe ich doch schon. Er freut sich sehr darueber, mich noch einmal wiederzusehen, hat auch seiner Frau von mir erzaehlt usw. Dann sagt er noch, dass etwa eine halbe Stunde bergauf ein schoener Platz zum Zelten sein soll. Das wuerde mir gut passen, denn so langsam ist es spaet geworden, und ich muss an den Feierabend denken. Ich finde auch die besagte Stelle, viel Platz, alles schoen gerade…. nur dumm, dass hier zwei Gravel Roads aufeinandertreffen. Nein, ich will nicht an einer Strasse schlafen, auch wenn es sich nur um einen lange vergessenen Forstweg handelt. Ich schaue auf die Uhr und waege kurz das Risiko ab. Wenn ich Pech habe und auf dem Weg nach oben nirgends einen Platz fuer mein Nachtlager finde, dann schaffe ich es gerade noch vor Einbruch der Dunkelheit bis auf den Gipfel. Ja, genau das muss ich nun noch durchstehen. Die letzte Meile ist eine richtige Quaelerei, denn ich habe nicht nur 2 Liter Wasser im Rucksack, sondern dazu noch 2 Dosen Zitronen-Limo, 2 Dosen Energy-Drink, 2 Fruchtstangen, eine kleine Tuete Chips und ein halbes Pfund Cashew-Kerne geladen. Puh !

Aber ich schaffe es mit dem letzten Tageslicht bis auf den Gipfel des Bald Knob in 4059 Fuss Hoehe. Habe vorher schon die Windrichtung abgecheckt, falls es wieder viel Wind gibt in der Nacht. Habe genau zur richtigen Zeit und genau passend fuer mein Zelt einen richtig schnuckligen Platz gefunden. Zur Windseite hin geben flache Felsen und ein paar Straeucher Schutz, die jungen Baeume um mich herum sehen gesund aus und nicht, als ob sie in der Nacht umfallen wollten. Wieviel schoener ist das doch als so ein Zeltlager an einer Shelter !

Hier kommt heute zum ersten Mal das Mueckenspray zum Einsatz. Da sie sonst nirgendwo drankommen koennen, stechen sie mich jetzt in die Haende oder setzen sich auf mein Gesicht. Ich habe seit Glasgow einen Stich in der Hand-Innenflaeche, um den herum sich eine Blutblase von 2 Zentimeter Durchmesser gebildet hat. Ist schon seltsam, wie ich auf die verschiedenen Insektenstiche und -bisse reagiere. Oder bin ich vielleicht allergisch gegen die neue Anti-Itch-Creme ?

Hier oben auf dem Gipfel des Bald Knob ( den ich ja eigentlich erst morgen frueh besteigen wollte ) mache ich dann noch eine kleine Party mit einer Dose Bier und Chips. Habe heute 3 hohe Berge geschafft, insgesamt bin ich 22,9 Meilen weitergekommen. Und ich habe die 800-er Marke geknackt, das heisst, ich bin jetzt schon mehr als 1300 Kilometer weit zu Fuss unterwegs.

Waehrend ich draussen im Dunkeln auf einem dicken Felsen sitze, zuckt und flackert es ringsherum am Himmel. Es ist sternenklar, aber nach allen Richtungen flackert es immer wieder ganz hell auf. Ist das Wetterleuchten, und was bedeutet das wohl ?

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73. Tag Nebel und Regen den ganzen Tag

 

Donnerstag, 29.05.

Kaum war ich gestern im Zelt verschwunden, da fing es heftig an zu regnen. Und dann folgten sofort Donner und Blitze in schneller Reihenfolge, ein Gewitter direkt ueber mir. Das war grosses Kino auf dem Gipfel eines Berges. Es pladderte wie verrueckt auf mein kleines Zelt, aber das hat dichtgehalten. Nur direkt am Eingang hat es ein bisschen durch’s Moskitonetz gespritzt. Bin einfach einen halben Meter tiefer gerutscht, habe mir meinen Stoffbezug ueber die Ohren gezogen und geschlafen wie ein Stein.

Morgens regnet es zwar nicht mehr, aber der Nebel ist so dick, dass es tropft. Die Klamotten, die ich gestern zum Trocknen in die Baeume gehaengt habe, sind genauso nass wie vorher, aber nun gut durchgespuelt. Werfe alles in eine Tuete, nasses Zelt einpacken und dann schnell weg hier. Vorher schuette ich noch 2 Liter Wasser weg, weil ich ja die 3 uebrigen Dosen zum Trinken von der Trail Magic habe. Da muss ich nicht auch noch unnoetig Wasser schleppen.

Zuerst erwartet mich ein steiler Abstieg, dann wieder ein Aufstieg auf den Cold Mountain mit 4022 Fuss Hoehe. Von nun an bleibe ich fast den ganzen Tag in der Hoehe.

Es ist neblig und kalt, wenn man nicht in Bewegung ist. Nach 3 Stunden Laufen mache ich eine ungemuetliche Pause, es ist eigentlich zu kalt zum Sitzen und tropft dauernd von den Baeumen. Aus dem Nebel wird Regen, und der haelt fuer den Rest des Tages an. Am Nachmittag schuettet es so stark, dass ich keine Pause mehr mache. Laufe fast 15 Meilen in 5,5 Stunden an einem Stueck durch bis zum Tye River, wo ich kapituliere. Es ist noch frueh am Tage, aber ich muss unbedingt mal meinen Rucksack absetzen, etwas essen und ganz viel trinken. Das Wetter laesst mir keine andere Wahl : Ich muss das Zelt heute an einem nicht so schoenen Ort aufstellen. Es passt nicht ganz, ich kann das Vorderteil nicht straff spannen. Also mache ich ein Gebastel mit Baendern, die ich an Baumstaemmen und Steinen festbinde. Als das Zelt endlich steht, bin ich komplett eingesaut und matschig. Wenigstens kann ich mir hier im Fluss gleich die Haende waschen. Es sieht nicht gut aus, aber fuer die Nacht wird es reichen, und innen drin bin ich jetzt wenigstens halbwegs geschuetzt. Das Ergebnis dieses tristen Regentages sind 22,6 Meilen Richtung Maine.

Meine Hiking-Schuhe sind schon wieder kaputt. Jetzt loest sich die Sohle an einer anderen Stelle ab. Das Innenfutter ist im Fersenbereich ueberhaupt nicht mehr vorhanden. Die sollten eigentlich noch ein bisschen halten, bis ich Salomon kontaktiere, um nach einem neuen Paar Schuhe zu fragen.

 

74. Tag Devils Backbone Brewpub

 

Freitag, 30.05.

Morgens regnet es immer noch. Das modderige Flussufer riecht so stark nach nassem Laub, verwesenden Baumstaemmen und Kraeutern, dass es schon unangenehm ist. Ich fruehstuecke im Zelt und lege mich dann nochmal eine Stunde hin. Gegen 9.00 Uhr wird das Tropfen weniger. Schnell das feuchte Zeug und das matschige Zelt einpacken und kurze Hose anziehen. Das ist zwar ein bisschen kuehl, aber so kann am wenigsten nass werden.

Genau wie gestern laufe ich durch dichten Nebel. Mache eine doofe Pause mitten auf dem Weg, weil nirgends ein Platz zum Bleiben einlaedt. Meine Wunde am Knie ist wieder verheilt, dafuer habe ich mir heute an einem Felsen das Schienbein aufgeschrammt.

Gegen Mittag habe ich einen sehr anstrengenden Aufstieg von fast 5 Meilen bis auf den Three Ridges Mountain zu bewaeltigen. Danach geht es fast nur noch bergab bis zum Reeds Gap. Dort steht ein Vertreter von irgendeinem Hostel und quatscht alle vorbeikommenden Hiker an, ob sie nicht Slackpacking machen wollen. Das ist auch eine Art, an zahlende Gaeste zu kommen. Viele nehmen das Angebot war, mal einen Tag ohne ihren schweren Rucksack zu laufen.

Vom Reeds Gap aus moechte ich per Anhalter zum 5 Meilen entfernten Devils Backbone Brewpub. In meinem AT-Buch steht, dass es schwierig ist, dorthin eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. Stimmt – erst der 2. Wagen haelt an, diesmal ist eine Frau am Steuer. Ich hatte mir 15 Minuten Wartezeit als Limit gesetzt, dann waere ich ohne fish + chips weitergelaufen.

In der Brauerei werde ich vom Chef persoenlich empfangen und bedient. Er freut sich, als ich ihm erzaehle, dass wir vor 2 Jahren schon hier gegessen und auf seiner Veranda uebernachtet haben. “ Welcome back !“ Ich moechte keines seiner guten Biere trinken, sondern bestelle lieber Cola. Er bringt mir eine Karaffe mit einem ganzen Liter voll. Kaum ist die leergetrunken, da habe ich schon den naechsten Liter Cola vor mir stehen. Und das alles zu einem Preis, fuer den man in Deutschland noch nicht einmal ein Glas bekommen wuerde. Hier im Pub gibt es die besten fish + chips ever – ever – ever ! Als ich beim Chef bestelle, fragt er mich, ob er mir dazu extra Salat “ for free “ servieren darf, damit ich etwas Frisches bekomme. Supernett ! Meine  Portion ist gewaltig und lecker. Hatte ich 2012 nach dem Essen noch das Gefuehl, ich moechte das Gleiche nochmal bestellen, heute hat es gereicht.

Der Abstecher zur Brauerei hat sich also fuer mich richtig gelohnt. Es war eine sehr schoene Pause, und das tut auch der Seele gut nach zwei nassen Tagen und Naechten. Meinen gesammelten Muell incl. 5 leerer Dosen bin ich auch dort losgeworden.

Komme gerade erst vom Parkplatz an die Strasse und habe noch nicht einmal meinen Rucksack abgestellt, da haelt schon wieder ein Auto. Es faehrt erst an mir vorbei, setzt dann zurueck und hupt, bis ich es gecheckt habe. Schon wieder eine Frau. Es ist zwar eigentlich nicht ihr Weg, aber die nette Dame bringt mich zurueck bis an den Trail. Ich habe sicherlich sehr viel mehr Chancen beim Trampen als die struppigen, baertigen Maenner. Kurz bevor ich mich an die Strasse stelle ziehe ich mir saubere Kleidung an und kaemme mir die Haare.  🙂

Kaum bin ich wieder im Wald, da werde ich schon wieder vom Nebel verschluckt. Mit dem Koffein von 2 Litern Cola kann ich noch gut 2,5 Stunden weiterlaufen. Unterwegs kommt mir ein Spaziergaenger-Paar entgegen und erzaehlt ganz aufgeregt, dass nur 200 Yards entfernt ein grosser Baer ganz nahe am Weg sitzt und sich seelenruhig beobachten laesst. Das hoert sich ja spannend an ! Ich benutze die Stoecker nicht mehr und versuche, nicht so zu trampeln, wie es sonst meine Art ist. Trotzdem kriege ich keinen Baeren zu Gesicht. Entweder war ich doch nicht leise genug, oder er konnte mich riechen, die letzte Dusche war am Dienstag.

Irgendwann klart der Himmel dann noch fuer eine Stunde auf. Schoene Wanderung entlang der Ceddar Cliffs mit Blick auf das gruene Tal unter mir. Ein kleiner Platz fuer mein Nachtlager kommt auch bald, so dass ich diesen Tag schon vor 19.00 Uhr mit 16,5 Meilen beende. Haenge mal wieder alle nassen Sachen zum Trocknen auf, muss das Zelt von innen trockenreiben und koche mir dann einen grossen Topf Tee zum Aufwaermen. Muss einen kleinen Wurm nach draussen setzen, der sich in mein Bett verirrt hat. Waehrend ich das Moskitonetz einen Spalt weit oeffne, flattert eine Motte herein, die ich dann auch erst noch wieder einfangen muss.

 

75. + 76. Tag Waynesboro / Virginia

 

Samstag, 31.05.

Mein Zelt war von innen feucht und hat von oben getropft. Ausserdem hatte ich eine Schicht Kleidung weniger zum Anziehen in der Nacht. Meine lange Hiking-Hose, ein T-Shirt, 4 Paar Socken sowie mein Regenponcho sind noch patschnass.

Habe kaum geschlafen, bin jede Stunde aufgewacht, weil mir kalt war. Um 5.00 Uhr morgens finde ich, dass ich genauso gut aufstehen kann. Ein Blick nach draussen zeigt mir, dass es noch sehr neblig und kuehl ist. Bin nicht besonders motiviert, aber Liegenbleiben ist auch keine gute Loesung.

Bin also tatsaechlich heute schon mit dem ersten Tageslicht unterwegs und freue mich auf die Stadt. Der Trail ist angenehm einfach, links und rechts wieder viel Gruen um mich herum. Es gibt wieder riesige Mengen von Farnen zu beiden Seiten, dann zur Abwechslung Felder mit Gewaechsen. die wie hohe Kartoffelpflanzen aussehen. Dazwischen stehen Riesen-Rhabarber.

Gegen 9.00 Uhr setzt sich die Sonne durch. Das tut gut ! Feucht und warm, das sind die idealen Bedingungen fuer die kleinen Baby-Salamander. Ich sehe einige tuerkisfarbene Eierschalen auf dem Weg liegen. Anscheinend blinde und ziemlich hilflose Salamander krabbeln im Matsch. Ich muss einen ca. 10 Meter breiten Fluss auf Trittsteinen ueberqueren, was mir auch trocken gelingt.

Da ich die letzten 3 Tage gut vorgearbeitet habe, fehlen heute nur noch 13,4 Meilen bis zur Strasse, die nach Waynesboro fuehrt. Kurz vorher haengt ein Zettel mit etwa 20 Telefon-Nummern von Trail Angeln an einem Baum. Die kann man anrufen, wenn man am Rockfish Gap abgeholt werden moechte. Es ist schwierig zu trampen, weil hier mehrere Highways, Interstates und der Blue Ridge Parkway in verschiedene Richtungen abgehen. Ich spreche einfach einen Mann auf dem Parkplatz an, der soeben seinen Sport im Wald beendet hat. Nein, er ist auch nicht von hier und weiss nicht, wo ich mich hinstellen muss. Aber er hat ein Auto und ein GPS, programmiert die Adress vom YMCA ein und bringt mich direkt bis zur gruenen Wiese, auf der ich die naechsten 2 Naechte bleiben moechte. Das ist mal wieder sehr komfortabel ! Ich muss keinen Trail Angel anrufen, sondern habe schon wieder Glueck im ersten Versuch.

Meine Prioritaeten fuer heute sehen folgendermassen aus :

1. Zelt zum Trocknen aufbauen, mal wieder die Waesche aufhaengen und Klar Schiff machen

2. Library fuer 60 Minuten Blog-Schreiben, weil die um 17.00 Uhr fuer das Wochenende schliesst

3. Anmelden und Duschen beim YMCA

4. All-You-Can-Eat beim Lieblings-Chinesen von Baltimore Jack

5. Shopping im Riesen-Supermarkt – 24 Std. geoeffnet, also werde ich hier keinen Mangel haben.

Ausgerechnet heute findet auf dem Campsite des YMCA eine kleine Party statt. Die ALDHA ( Appalachian Long Distance Hiker Association ) feiert zusammen mit den Stadtvaetern die Einweihung eines neuen Pavillons auf dem Gelaende. Dazu gehoert natuerlich auch ein kostenloses “ Hiker-Feed „. Es gibt Hot Dogs, Hamburger, verschiedene Salate, Eistee…. Aber ich will doch zum Chinesen ! Ich esse aus Hoeflichkeit einen Hot Dog vorweg, sonst geben die doch keine Ruhe. Crazy Horse laeuft auch hier herum, aber er hat ( zum Glueck ) anscheinend vergessen, dass wir uns kennen. Voellig verpeilt, dieser Typ !

Im Ming Garden war es brechend voll. Das ganze exotische Zeug koennen die Anderen essen. Mir haette das riesige Salatbuffet schon vollkommen gereicht. Sogar frische Sprossen gab es da. Und auf dem Dessert-Buffet stand neben Schoko-Pudding und frischen Fruechten eine Schale mit gebrannten, in Puderzucker gewaelzten Mandeln. Schade, dass ich nicht mehr essen konnte ….

Bin jetzt im Coffee-Club. Habe an der Tankstelle die morgendliche Versorgung mit Kaffee abgecheckt und dort diese Club-Card bekommen. Den ersten Kaffee erhalte ich auf jeden Fall schon mal gratis, und ab diesem gilt : “ Buy one, get one free.“ Das ist ja genau das Richtige fuer mich !

 

Sonntag, 01.06.

Wie habe ich meinen freien Tag verbracht ?

Der gestern neu eingeweihte Pavillon hat Sonnen-Kollektoren und ausreichend Steckdosen, so dass alle Hiker ihre Handys aufladen koennen. Und es gibt Sonne satt ! Da brauche ich kein Hostel, hier ist es richtig schoen.

Morgens gibt es Kaffee und Snickers-Eis von der Tankstelle. Damit setze ich mich in einen nahen Park an einem kleinen Fluss. Ringsherum schnattern Gaense, einige haben Nachwuchs.

Bin sicherlich eine Stunde staunend durch den Supermarkt geschlendert, habe mir unter Anderem einen neuen Notizblock und einen Anti-Bite-Stift gekauft. Endlich gibt es Orangensaft, griechischen Joghurt, Erdbeeren und Spruehsahne. Eine Spruehflasche amerikanischer Sahne hat nur 600 Kalorien. Ich haette gedacht, da steckt mehr drin.

Ausgiebige Koerperpflege unter der sauberen und wohltemperierten Dusche beim YMCA. Toller Service, es gibt sogar ein grosses Handtuch und Seife dazu.

Den halben Tag habe ich dank Free-WIFI vor der Buecherei mit Internet und Telefonieren verbracht.

Die Stadt Waynesboro in Virginia hat 21.500 Einwohner, also wesentlich mehr als sonst die Doerfer entlang des Trails. Von der City habe ich allerdings nicht viel gesehen, weil ich alles in unmittelbarer Naehe habe, was ich brauche. Dusche, Supermarkt, Library, All-You-Can-Eat, sogar die Post befindet sich in angenehmer Laufweite.

Ich finde es jedesmal sehr erstaunlich, wie schnell ein Tag vorbeigeht, an dem man eigentlich nichts zu tun hat. Dieses Phaenomen erlebe ich immer wieder, sobald ich in der Zivilisation bin.

Morgen moechte ich noch zur Post und in der Buecherei meinen Blog fertigschreiben. Am Nachmittag versuche ich dann, eine Mitfahrgelegenheit zum Trailhead zu bekommen. Werde dann etwa eine Woche lang im Shenandoah National Park unterwegs sein und moechte mir fuer diese Etappe richtig viel Zeit lassen. Ich muss nicht so viel Proviant mitnehmen, weil es spaetestens jeden zweiten Tag einen Campingplatz mit Einkaufsmoeglichkeit und Dusche oder ein Restaurant in der Naehe gibt. Deswegen wird auch mein Drang diesmal nicht so stark sein, moeglichst schnell in die naechste Stadt zu kommen.

Hinter dem Shenandoah National Park geht es mit Riesenschritten nach Harpersferry, dem AT-Midpoint-Office. Es sind nur noch 170 Meilen bis dahin, dann habe ich den halben Weg geschafft.

 

77. – 82.Tag Shenandoah National Park

 

Montag, 02.06. 77. Tag

Der Einstieg in den Trail gestaltete sich schwierig. Ich bin mehr als eine Stunde zwischen den vielen Strassen, Autobahn-Bruecken und kleineren Wanderwegen herumgeirrt, bis ich endlich die richtige Stelle mit dem White Blaze Richtung Norden finde.

Kurz darauf muss ich meinen Zettel an der Registrierungs-Station ausfuellen und bewege mich ab jetzt im Shenandoah National Park. Dieser beruehmte Nationalpark hat eine Gesamtlaenge von 94,8 Meilen fuer die Wanderer. Das Besondere an daran ist, dass er auf seiner ganzen Laenge auch von Autofahrern auf Kurzwanderwegen besucht werden kann. Ohne Anstrengung also, wenn es mit Uebernachtung sein soll, dann nennt man das “ car-camping „. Eine breite Strasse, die Skyline-Drive, geht 105 Meilen in weiten Kurven durch den Park und hat an allen markanten Punkten Parkplaetze sowie Aussichtspunkte. Das bedeutet, etwa alle 5 Meilen aus dem Wald herauszukommen und wieder diese Ausflugsstrecke kreuzen zu muessen. Das stoert enorm, es bietet aber auch einige Vorteile. Man ist so nah an der Zivilisation, dass man staendig irgendwelche Versorgungsmoeglichkeiten hat. Bedeutet natuerlich : man muss nicht so viel Proviant herumtragen. Ich werde jetzt jeden Tag an irgendwelchen organisierten Campingplaetzen vorbeikommen, wo man duschen, waschen und im Campstore ein paar Kleinigkeiten einkaufen kann. Ausserdem gibt es unterwegs Restaurants, man kann manchmal morgens einen Kaffee trinken oder ein Eis essen. Ist ja auch ganz nett, aber der Verkehrslaerm und die vielen Menschen sind gewoehnungsbeduerftig. Im Shenandoah National Park werden die Shelter “ huts “ genannt. Im Prinzip ist das aber das Gleiche wie eine Shelter, ein nach einer Seite offenener Unterstand mit 3 Waenden aus Holz. Man braucht eine Camping-Permit, denn das Zelten unterliegt starken Einschraenkungen. Es ist nur fuer Thru-Hiker erlaubt, unterwegs sein Lager fuer die Nacht aufzubauen und unterliegt strengen Regeln, deren Einhaltung man mit der Camping-Permit unterschreibt. 

An meinem ersten Tag im Shenandoah Nationalpark sehe ich schon bald nach dem Start einen Schwarzbaeren in knapp 10 Metern Entfernung vor mir. Gross und kuschelig sieht er aus, und er ist offensichtlich auf Nahrungssuche neben dem Weg. Der Baer ergreift die Flucht, dabei habe ich so viele leckere Sachen im Rucksack.

Ein paar Meilen weiter steht ein Reh direkt auf dem Trail. Es ist gar nicht scheu, sondern kommt mir sogar auf dem schmalen Weg ein kleines Stueck entgegen und schaut mich aus grossen Augen an.

Abends hoere ich ueberall um mich herum Baeren, deswegen bin ich schon um 21.00 Uhr im Zelt verschwunden.

 

Dienstag, 03.06.                                      78. Tag

Gestern Abend ist noch ein Baer durch mein Lager gestapft. Ganz sicher ! Ich habe ihn zwar nicht gesehen, weil ich kein Licht angemacht habe, aber es war ein grosses und schweres Tier, bestimmt kein Reh. Bin trotzdem sofort eingeschlafen.

Heute vormittag berichten mir zwei aeltere Damen auf einem Parkplatz von einer „Thunderstorm-Warning“ fuer den Nachmittag. Na, mal abwarten. Tatsaechlich faengt es eine halbe Stunde spaeter an zu regnen. Nicht schlimm, nur ein leichter Sommerregen, der 3 Stunden andauert. Dabei ist es warm. Das ist mir vielleicht sogar lieber als wenn die Sonne so knallt, dass man nach einer halben Stunde total nassgeschwitzt ist.

Ein Reh steht mitten auf dem Trail, auch dieses voellig ohne Angst. Die Tiere hier im Nationalpark sind schon sehr an Menschen gewoehnt. Kurz darauf habe ich nochmal ein Reh ganz nahe vor mir, aber dieses springt schnell seitlich in den Wald davon.

Der Weg im Shenandoah ist einfach und schoen. Es sind keine hohen Berge im Weg, der Trail fuehrt ueber sanfte Huegel hinauf und hinunter. Als ich am Nachmittag voller Schwung um eine Kurve biege, da stoere ich einen halbstarken Baeren, der gerade dort sein Geschaeft verrichtet. Er guckt etwas verdattert und trottet dann ganz gemaechlich davon.

Ganz anders ein Auerhahn, der mir wenig spaeter in die Quere kommt. Der ist richtig agressiv, laeuft auf mich zu und faucht mich an. Vorsichtshalber bleibe ich stehen, bis der Vogel sich umdreht und davonflattert.

Auf dem weiteren Weg treffe ich noch mehrere Rehe und eine Ringneck-Snake, die sich schnell in die Buesche verkriecht.

Komme gut voran, so dass ich um 18.30 Uhr bereits 20 Meilen geschafft habe. Kroenender Abschluss des Tages soll nun ein Abstecher zum Loft Mountain Campstore sein. Hier mache ich eine lange Pause mit Cola, Banane und Eis. Ein Feierabend-Bier nehme ich mir mit, denn ich will nur noch eine Meile weiter, um aus der “ verbotenen “ Zone herauszukommen.

Zu Beginn des schmalen Weges, der mich wieder zum Trail fuehrt, steht ein Schild mit einer Warnung vor Klapperschlangen. Au weia, diese Begegnungen liebe ich ja ueberhaupt nicht ! Vorsichtshalber ziehe ich mir alle meine drei langen Hosen uebereinander an. Ich bin schon fast durch, da liegt doch tatsaechlich etwa 3 Meter vor der Kreuzung zum AT eine fette Klapperschlange. Ich bewerfe sie mit Steinen, sicherlich 20 x, in der Hoffnung, dass die Schlange den Weg freigibt. Aber das beeindruckt sie anscheinend gar nicht. Wo die Kamera jetzt sowieso schon an ist, kann ich ja auch nochmal ein Stueck zuruecklaufen, um das Warnschild zu fotografieren. Vielleicht hat sich die Klapperschlange ja dann zurueckgezogen. Aber denkste ….. Ich war vielleicht 5 Minuten weg, auf der hinteren Haelfte der Schlange liegen noch meine Steine. Trotzdem hat sie es geschafft, sich in dieser kurzen Zeit ein kleines Kaninchen zu schnappen. Das liegt jetzt mausetot vor ihr. Nun traue ich mich gar nicht mehr dran vorbei. Die wird bestimmt maechtig sauer, wenn ich mich ihrer Beute naehere. Der Weg ist eng, links und rechts stehen hohe Dornenbuesche. Fakt ist : ich komme jetzt und hier nicht mehr auf den Appalachian Trail. Deswegen drehe ich um und laufe 2 Meilen einen anderen Trail, der mich zu einem Restaurant fuehrt. Habe in einem Schaukasten gesehen, dass es von dort aus einen Wanderweg gibt, der sich mit dem AT kreuzt. Aber beim Restaurant angekommen finde ich diese Route nicht. Auf einer Karte der Gegend ist das nicht eingezeichnet, sondern nur die Autofahrer-Route durch den Nationalpark. Immerhin kann ich erkennen, dass der Appalachian Trail in beiden Richtungen nahe an den Aussichtspunkten der Skyline Drive verlaeuft. Also mache ich mich auf den Weg entlang der Strasse, hoffentlich in der richtigen Richtung. Leider sind die Dimensionen auf der Karte fuer Autofahrer ganz andere als in meinem AT-Buch. Laufe lange an der Prachtstrasse entlang, aber Asphalt ist doch etwas haerter als Waldweg. Jetzt tun mir die Fuesse weh. Immerhin kann ich einige tolle Aufnahmen vom Sonnenuntergang ueber den Bergen machen. Aber so langsam kommt leichte Panik in mir auf. Zu beiden Seiten der Strasse fuehrt kein Weg in den Wald, es ist immer gleich steil. Aber ich kann doch mein Zelt nicht direkt am Skyline Drive aufbauen ! Der unnuetze Zettel aus dem AT-Guide in meiner Hand ist zerknautscht und verschwitzt.

Endlich komme ich an einen “ Overlook „, und ich bin wie es scheint sogar Richtung Norden gelaufen. Nicht weit hinter dem Parkplatz entdecke ich im letzten Tageslicht einen White Blaze. Nichts wie ‚rein in den Wald, ich bin wieder auf dem Trail. Die naechste flache Stelle ist meine. Das Zelten ist hier zwar nicht erlaubt, weil ich zu nahe an der Strasse bin, aber das ist mir gerade total egal. Um 21.15 Uhr steht das Zelt, und der Proviantbeutel haengt weit weg und hoch genug im Baum.

Bin heute 26 Meilen auf dem Appalachian Trail gelaufen, das ist mein ( unbeabsichtigter ) neuer Tagesrekord. Insgesamt waren es mit Strasse und dem anderen Wanderweg um die 30 Meilen.

Dann ist es endlich Zeit fuer mein Feierabend-Bier. Aber im Wald ist eine Menge los. Ganz in der Naehe kann ich Baeren hoeren. Etwas spaeter jagen sich irgendwelche Tiere und stossen dabei merkwuerdige quiekende Schreie aus. Baeren sind das nicht, aber von Rehen habe ich solche Laute auch noch nicht gehoert. Von hinten knackt es jetzt im Gebuesch. Als ich die Stirnlampe einschalte, da kann ich nur ein leuchtendes Augenpaar erkennen. Keine Ahnung, was das ist.

Mir reicht’s – ich habe fuer heute genug von den Tieren des Waldes. Werfe den Rucksack ins Zelt, um dort auszupacken und mein Bett zu richten. Denke, das ist insektenfreie Zone. Aber nein, ein ganz haesslicher Kaefer krabbelt innen an der Decke. Der muss auch noch ‚raus.      


Mittwoch, 04.06.                                       79. Tag

Kaum dass ich gestern das Licht ausgemacht hatte, da hoerte ich nochmal eine Herde mittelgrosser Tiere mit diesen seltsamen Schreien auf der anderen Seite des Weges galoppieren. Was kann das bloss sein, was gibt es denn hier noch im Wald ? Ich vermute mal, es waren Stachelschweine. 

Nach dem Stress am Abend und den schaetzungsweise 30 Meilen zu Fuss kann ich gut bis um 8.00 Uhr schlafen. Lasse den Morgen dann ganz gemuetlich anfangen und starte erst um 9.30 Uhr. Bis dahin ist noch kein Mensch bei mir vorbeigekommen. Mein Lager muss ziemlich weit entfernt sein von allen Plaetzen, wo die Hiker normalerweise campen. 

Ich bin sehr erleichtert, als ich nach einer halben Stunde die Pinefield Hut passiere. Erst ab jetzt kann ich wirklich sicher sein, dass ich richtig gelaufen bin. 

Mittagspause mache ich auf einer schoenen Wiese unterhalb eines “ Overlooks „. Oben an der Leitplanke sitzen zwei junge Hiker. Ein Auto haelt an, und der Fahrer erzaehlt den Beiden, dass soeben ein grosser Baer neben der Strasse spazierengeht. Wenig spaeter haelt schon wieder ein Wagen, und eine Frau fragt die Jungens, ob sie eine Cola moechten. Kleine Trail Magic. Mich haben sie nicht gesehen, deswegen werde ich mir meine Cola morgen wohl selber kaufen. 

Am Nachmittag muss ich ueber den Hightop Mountain und den Saddleback Mountain. Das ist aber nicht besonders schlimm, ich komme gut mit 3 Meilen in der Stunde vorwaerts. 

Irgendjemand hat mit schwarzem Edding eine grosse 900 auf einen Felsen gemalt. Die Nullen sind lachende Gesichter. Schon neunhundert Meilen geschafft. 

Ich staune ueber einen knallblauen Vogel. Nicht nur die Brust oder die Fluegel sind farbig, sondern der kleine Vogel leuchtet komplett in Schlumpf-blau. Ich muss demnaechst unbedingt mal einige Zeit im Visitor Center verbringen, um da die Bestimmungsbuecher zu studieren. 

Endlich kriege ich auch noch einen Baeren zu sehen. Es ist kein Jungtier mehr, aber auch noch nicht ausgewachsen. Der Baer sitzt etwa 5 Meter vom Weg entfernt zwischen den Baeumen und macht sich davon, als ich naeherkomme. Leider sehe ich die Tiere immer erst zu spaet, um mich vorsichtig heranzupirschen und Fotos zu machen. 

Gegen 17.00 Uhr erreiche ich einen Abzweiger zu einer komfortablen Picnic-Area mit Wasser aus einer Pumpe, Picknick-Tischen und Toiletten. Hier wird ganz bequem gekocht und gegessen. Eigentlich wollte ich noch 1 – 2 Stunden weiterlaufen, aber der Himmel wird immer dunkler. Als ich vom Abwaschen und Zaehneputzen komme, da fallen schon die ersten Tropfen. Deswegen beeile ich mich, in den Wald zu kommen und die vorgeschriebene halbe Meile Abstand zum Park zu erreichen.

Dabei stoere ich wieder einen Baeren, der ganz in der Naehe sass und nun nur noch von hinten zu sehen ist.

Finde zum Glueck bald eine flache Stelle und kann das Zelt aufbauen und den Proviantbeutel weghaengen, bevor der Regen richtig losgeht. Es donnert und blitzt und kracht, dann pladdert es wieder heftig auf mein Zelt. Aber ich bleibe innen trocken. Es ist ganz schoen komisch, bei Tageslicht im Zelt zu liegen, denn es ist erst 19.00 Uhr. Aber nicht unangenehm, es dauert gar nicht lange, bis ich eingeschlafen bin.   

 

Donnerstag, 05.06.                                           80. Tag

Nach einer langen Nachtruhe beginnt mein 4. Tag im Shenandoah National Park neblig und nass. Ziehe kurze Hose und T-Shirt an, das ist am Anfang ein bisschen kuehl, aber so laufe ich schneller. Ich muss zunaechst ueber den Baldface Mountain, dort oben ist das Wetter noch schlechter. Habe direkt nach dem Start wieder einen Baeren aufgeschreckt, der schnell Reissaus nimmt. 

Es sind nur 5 Meilen bis zu meiner Fruehstueckspause am Lewis Mountain Campground. Beim ersten Einkauf hole ich mir einen halben Liter Milch zum Sofort-Trinken und zwei Becher Kaffee, der hier relativ teuer ist. Damit kann ich meine trockenen Kekse hinunterspuelen, die ich seit Glasgow mit mir herumtrage. Das naechste Mal plaudere ich nett mit dem Laden-Betreiber. Dafuer bekomme ich die folgenden beiden Kaffee als “ refill – for free “ und muss nur mein Eis bezahlen. Bin ueberhaupt nicht motiviert, denn der Wind treibt dicke Nebelschwaden ueber den Campingplatz. So bleibe ich ganze zwei Stunden warm angezogen auf der Veranda sitzen und beobachte die Voegel und Streifenhoernchen. Hier gibt es besonders viele knallrote Cardinale, die sind bis zu 25 Zentimeter gross und ein Wahrzeichen Virginias. Dann geht es unter die warme Dusche, 5 Minuten warmes Wasser fuer 1 US$. Das Beste am Duschraum ist die Heizung, denn da kann ich meine Hiking-Klamotten innerhalb kurzer Zeit fast trocken bekommen.

Irgendwann mache ich mich doch wieder auf den Weg und laufe die 8 Meilen bis zu meiner naechsten langen Pause durch. Keine grossen Tiere, nur kleine Salamander und 30 Zentimeter lange Regenwuermer auf dem Trail.  

Ich komme an einem Friedhof vorbei, auf dem unzaehlige Meadows und Verwandte begraben liegen. Denen muss hier mal das ganze Land gehoert haben. Mein naechstes Ziel ist das Big Meadows, eine grosse Picknick-Zone mit Toiletten, Restaurant, kleinem Souvenir-Laden und Visitor-Center.

Ich bin voll in Schwung und viel zu schnell. Deswegen bin ich einen Huegel zu weit aufgestiegen. Oben habe ich einen tollen Ausblick und stelle fest, dass ich schon lange am Abzweiger vorbei bin. Also wieder zurueck und den Berg hinunter bis zum Sidetrail nach Big Meadows. Finde ich gerade gar nicht schlimm, weil ich heute noch nicht viel gelaufen bin und auch keine Riesen-Etappe mehr geplant ist.   

Mittlerweile hat sich die Sonne blicken lassen, so dass ich auf der gruenen Wiese mein Zelt zum Trocknen aufbauen kann. Dann folgt ein Besuch im “ Byrd Visitor-Center „. Der blaue Schlumpf-Vogel ist ein Indigo Bunting ! Danach gibt es natuerlich noch ein richtiges Essen im Restaurant. Viel zu schnell sind wieder 2 Stunden vergangen. Ein paar Meilen moechte ich gerne noch weiterkommen, denn fuer morgen habe ich wieder ein tolles Fruehstuecks-Ziel.

Unterwegs habe ich noch einen Riesen-Turkey, der auf dem Boden sass, in Aufregung versetzt. Er flattert wild mit seinen grossen Fluegeln und fliegt dann zwischen den Baeumen davon, ohne irgendwo anzustossen.

Super-Zeltplatz am Abend, was in Virginia nicht an jeder Ecke zu finden ist. Weiches Laub, drumherum ein paar Baeume als Schutz vor Wind und regen. Auf der anderen Seite des Weges liegt ein herausragender, dicker Felsen, von dem aus ich dem Sonnenuntergang zusehen kann.

 

Freitag, 06.06.                                                             81. Tag 

In 3500 Fuss Hoehe war die Nacht wieder kalt. Habe mir gegen Mitternacht noch ein paar dicke Socken und den Regenponcho angezogen.

Meine Blutblase, die ich seit dem Mueckenstich in Glasgow habe, bildet sich langsam zurueck. Nein, ich habe sie nicht aufgestochen. Bin ganz stolz, dass ich nicht daran herumgefummelt habe. Dafuer bin ich heute mit einer dick angeschwollenen Hand aufgewacht. Da hat mich gestern eine winzig kleine Muecke gestochen. Oder sind das etwa inzwischen mehr Stiche geworden ? Auf jeden Fall ist meine rechte Hand dick, juckt und brennt. Ich nehme direkt morgens eine Anti-Histamin-Tablette ein, zum Fruehstueck gibt es gleich noch eine. Vielleicht waere das auch eine gute Erste-Hilfe-Massnahme, wenn mich mal eine giftige Schlange beisst.

Frueher Start, um 9.15 Uhr bin ich bereits knapp 5 Meilen gelaufen und sitze im schicken “ Dining-Room “ des Skyland Restaurants. Habe mich natuerlich vorher ausgehfein gemacht. Schade, heute gibt es leider kein Fruehstuecks-Buffet, wahrscheinlich nur am Wochenende. Also bestelle ich Blaubeer-Pfannkuchen. Hier werden die Blaubeeren nicht einfach in den Teig gematscht, sondern werden in einer Extra-Schuessel dazugereicht. Ausserdem gibt es noch eine kleine Schale mit Butter und Sirup. Ab heute kenne ich den Unterschied zwischen dem echten, teuren Maple-Sirup und dem billigen Verschnitt, den man sonst ueberall gereicht bekommt. Ich sitze an einem edel gedeckten Tisch mit Platzdeckchen und Stoff-Serviette, trinke Wasser mit Eis aus einem Weinglas und Kaffee aus einer richtigen Porzellantasse. Meine Pfannkuchen sind fein mit Puderzucker bestaeubt, auf dem Tellerrand liegt eine Orangenscheibe als Garnitur. Sehr nobel und sehr lecker ! Am Ende zahle ich fuer mein feines Fruehstueck 7 US$, das sind etwas mehr als 5 Euro. Handy-Akku Aufladen war im Preis mit drin.

Mittags komme ich an einem Freiwilligen vorbei, der die ueberhaengenden Straeucher zu beiden Seiten des Trails schneidet. Die freuen sich immer, wenn man sich kurz mit ihnen unterhaelt, ihre Arbeit lobt und sich dafuer bedankt.

An einem Parkplatz hinter einer Picnic-Area stehen mehrere Kanister Wasser fuer die Hiker.

Kurz darauf habe ich endlich mal zwei Baeren sehr nahe und nicht nur fuer einen Moment vor mir. Ein junges Tier direkt auf dem Trail, aber das macht sich schnell nach links davon in die Buesche. Direkt dahinter kommt ein groesserer Baer von rechts nach links ueber den Weg gelaufen. Der hat es gar nicht eilig, sondern spaziert ganz in Ruhe vor mir lang. Aber bis ich mal das Handy aus der Tasche geholt, angemacht und hochgefahren habe ….. da ist dann auf den Bildern nicht mehr viel zu erkennen von den Baeren im Wald.

Waehrend meiner naechsten Pause sehe ich mir meine geschwollenen Hand mal genauer an. Der Mueckenstich ist klar zu erkennen, sieht leicht entzuendet aus und naesst. Aber das wird vom vielen Kratzen in der Nacht kommen. Drumherum sind ganz viele kleine Pickelchen zu erkennen, das koennen doch nicht alles Stiche sein. Je laenger ich darueber nachdenke, umso sicherer werde ich mir, dass ich wohl mit Poison Ivy in Beruehrung gekommen bin. Das ist eine auf dem AT weit verbreitete Gruenpflanze aehnlich unserer Brennessel, nur mit staerkerem Gift. Das muss passiert sein, als ich in der Nacht einmal im Dunkeln ‚raus war. Nehme vorsichtshalber noch eine Allergie-Tablette ein und streue grosszuegig GoldBond-Puder auf die Hand. Das hilft fast gegen alles.

Bin wieder ziemlich schnell unterwegs. Gegen Abend hin lege ich noch mal einen Zahn zu, damit ich vor 19.00 Uhr bei der naechsten Einkaufs-Moeglichkeit ankomme. Schaffe es auch noch rechtzeitig zum Elkwallow Wayside und kann mir dort ein paar Leckereien fuer den Abend kaufen. Kaum dass der Laden und das Restaurant geschlossen haben und die letzten Autos vom Parkplatz gefahren sind, da kommen die Rehe aus dem Wald und grasen friedlich um mich herum. 

Uebernachten will ich heute gleich um die Ecke. Das ist nicht ganz legal, weil ich zu nahe am Vergnuegungs-Zentrum bin, aber so kann ich am Morgen gleich nochmal hingehen.

Habe eine Muecke und eine Spinne mit dickem, roten Koerper im Zelt- Mordquote 50 %.

 

Samstag, 07.06.                                          82. Tag

Die Schwellung an meiner Hand ist zwar noch nicht weg, aber doch deutlich zurueckgegangen. Dafuer habe ich jetzt einen dicken Mueckenstich direkt auf der Schulter. Das ist eine ganz bloede Stelle. Der wird wahrscheinlich wegen der staendigen Reibung beim Tragen erst nach dem naechsten Off-Day wieder verschwinden. Ausserdem quaelen mich noch zwei Mueckenstiche auf dem Fuss, die sind auch sehr laestig.

Bleibe heute laenger liegen und gehe puenktlich zur Oeffnung um 9.00 Uhr nochmal zum Shop und Restaurant. Kaufe nur zwei Bananen und einen Kaese zum Mitnehmen, weil ich den Roller Coaster mit moeglichst wenig Gewicht machen moechte. Es gibt Kaffee und Eis zum Fruehstueck, auch hier bekomme ich meinen 2. Becher umsonst.

Schade, nun sind die Schlemmermeilen vorbei. Solche Angebote koennten Thru-Hiker jeden Tag gebrauchen, damit sie am Ende nicht so abgemagert ankommen.

Keine besonderen Tier-Erlebnisse. Ausser : Milliarden von kleinen Fliegen schwirren mir um den Kopf herum und versuchen, in Augen, Ohren, Nase und Mund zu kriechen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass wir damals beide fast einen Nervenzusammenbruch hatten wegen dieser Plagegeister. Also, Mund zu und die Augen moeglichst weit zusammenkneifen. Nachher wird endlich mein toller Safari-Hut mit passendem Moskitonetz aus den Tiefen des Rucksacks geholt.

Ein wunderbarer Duft liegt ueber dem Wald, mal nach Weichspueler und mal nach Himbeer-Bonbons. Es riecht so richtig lecker ueber weite Strecken, ueberall blueht es inzwischen.

Und dann bin ich auch schon durch den Shenandoah National Park hindurch, die Registrierungs-Station zeigt es ganz deutlich. Ab jetzt wird der Weg nicht mehr so gut gepflegt sein.

Schon bald kommt ein steiler Abstieg ueber Bonebreaker-Steine. Danach fuehrt der Trail ueber Holzstege weiter, denn hier ist das Gebiet sehr sumpfig.

Wo frueher mal Trail Magic aufgebaut war, da steht heute nur noch ein verlassener Tisch mit einem Porzellanbaeren und der USA-Flagge drauf. Dazu gab es noch das freundliche Angebot, dass man auf der Wiese hinter dem Zaun zelten und sich Wasser von der Pumpe am Haus holen darf. Heute keine Trail Magic und keine Zettel mehr – diese netten Leute sind wahrscheinlich weggezogen, sonst haette ich das Angebot diesmal gerne wahrgenommen.

Aber dann haette ich die naechste Trail Magic verpasst. Hinter der Strasse, die nach Front Royal fuehrt, steht ein Tisch mit kalten Getraenken. Eistee zum Abfuellen in die Flasche sowie Kirsch- und Ananas-Limonade in Dosen. Ich waehle diesmal Ananas, schmeckt sehr suess und kuenstlich. 

Nur ein kleines Stueck weiter finde ich einen sonnigen Platz fuer mein Zelt. Frisch gemaehte Wiese neben dem Weg, das laedt zum fruehen Feierabend ein. Heute Abend bade ich foermlich in Mueckenspray. Sitze nach dem Essen noch lange draussen und kann zum ersten Mal in diesem Jahr die Gluehwuermchen beobachten. Die ganze weite Wiese und den Berg hinauf leuchtet es ueberall wie Hunderte kleiner Irrlichter. Dazu ein sternenklarer Himmel – einfach wunderschoen !