Wir segeln und wandern durch die Welt

Clewiston bis Lake Wales / SR60

Wir haben einen Stecker für unser USB-Kabel verlegt, verloren, vertüddelt …. Die Dinger verschwinden öfter mal. Kein Problem, im Walmart gegenüber gibt es Ersatz. Außerdem hat Thomas dort passende Crocs gefunden. Ich bekomme einen neuen Sonnenhut und Gel-Einlagen für die Wanderschuhe. Unsere Kleidung ist wieder sauber und trocken. Thomas hat das Loch in meiner Iso-Matte gefunden und geklebt. Ich nähe seine Shorts, danach wird der Rucksack repariert. Das Zelt muss gründlich gereinigt werden. Da liegen Dutzende von Mossi-Leichen auf dem Boden oder kleben an der Innenwand. Einige Stellen bessern wir mit Klebeband aus, damit die Moskitos auch nicht mehr das kleinste Loch finden. Unsere Planung für die nächste Etappe ist sehr zeitaufwendig. Proviant-Einkauf geht diesmal schnell, weil wir direkt gegenüber vom Walmart wohnen. Homepage, e-mails, online-banking, Weihnachtsgrüße und Silvesterwünsche …. Nach einer Woche im Sumpf ohne Kontakt zur Außenwelt haben wir im Hotel gutes Internet und verbringen dementsprechend viel Zeit am Handy. So richtig „Frei“ hat man eigentlich nie am off-day. Es gibt immer viel zu erledigen, weil auf einem Long-Trail die Ausrüstung stark beansprucht wird. Gutes Frühstück im „Best Western“. Sehr sauber, nettes Personal. Das WLAN läuft wie geschmiert, überhaupt funktioniert einfach alles. Das Hotel mit dem extra großen Zimmer und dem King-Size-Bed ist jeden einzelnen Dollar wert. Seit unserer Ankunft haben wir uns nur über die Straße zum Walmart bewegt, ansonsten sind wir überhaupt nicht gelaufen. Wir sind total begeistert von unserem Aufenthalt und mögen eigentlich gar nicht wieder raus in die Wildnis. Bis zum Mittag drücken wir uns im Hotel herum, trinken noch einen Kaffee, telefonieren, laden unsere Elektro-Geräte erneut. Vor 8 Tagen sind wir auf den Florida-Trail gestartet, nun geht es in die zweite Etappe. Die West-Route um den Lake Okeechobee ist wegen Bauarbeiten gesperrt. Deswegen beginnen wir mit einem strammen Marsch neben dem Highway. Nervig – da läuft man automatisch schneller. Wir können wieder die toten Tiere neben der vielbefahrenen Straße zählen. Ein Alligator, zwei Schildkröten, drei Schlangen, zwei Kaninchen …. und unzählige weitere Verkehrsopfer, die wir gar nicht sehen. Tankstellen-Stopp schon nach einer Stunde : Toilette, Eis, kalte Getränke. Weiter geht es auf Feldwegen zwischen Zuckerrohr und Mais. Zur linken Seite liegt ein schmaler Kanal. Nur noch vereinzelte Alligatoren schrecken auf, wenn wir uns nähern. Die Zuckerrohr-Pflanzen stehen in voller Blüte, etwa 4-5 Meter hoch. Wir kommen an Bahngleise mit einer Verlade-Station der Sugar Company. Es wird auch Sonntags gearbeitet, wir können zusehen. Nur noch ein Stückchen weiter, die Sonne steht bereits tief. Schnell bauen wir das Zelt auf, bevor die Insekten uns zu sehr quälen. Vier Moskitos schaffen es mit hinein, aber die sind schnell erledigt. Wir essen im Zelt. Das Dumme daran ist nur, dass wir danach noch einmal hinaus müssen zum Zähneputzen und Aufhängen des Proviant-Beutels. Danach noch einmal eine Runde Mossi-Klatschen, bis Ruhe einkehrt.

Temperatur-Sturz über Nacht. Die Tages-Temperaturen sollen laut Wetter-Vorhersage 10° weniger als in der vergangenen Woche betragen. Zum Wandern sehr angenehm. Interessant, was früh um Viertel nach 7 für Tier-Spuren im Sand zu erkennen sind. Da hat sich wohl tatsächlich ein Alligator ein paar Meter weit aus dem Wasser gewagt, aber der ist schon bald wieder umgedreht. Eine ziemlich dicke Schlange hat den Weg gekreuzt und ihre Linien gezeichnet. Pfoten-Abdrücke von Raubkatzen begleiten uns eine Weile. Eine halbe Stunde später fängt es an zu regnen. Alle Spuren werden weggewischt. Ein Graureiher und ein Silberreiher steigen vom Feld neben uns auf. Sie fliegen synchron nebeneinander her. Ein sehr schöner Anblick, dieses elegante Paar. Wir sehen ein großes Nest auf einem Strommast entlang der Straße. Zwei Bussarde bewachen es. Autos stören nicht, aber wegen uns Wanderern sind die Vögel mächtig aufgeregt. Ein Wagen kommt uns auf der einsamen Landstraße entgegen und stoppt. Der Mann am Steuer fragt, ob mit uns alles in Ordnung ist. Ja, alles prima, wir sind froh über die Abkühlung. Für die Menschen hier, die ja allesamt jeden Weg mit dem Auto machen, müssen wir schon ein seltsamer Anblick sein, wir wir so früh am Morgen mit vollem Gerödel im Regen laufen. Nur wenig später sitzt ein Adler auf der Leitung und beäugt uns misstrauisch. In den Gärten wachsen Bananen und Kokospalmen, die voll sitzen mit reifen Kokosnüssen. Vor uns spazieren Ibisse auf der Straße, drei weiße, ein schwarzer und ein schwarz-weißer. Es sieht aus wie ein Familienausflug. 😉 Wir müssen einen Umweg machen, um auf einer ewig langen Brücke einen Fluss zu überqueren. Frühstück in Moore Haven an einer Tankstelle mit mexikanischem Imbiss. Ein Dutzend junger Frauen brutzeln hier an einer offenen Theke und schnattern die ganze Zeit fröhlich miteinander. Die verbreiten richtig gute Laune, sie haben für Jeden ein freundliches Wort. Sehr viel los, überwiegend Truck-Fahrer auf der Durchreise. Es macht Spaß, den Mexikanerinnen zuzusehen, denn man sieht, dass denen ihre Arbeit Freude macht. 🙂 Aufgrund der Sperrung des Trails liegen jetzt wieder etliche Kilometer Marsch entlang des Highway vor uns. Laut, es stinkt, nicht toll. 🙁 Und Tier-Leichen pflastern unseren Weg : Mehrere Stücke getrockneter Alligator, zwei tote Schlangen, sechs Schildkröten-Panzer, ein überfahrenes Tier mit Fell im Straßengraben. Nach zwei Stunden kommen wir an den Deich, wo die Bau-Arbeiten in vollem Gange sind. Thomas ist neugierig und möchte sich die schweren Geräte anschauen. Dabei kommt er mit einem der Arbeiter ins Gespräch und bekommt die Erlaubnis, einmal schnell durch die Baustelle zu huschen. Wir müssen nur eben zwei ausfahrende Lastwagen abwarten und dürfen dann durch. Etwa 100 Meter weiter stören wir Niemanden mehr, hier sieht es schon ziemlich fertig aus. So kommen wir in den Genuss, dass wir ganz alleine auf dem eigentlich noch gesperrten Deich laufen dürfen. Die eigentliche Zusammenführung mit dem Florida-Trail wird erst in 5-6 Kilometern sein. Rechts von uns muss der Lake Okeechobee liegen, allerdings hinter dichtem Grün verborgen. Sieht aus wie ein Naturschutz-Gebiet. Dutzende von Fischadlern ziehen ihre Kreise. Bären gibt es auch in diesem Stück Wald zwischen Deich und See, wie man unschwer an den Ausscheidungen auf dem Weg erkennen kann. Schwarzbären, und anscheinend gar nicht so wenig. Pause im Schatten eines Bollwerks am Hoover-Deich. Eine quick-lebendige Wasserschildkröte tummelt sich im Kanal. Inzwischen scheint die Sonne wieder intensiv. Zum Glück weht noch etwas kühlender Wind. Am Nachmittag ist die Deich-Sperrung aufgehoben, wir können wieder auf dem Original-Trail wandern. Aber das erscheint uns wie ein schlechter Witz, denn schon wieder müssen wir neben einer vielbefahrenen Straße wandern. Dort gibt es einen kombinierten Fahrrad- und Fußgänger-Weg. In Amerika fährt man nicht Fahrrad, und wir sind offensichtlich die einzigen Deppen, die hier laufen. Das soll ein „Trail“ sein ? Nach wie vor trennen uns nur 2 Meter von Autos, Lärm, Gestank, Müll und Tier-Kadavern. Alle rasen hier wie bekloppt. 🙁 Drei Adler liegen totgefahren an der Seite. Und zwei weitere von diesen Fellbündeln hat es erwischt. Eines davon ist wohl gerade erst getroffen worden, der sieht noch ganz frisch aus. So können wir ihn genauer studieren und glauben, dass es sich um Waschbären handelt. Graues Fell, spitze Ohren, ein kurzer Schwanz, braun mit schwarzen Streifen. Die Pfoten passen zu den Abdrücken, die wir schon so oft auf dem hellen Wanderweg am Deich gesehen haben. Dann liegt da eine dünne Schlange, orange-braun mit schwarzen Streifen. Die kennen wir vom AT. Das ist eine Gardener Snake, völlig ungefährlich, auch wenn sie lebt. Außerdem ist eine größere Schlange angefahren worden, hellbraun mit dunkelbraunen Flecken. Auch diese Art kommt uns bekannt vor. Eine Wassermokassin-Otter, über die wir schon am allerersten Tag im Big Cypress gestolpert sind. Einen weiteren langbeinigen Frosch hat dieser Highway das Leben gekostet. Echt nicht schön. Straßen-Verengung an einer Brücke, wir drücken uns an den Rand und setzen uns mit einer Po-Backe auf die Mauer. Ich brauche schon wieder einen Walmart. Habe mein Stirnband verloren und wollte auf dieser lebensgefährlichen Straße keinen Meter zurückgehen, um es zu suchen. 🙁 Hinter Lakewood können wir den hässlichen Highway endlich hinter uns lassen. Da ist ein Zugang zum Deich, wo wir kurz darauf Feierabend machen. Die Moskitos erwachen gerade und quälen mich sofort. Mit Jammern und Schimpfen mache ich meinem Ärger Luft. Thomas ist es schon gewohnt und verhält sich zurückhaltend still, bis ich mich abgeregt habe.  Neuer Tagesrekord, irgendetwas zwischen 32 und 35 Kilometern.

Kühl war es während der Nacht. So kalt, dass wir die Seitenflügel vom Zelt schließen und unsere Schlafsäcke koppeln. Meine neuen Stiche jucken und brennen. Morgens ist das Zelt nass vom Tau. Draußen lauern keine Moskitos, also haben wir einen entspannten Start in den Tag. Schöner Morgen-Spaziergang auf dem Hoover-Deich. Es ist wirklich frisch, man muss sich schon bewegen, aber wir empfinden es als sehr angenehm. Natürlich ist wieder kein Mensch unterwegs, wir sind immer alleine, sobald wir die Straßen verlassen. Begleitet werden wir von Fischadlern, bestimmt 20 Stück an der Zahl. Die setzen sich immer knapp vor uns auf den Deich und fliegen erst auf, wenn wir auf etwa 10 Meter herangekommen sind. Bären-Spuren vor uns auf dem Weg. Ein Bussard hat eine Maus oder ein ähnliches Kleintier von der Wiese gepflückt. Mit seiner Beute im Schnabel steigt er in die Luft und sucht sich einen geeigneten Platz zum Fressen. Schlangenhaut, über einen Meter lang, liegt am Wegesrand. Große Monarchfalter flattern durch die Luft, die ersten dieses Jahres. Am Nachmittag wird es trotz Wind wieder warm. Und der Deich nimmt kein Ende. Schnurgerade, immer geradeaus, die Landschaft ändert sich kein bisschen. Langweilig. Man muss sich das so vorstellen : Links von uns ein schmaler Grünstreifen, dann kommt der Kanal, danach ein Streifen mit dichtem Baumbestand, dann die Straße. Rechts von uns ein schmaler Grünstreifen, dann kommt ein Streifen mit dichten Büschen, danach ein breites Gebiet mit Sumpf, dahinter der See. Rechts von uns fahren „airboats“ durch den Sumpf und machen unglaublich viel Lärm. Wir marschieren immer in der Mitte auf dem Deich. Ungefähr 8 Stunden lang haben wir den Wasserturm von Buckhead Ridge vor Augen, laufen den ganzen Tag darauf zu, aber er will einfach nicht größer werden. Einmal müssen wir für ein kurzes Stück den Hoover-Deich verlassen, um auf der Straße die Kanalseite zu wechseln. Schon wieder sehen wir zwei Waschbär-Kadaver und einen zerrupften Adler am Rand liegen. Unser „Trail“ bzw. der Highway führt über eine Brücke. Natürlich gibt es eine Fahrbahn-Verengung, die wir ohne Fußgänger-Weg überleben müssen. Es gibt keinen anderen Weg, wir müssen diese Engstelle passieren, um auf die andere Seite des Wassers zu gelangen. Ein Lastwagen rast mit unverminderter Geschwindigkeit an mir vorbei. Dann überholt noch ein dickes Auto der Luxusklasse viel näher als nötig, nimmt also null Rücksicht auf uns Fußgänger. Bei mir steigt schon wieder Wut gegen die Autofahrer hoch. Zum Glück dauert dieser hässliche Teil heute nicht lange. Dann haben wir wieder idyllischen, langweiligen Deich-Marsch vor uns. Um 17.00 Uhr erreichen wir endlich Buckhead Ridge, wo wir kalte Getränke kaufen und Pizza an einer Tankstelle bekommen. Während des Essens an einer Anlegestelle können wir Wasser-Schildkröten beobachten, die an den Seerosen knabbern. Buckhead Ridge ist ein interessanter Ort, der aus Wasser-Grundstücken besteht. Ein künstlich angelegter Ort, wo jedes Haus einen eigenen Zugang zum Wasser hat. Vorne stehen die Alltags-Autos und die Wohnmobile, an der Rückfront gibt es Garten und Terrasse zum Kanal hin mit eigenem Steg. Dort werden die Motor-Yachten, Angel-Boote, Jet-Skis geparkt. Es kommt uns vor wie Klein-Venedig, sehr schick, für reiche Leute künstlich angelegt. Unglaublich, was da wieder für Geld zur Schau getragen wird ! Nein, wir sind ganz bestimmt nicht neidisch, niemals wollen wir in so einer Gesellschaft wohnen. Was da bei uns aufstößt, das ist einfach nur die Ungerechtigkeit in der Welt. Alles ist so ungleich verteilt, wir können es leider nicht ändern. 🙁 Noch eine unangenehme Begegnung mit dem Straßenverkehr am Abend, denn wir müssen auf einer Auto-Brücke über den Kissimmee River. Nur noch bis hinter die Schranke, ein kleines Stück außer Sichtweite, 30 Kilometer geschafft. Um 19.00 Uhr steht das Zelt am Deich. Wo sonst ? 😉 Grün und feucht – wie immer.

Morgens sind wir ziemlich erschrocken, als wir feststellen, dass rings um unser Zelt Kakteen wachsen. Diese dickfleischigen runden Dinger mit den 1 Zentimeter langen festen Stacheln, die jede Luftmatratze ruinieren. Gestern haben wir spät das Zelt aufgebaut, da war es schon stockdunkel, und wir haben keine Kakteen gesehen. Zum Glück hatte Thomas den Zeltboden mit Klamotten ausgelegt, bevor er die Matten draufgelegt hat. Nichts passiert, Glück gehabt. Es geht genauso weiter wie gestern und vorgestern, immer schnurgerade auf dem Deich. Der Tagesbeginn ist so monoton, dass unser Handbuch sogar eine „Kurve im Deich“ für erwähnenswert hält. Sonst ist hier nichts Besonderes, keine Weg-Marken, keine Veränderung. Gegen Mittag endlich eine Abwechslung. Wir erreichen eine Schleuse.

Thomas unterhält sich mit dem Schleusenwärter und fragt nach Wasser. Der Mann im Häuschen ist uralt, hat vor einem halben Jahr seine Frau verloren und arbeitet jetzt für die Schleusen-Gesellschaft. Wir bekommen zwei Flaschen Wasser aus seinem Kühlschrank geschenkt. Köstlich. 🙂 Lange Pause unter Palmen. Wir versuchen, einen Ort für die nächste Impfung und einen großen Proviant-Einkauf zu finden. Anscheinend wird es die ganze nächste Woche auf unserem weiteren Weg nichts geben. Kurz nach der Haferflocken-Mittagspause verlassen wir endlich den Deich. Kommen an einer Ranch vorbei, wo Orangen-Bäume im Garten wachsen. Auf einem Feldweg steht eine Kühlbox, gefüllt mit mehreren Kanistern Wasser für Florida-Trail-Hiker. Wir bedienen uns und füllen zwei Liter zum Mitnehmen in unsere Flaschen.

Danach kommt eine Straßenkreuzung, sowohl die Markierungen als auch die App sagen dasselbe : 10 Kilometer entlang der Straße. Unfassbar – das darf doch wohl nicht wahr sein. 🙁 Wir haben keine Lust mehr und hangeln uns von Pause zu Pause. Ein Fahrzeug der Straßen-Reinigung fährt vorbei, während wir leicht genervt am Rande der Straße sitzen. Ein paar nette Worte vom Fahrer durch’s offene Fenster sollen uns motivieren. Wir laufen weiter, die Straßen-Reinigung kommt uns eine halbe Stunde später erneut entgegen und grüßt freundlich. Wir winken zurück. Nur ein paar Minuten später kommt der Wagen noch ein drittes Mal, der ist tatsächlich extra für uns noch einmal umgekehrt. Der Fahrer reicht uns zwei kalte Flaschen Wasser heraus und wünscht viel Spaß auf dem weiteren Weg. Spaß haben wir eher nicht, aber wir freuen uns doch sehr über diese nette Geste. Das Wasser wird sofort geleert. Und weiter geht es entlang der Straße. Durchbeißen ist angesagt. Kann ja nur besser werden. Nicht so viel Verkehr wie auf dem Highway, aber trotzdem liegen einige Kadaver in der Grosse. Ein platt gefahrenes und in der Sonne getrocknetes Gürteltier. Dann hat es noch ein Tier mit langem schwarzen Fell erwischt. Gar nicht mehr gut zu erkennen in diesem Zustand, aber es ist vielleicht mal ein Wildschwein gewesen. Ein weiterer Waschbär hat den Zusammenprall mit einem Auto nicht überlebt. 🙁 Die große Straße geht über in eine Sandpiste, schon besser. Und noch etwas zum Freuen : An einem Zaun hängt eine Metall-Box ( vielleicht eine ausgediente Mikrowelle ) mit einem Smiley-Gesicht drauf. Trail Magic für Florida-Trail-Hiker. Darin stehen einige Flaschen Wasser zum Mitnehmen, außerdem gibt es verschiedene Sorten Kekse. 🙂

Am Ende der Sandpiste kommt ein Wander-Parkplatz, wir öffnen ein Tor und sind plötzlich drin in der Natur. Juchhu ! Wir sind im Wald. Jetzt sehen wir endlich lebendige Tiere. Wilde Truthähne, Eichhörnchen und eine Schildkröte. Beeindruckende Bäume gibt es. Sehr grün, nur ein schmaler Pfad führt durch den Dschungel. Zahlreiche Rinder weiden hier, kleine Kälbchen springen zwischen den Kühen herum. Auf einer Wiese steht ein Geländewagen, wahrscheinlich der vom Bauern. Wir finden ein gut verstecktes Wasser-Depot für die Hiker, an dem wir unsere Flaschen noch einmal füllen können. Toll – danke schön an den edlen Spender. 🙂

Ein Zitronenbaum weckt unsere Aufmerksamkeit. Die Früchte sehen richtig gut aus, sonnengelb und reif. Wir pflücken eine dicke Zitrone und nehmen sie mit, um später Geschmack und Vitamin C an unser Wasser zu bringen. Ein Stück weiter steht ein Baum voller Mandarinen, die schmecken allerdings noch nicht. Und da liegen Orangen am Boden, auch die wachsen wild. Dann ist schon wieder Ende mit Wald, die Freude an der Natur hat genau eine halbe Stunde gedauert. Die Markierungen führen uns auf eine Straße. Grummelnd marschieren wir auf dem Asphalt, so schnell wie wir noch können, um diesen Mist hinter uns zu bringen. Der Bauer von der Kuhweide überholt uns, hält an und fragt, ob wir mitfahren möchten. Nein, danke, wir laufen gerne. 😉 Es sind nur noch etwa 4 Kilometer bis zum anvisierten Platz, das werden wir nun auch noch schaffen. Bald darauf weisen uns die Zeichen weg von der Straße und durch dichtes Gestrüpp auf einen schmalen Pfad. Es geht noch einmal in einen tollen Wald. Die Pflanzen sehen exotisch aus.

Ein Reh springt vor uns davon. Dann sehen wir ein Gürteltier, das sich aber sofort ängstlich aus dem Staub macht. Zwei Truthähne flattern aufgeregt in die Höhe, als wir uns nähern. Die Erde ist überall aufgewühlt von Wildschweinen. Da trappelt noch ein weiteres Gürteltier. Dieses ist nicht so scheu und läuft eine Weile parallel zu uns. Wir machen einen Kilometer Umweg zur Chandler East Campsite. Die ist reservierungspflichtig. Hat Thomas mittags bei der Schleuse gemacht, sich allerdings im Datum vertan. Er hat aus Versehen für morgen reserviert, weil wir eigentlich nie genau wissen, was für ein Tag ist. 😉 Soll uns jetzt egal sein, wir werden heute dort schlafen. Genug gelaufen, 34 Kilometer, Füße tun weh. Der Platz ist dunkel, völlig verwildert. Ranken winden sich an Tisch und Bänken hoch, kein Quadratmeter ohne Unkraut. Ein alter Briefkasten an einem Baum entpuppt sich als Box für weitere Trail Magic. Darin finden wir eine Dose Sprite, eine kleine Dose Pfirsiche, zwei Dosen Bohnen, etliche Müsli-Riegel, Erdnussbutter, Kaffee und Tee, Feuchte Tücher zur Reinigung. Ein Heftchen mit einer netten Geschichte zum Lesen, außerdem ein Journal, in dem wir einen Eintrag hinterlassen können. Das wird ein richtiges Festessen ! Unsere Tüte mit Nudel-Süppchen wird aufgepeppt durch die Bohnen, da sind sogar Stückchen von Wurst drin. Zum Nachtisch teilen wir uns die Pfirsiche und die Limo. Es scheint, als wären die Geschenke noch vom letzten Jahr. Es ist wohl lange Niemand auf diesem abgelegenen Campsite gewesen. Die Moskitos erwachen und ärgern uns eine Weile, aber doppelte Lage Kleidung und Gift-Spray halten sie etwas ab. Dafür sitzen wir nach ein paar Minuten voll mit Kletten. Beide haben wir Dutzende davon an uns kleben, sogar in den Haaren. Thomas muss sein T-Shirt und die kurze Hose draußen lassen. Ich pflücke einige Kletten von meiner Hose und vom Oberteil. Sogar an der Innenseite sind welche, wie kommen die dahin ? Gerade neue Socken angezogen, aber die sehen eigentlich so aus, als ob ich sie wegschmeißen möchte. Schwarz, piekig, voll mit Kletten. 🙁 Das Leben in der Wildnis ist hart. Zumindest der Teil vom Florida-Trail, den wir bisher gelaufen sind. Oder liegt es am Alter, dass wir so viel jammern ? 😉

Wir werden wach von lautem Geknatter ganz in der Nähe. Da fahren schon wieder „airboats“ durch das angrenzende Sumpfgebiet. Diese Dinger machen einen Höllenlärm. Es scheint, als ob man auf dem Florida-Trail immer in der Nähe von Krachmachern ist. Mit Ausnahme der ersten 3 Tage im Big Cypress Nationalpark waren wir bisher eigentlich immer umgeben von Autoverkehr, Eisenbahn oder airboats. Geräusche Tag und Nacht, irgendwie können die hier wohl nicht anders. 🙁 Zu Beginn des Tages haben wir eine schöne Passage vor uns, wir laufen wirklich auf einem Trail. Viele, viele Wildschweine haben den Waldboden total umgepflügt. Es folgt grüne Wiese mit Bäumen zu beiden Seiten, so richtig zum Genießen. Eine halbe Stunde später ist dieses kleine Naherholungsgebiet leider zu Ende. Weiter geht es auf Asphalt, einer nicht so stark befahrenen Nebenstraße. Ein Vogel sitzt auf dem knappen Grünstreifen und rührt sich nicht vom Fleck. Eine Nordamerikanische Rohrdommel, ein Zugvogel, der im Süden der USA überwintert. Sieht aus wie ein Jungtier. Entweder kann der noch nicht fliegen, oder er hat einen kleinen Schlag abbekommen und ist noch etwas benommen. Schon von Weitem sehen wir, dass uns ein Radfahrer entgegen kommt. Das ist wirklich außergewöhnlich in den USA. Wir lernen Lee kennen, der hier jeden Morgen seine Runde mit dem Fahrrad dreht. Er hat einen großen Sack dabei und sammelt die Dosen ein, die von den Autofahrern achtlos aus dem Fenster geschmissen werden. Es hält ihn fit, der Müll am Straßenrand wird weniger, ganz nebenbei bekommt er noch etwas Geld für den Materialwert. Tolle Aktion. 🙂 Abzweiger zum Highway, viel Verkehr und laut, aber dies ist tatsächlich der Florida-Trail. Und der einzige Weg zum Country Store, wo wir ein warmes Frühstück bekommen und für die nächsten 3-4 Tage einkaufen können. Dort treffen wir ein junges Paar, echte Hiker mit viel Erfahrung. Die Beiden stammen aus Florida und sind jetzt hier unterwegs, um „die Zeit totzuschlagen“. Demnächst starten sie auf den PCT. Interessanter Austausch von Tipps und Erfahrungen, Essen und Trinken. Freundliche Ladenbesitzer, die unsere Flaschen mit eiskaltem Wasser auffüllen und unsere Elektro-Geräte laden. 🙂 Eigentlich möchten wir ewig am Picknick-Tisch im Schatten auf der Veranda des Country Store sitzen bleiben. Viel zu schnell sind zwei Stunden vergangen, wir müssen uns bewegen. Die Florida-Sonne scheint gnadenlos, die Kaltfront ist anscheinend vorbei. Drei weitere Kilometer entlang der Hauptstraße. Da liegt ein platt gefahrenes Gürteltier. Außerdem mussten zwei Wildschweine ihr Leben im Straßenverkehr beenden. Am Nachmittag erreichen wir einen Wander-Parkplatz. Ein Gatter mit schmalem Durchgang verheißt Gutes, denn da passen keine motorisierten Fahrzeuge durch. Tatsächlich führt eine schmale Spur ins Grüne. Bäume und Wiesen, sogar etwas Sumpfgebiet. Eichhörnchen, Bären-Kot und von Wildschweinen durchgeackerte Erde. Geschafft – zurück in der Natur, sowas kann man „Trail“ nennen. Eine Weg-Gabelung stellt uns vor die Wahl, ob wir die Original-Route oder die Hochwasser-Route gehen. Wir nehmen die erste Variante, denn es hat in den letzten beiden Wochen kaum geregnet. Ein paar Bretterstege führen über den schlimmsten Matsch, danach kann man trockenen Fußes durch den Wald stapfen. Wir laufen durch einen grünen Korridor, manchmal bilden überhängende Äste einen Tunnel. Der Baumbestand ist einzigartig, es gibt riesige Bäume, die wir noch nie zuvor gesehen haben. Manchmal sind sie umrankt von Kletterpflanzen, dann wieder mit Pilzen bewachsen, oder aus einem kaputten Baum sprießt es munter weiter, weil ein neuer Baum das Terrain erobert. Luftwurzeln wachsen in alle Richtungen, verknoten sich oder hängen hinunter bis auf den Trail. Eine Ebene tiefer stehen Fächerpalmen dicht an dicht. Ganz unten in Bodennähe wachsen Farne, Unkraut, Dornengestrüpp. Es erinnert ein bisschen an die Urwälder in Neuseeland.

Dabei sind wir ganz nahe an der Zivilisation. Ein verlorenes Nokia-Handy auf dem Weg, wir sind nicht weit entfernt von der Straße. Brauchen wir nicht, lassen es auf einem Pfahl liegen. Wir laufen eine geschlagene Stunde an einem Stacheldraht-Zaun entlang. Der gehört zu einem ausgedehnten Anwesen, drei glückliche Pferde stehen auf einer Koppel. Weiter hinten grasen ein Dutzend dummer Kühe, die panikartig wegrennen, als wir uns nähern. Unsere Erfahrung : Kühe sind ungefähr so schlau wie Hühner. 😉 Kletten wachsen am Rand, die sind mannshoch und lästig. Einfach nur im Vorbeigehen hat man sich gleich wieder einige eingefangen. Hinter dieser Ranch führt ein schmaler Pfad zurück in den Dschungel. Das Licht schwindet schon, es sieht direkt ein bisschen unheimlich aus. Ein eklig aussehender Bach versperrt uns den Weg, da fließt gar nichts mehr. Der ist zu breit, um ihn einfach zu überspringen, aber es liegen ein paar dicke Äste darin. Mit Balancieren kommen wir auf die andere Seite, ohne in die braune Brühe zu treten. Dann stehen wir erneut vor einem Stacheldraht-Zaun und haben ganz kurz den Gedanken, ob wir vielleicht schon einmal hier waren, also im Kreis gelaufen sind. Nein, es ist zwar derselbe Zaun, auch die Verbots-Schilder sind gleich, aber wir sind richtig. Das Weideland zur Ranch ist einfach riesig – in Amerika gelten andere Dimensionen. Der Himmel ist bedeckt, es wird früh dunkel. Die Markierungen an den Bäumen sind kaum noch zu erkennen. Noch einmal führen Holzbretter über eine besonders schlammige Passage. Füße sind immer noch trocken. Gerade rechtzeitig finden wir den Bach, aus dem wir unser Wasser entnehmen möchten. Etwas über einen Meter breit, das schaffen wir mit einem beherzten Sprung ohne nasse Füße. Drei Liter nehmen wir mit, heute wird nicht mehr gekocht. Die letzten Meter laufen wir mit Stirnlampe. Das Zelt wird im Dunkeln aufgebaut, Zähneputzen und hinein. Wir sind inzwischen wegen der Moskito-Plage sehr routiniert im „Schnell-Fertig-Werden“.

Unzählige Tier-Geräusche während der Nacht. Keine Autos zu hören, kein Zug tutet laut, kein airboat knattert. Wir haben es anscheinend wirklich geschafft. Unsere Karte zeigt für die nächsten drei Tage Niemandsland, beinahe unbewohntes Gebiet ohne Straßen. Das wäre ja zu schön, um wahr zu sein. So gefällt uns der Florida-Trail. 🙂 Wir werden geweckt von glockenhellem Vogelgezwitscher. So schön, so melodisch, dass wir gerne um 6.00 Uhr früh aufstehen. Nachts hat es ganz leicht geregnet, aber das Zelt ist schon wieder trocken. Wunderbarer Waldboden, eine Wohltat für die Füße. Dauert nicht lange, dann laufen wir wieder entlang eines Stacheldraht-Zaunes. Zwei schwarze Kühe stehen auf der Weide und glotzen uns an. Ein weißer Ibis sitzt bei der einen Kuh im Nacken. „Black and White“ – ein witziger Anblick, leider hält er nicht lange genug für ein Foto. Links von uns liegt der Kissimmee River, an dieser Stelle breit und naturbelassen. Ein ausgewachsener Alligator lässt sich im Wasser treiben. Der sieht auf diese Entfernung aus wie ein Baumstamm. Es ist ziemlich sumpfig um uns herum. Die besonders nassen Passagen sind mit Brettern ausgelegt, so dass die Wanderschuhe trocken bleiben. Etwas später stolpern wir fast über eine dicke Schildkröte, die am Wegesrand liegt, ungefähr Schuhgröße 47. Sie hat sich ganz zurückgezogen, der Kopf ist nicht zu sehen. Vielleicht schläft sie noch.

Soweit Wald und Natur und toller Trail. Viel zu schnell vorbei, es folgt Straße, dann ein Schotterweg. An einem Wander-Parkplatz gibt es überdachte Picknick-Tische. Wir sind schon zwei Stunden unterwegs, 8 Kilometer vom Schlafplatz entfernt. Ein verstecktes Wasser-Depot finden wir, so dass sich eine Frühstückspause mit Kochen anbietet. Gut ausgeruht und gesättigt geht es zurück auf den Trail. Heute haben wir richtig Glück, denn wir sehen deutlich mehr lebendige Tiere in freier Wildbahn als sonst. Vollbremsung, weil sich eine Schlange auf unserem Weg ausgebreitet hat. Senf-farben mit dunkelbraunen Streifen, ca. 1,50 Meter lang, hübsch und schlank. Zunächst liegt sie lang ausgestreckt in Ruheposition. Die Schlange krümmt ihren Leib in Wellenlinien, während wir dort stehen, beratschlagen und fotografieren. Keine Ahnung, was das bedeutet. Wir machen einen großen Bogen und drücken uns am äußeren Rand daran vorbei.

Kletten wachsen so hoch, dass sie bis über unseren Kopf reichen. Die Schlange rührt sich nicht, dafür sitzen wir beide wieder voller Kletten und müssen uns gegenseitig absuchen. Die Kletten soll man sammeln und in extra aufgestellte Dosen entsorgen, um die weitere Ausbreitung einzudämmen. Zahlreiche Haufen von Schwarzbären begleiten diesen Tag. Einer ist noch sehr frisch, der Verursacher kann noch nicht weit weg sein. Katzen-ähnliches Tier mit buschigen Schwanz, dunkles Fell, schleicht rechts von uns durch’s Unterholz. Es könnte ein Bobcat, also ein Luchs, gewesen sein. Die sind so scheu, dass sie sich nicht lange beobachten lassen. Wir entdecken zwei Waschbären links im Gebüsch, vielleicht eine Mutter mit Jungtier. Der kleinere Waschbär sitzt nur einen Meter neben uns unter einem Strauch und braucht eine Weile, bis er in die Richtung des größeren verschwindet. Nur wenig später sehe ich einen grauen Vierbeiner, der den Trail von links nach rechts quert. Ein Wildschwein ? Richtig abwechslungsreich ist das heute ! 🙂 Am Nachmittag machen wir einen Abstecher zum Kissimmee River, um dort Wasser zu holen. Man sieht den Fluss mit all seinen Windungen am Ende des Pfades ganz ruhig liegen, sehr idyllisch. Kein Sumpf an seinem Ufer, sondern heller Sand. Dabei könnte man auf den Gedanken kommen, ein erfrischendes Bad zu nehmen. Das vergeht uns aber ganz schnell, denn ein Stück weiter liegt ein riesiger Alligator am Sandstrand. Er ruht in der Sonne und lässt sich gemächlich ins Wasser gleiten, als wir um die Ecke kommen. Meine Güte – was für ein Kawentsmann ! Uns ist die Lust auf’s Schwimmen vergangen. Wasser brauchen wir trotzdem noch. Thomas schöpft mit seiner Tasse ganz nahe am Ufer die Flaschen voll, während ich die nähere Umgebung genau beobachte. Ganz schöner Nervenkitzel, nur um etwas zu trinken zu haben. 😉 Gegen 15.30 Uhr stehen wir vor dem Eingang zum „Kissimmee Prairie Preserve State Park“. Dort lesen wir zunächst einmal auf einem großen Schild die Regeln und Pflichten. Man darf den Weg nicht verlassen, nur auf ausgewiesenen Plätzen zelten, sollte eigentlich vorher reservieren, Telefonnummer der Ranger etc. Reserviert haben wir nicht, unsere 11,- US$ Gebühr werden wir morgen im Vorbeigehen im Ranger-Office bezahlen. Unser auserwählter Campingplatz mit Wasser und Picknick-Tisch ist noch 10 Kilometer entfernt. Uff – dann mal ran. Der State Park ist zunächst sehr enttäuschend. Wir stolpern 8 Kilometer lang über Stoppelwiese mit tiefen Spurrillen, anstatt auf einem Trail durch den Wald zu wandern. Die Autos der Ranger fahren anscheinend mehrmals täglich durch den Matsch und haben jede Wegspur mit ihren Rädern zerstört. Rechts von uns liegt ein toller Wald, aber da kommen wir gar nicht hin, sondern müssen außen herum auf dieser kaputten Piste laufen. Das ist echt anstrengend, denn man muss sich sehr konzentrieren, um nicht in den Löchern umzuknicken. Richtig doof, das brauchen wir nicht zum Ende eines langen Tages. 🙁 Die letzten zwei Kilometer dürfen wir dann endlich abbiegen, der Florida-Trail geht auf einem schmalen Pfad zwischen den Bäumen weiter. Nun wird es doch noch schön und spannend. Ich laufe voraus und werde plötzlich aus einem Gebüsch heraus von einer Raubkatze böse angefaucht. Erschrecken auf beiden Seiten. Es knackt und raschelt in den Büschen, blitzschnell ist das Tier umgedreht und verschwunden. Hellbraunes Fell, wahrscheinlich ein Luchs. Da haben wir dann ja heute fast alles live gesehen, was es in Florida an Wildtieren gibt. Den letzten Kilometer schleppen wir uns auf einem Sandweg dahin, wir haben schon wieder 32 Kilometer unter den Füßen. Wir staunen über Spuren von unheimlich großen Vögeln im Sand. Die Abdrücke der Krallen sind mehr als 10 Zentimeter lang, der Abstand zwischen den äußeren Krallen fast ebenso. Außerdem sehen wir die Pfoten-Abdrücke von Waschbären, kleinen Raubkatzen und Spuren von Schwarzbären. Eigentlich das volle Programm, nur leider lassen sich die Tiere nicht blicken. Auf unserem Zeltplatz schrecken wir eine Vogel-Familie auf, die sich wohl unter dem Baum neben dem Picknick-Tisch eingerichtet hatte. Lautes Gegacker und Geschimpfe, dann sucht die Rebhuhn-Mutter mit ihren Küken einen anderen Ort für die Nacht. Während des Abendessens hören wir ganz seltsame Geräusche, die wir zunächst nicht zuordnen können. Was für ein Tier ist das ? Wer schreit denn so ?  Es kommt von oben, und nach einiger Zeit intensiven Suchens entdecken wir eine dicke Eule in den Bäumen. Auch im Zelt hören wir während der Nacht diese unheimlichen Schreie und sind froh, dass sie „nur“ von einer Eule stammen.

Es liegen weitere 15 Kilometer im State Park vor uns. Ein junger Weißwedel-Hirsch bricht durch’s Unterholz und versteckt sich vor uns, gerade als wir unser Nachtlager verlassen. Links und rechts freies Feld mit niedrigen Grünpflanzen, darüber blauer Himmel und gleißende Sonne. Das ist die Prärie, soweit man blicken kann. Ein kleiner Tümpel am Rand entpuppt sich als Alligator-Kindergarten. Vier kleine Alligatoren drücken sich an den Rand, als ob sie sich verstecken möchten. Wir finden einen seltsamen toten Fisch neben einem Wassergraben. Ziemlich groß, silbern glänzend, aber das Erstaunliche daran ist sein Gebiss. Es ist ganz typisch für einen Raubfisch, zwei Reihen spitzer Zähnchen wie bei einem Piranha oder Barracuda. Wir fragen uns, wie der wohl hier auf den Trail kommt. Der ist doch wahrscheinlich nicht in diesem Kanal heimisch, sondern eher von einem großen Vogel im Flug verloren worden. Später recherchieren wir, dass es ein „Gemeiner Knochenhecht“ war. Google Lens weiß alles. 😉

Ein komisches Fahrzeug kommt uns entgegen. Ein erhöhter Geländewagen, auf dem etwa ein Dutzend Safari-Gäste thronen. Die schauen sich die Prärie auf ganz bequeme Art an. Wahrscheinlich haben sie sogar Fotos von uns exotischen Wanderern gemacht. 😉 Ein Paar zu Pferde macht einen Ausritt durch den State Park. Das macht bestimmt viel Spaß, aber auch die Hufe zerstören den Wanderweg. Im Büro der Ranger entrichten wir unsere Gebühr für den Zeltplatz, obwohl man genauso gut hätte vorbeilaufen können. Sehr nettes Personal, interessante Fotos und Ausstellungs-Stücke im Inneren. Man bietet uns alles Mögliche an : Sonnencreme, Pflaster, Desinfektion, Seife, Getränkepulver. Alles Dinge, die Wanderer in dieser Prärie benötigen könnten, aber vielleicht nicht eingepackt haben. Wir brauchen nichts, aber wir fragen nach einer Dusche. Kein Problem, wir dürfen auf dem angrenzenden Camping-Gelände kostenlos duschen. Da stehen sonst nur die fahrenden Appartements, größer als unsere Wohnung auf Norderney. Unfassbar viel Geld …. Wir sind in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wir lernen „Rocksteady“ kennen, einen jungen Mann Anfang 20, der vor einer Woche in Orlando gestartet ist und einen Teil von Nord nach Süd läuft. Durch unser Gequatsche verlängert sich die Pause nochmal um eine halbe Stunde. Erst um 14.00 Uhr schaffen wir den Abgang. Der Mittelteil des State Park war ganz schön, aber wir hatten eigentlich mehr erwartet. Von der Ranger Station aus führt der Florida-Trail wieder über eine zerfurchte Straße. Gleich zu Anfang müssen wir durch knietiefes Wasser, die Schuhe und Strümpfe sind sofort nass. Es folgen einige matschige Passagen. Einmal rutsche ich aus und falle vornüber auf die Knie in den Matsch. Macht nichts, die Waschmaschine ist nicht mehr weit. In einer Fahrbahn-Senke steht eine tiefe Pfütze. Ich überlege, ob ich lieber links oder rechts dran vorbei soll, aber die Frage hat sich ganz schnell erledigt. Thomas stoppt mich und ruft „Anhalten“. Jetzt sehe ich es auch :  Da liegt ein ausgewachsener Alligator am Rande des Schlammlochs. Wir schleichen uns auf der anderen Seite vorbei. Danach kommt Stacheldraht-Zaun, an dem wir uns viele Kilometer entlang hangeln. Immer der prallen Sonne ausgesetzt, immer geradeaus, ähnlich wie auf dem Deich.

Der Weg ist völlig zerwühlt, hier waren wieder Horden von Wildschweinen am Werk. Mannshohes Unkraut, Löcher im Boden. Ein Knurren aus dem Busch lässt mich kurz stehenbleiben. Keine Ahnung, was das nun wieder gewesen ist. Überhaupt scheinen wir gerade ein bisschen vom Trail abgekommen zu sein. Keine Markierungen, keine Spur zu erkennen, alles zugewachsen oder von den Wildschweinen zerfurcht. Ein kurzer Blick ins Handy, schnell finden wir zurück und stolpern weiter. Der Nachmittag bleibt anstrengend und zäh. Auf einer Wiese voraus stehen drei Weißwedel-Hirsche. Weibliche Tiere, also Hirschkühe, die weißen Hinterteile fallen schon von Weitem auf. Heute sind wir 25 Kilometer nur durch den State Park gelaufen, wovon nur die ersten 10 Kilometer lohnenswert waren. Danach wurde der Weg schon wieder doof. 🙁 Noch 5 Kilometer weiter bis zu unserem Abendziel, die Füße werden schwerer. Bei Anbruch der Dunkelheit erreichen wir „Town of Kicco“, einen Tummelplatz für Camper aller Art. Hier sind wir natürlich nicht alleine, sondern hören die ganze Nacht das laute Motoren-Geräusch der Generatoren. Luxus-Wohnmobile kommen eben nicht ohne Strom aus.

Wecker für 6.00 Uhr gestellt, aber wir sind schon vorher bereit. Die Stadt lockt. Wir wollen sehen, dass wir per Anhalter nach Lake Wales kommen. Fest entschlossen stapfen wir los. Einsamer Schotterweg, meistens von Bäumen flankiert, auf jeden Fall gut für schnelle Meilen. Wir kommen an einem Schlafbaum der Adler vorbei. Ungefähr 20 dieser großen Vögel sitzen in einem breit verzweigten Baum. Offenbar noch in Ruheposition, denn sie fliegen nicht einmal auf. Links von uns ist aufgeregtes Hundegebell zu hören. Das muss eine ganze Meute sein. Wir tippen auf Jäger, denn in diesem Teil Floridas ist gerade Jagdsaison. Eine knappe Stunde später wird tatsächlich hinter uns geballert. Wir hören etwa ein Dutzend Schüsse und hoffen, dass man uns nicht für ein Reh oder einen Truthahn hält. Gestern Abend haben wir auf dem Weg zu unserem Lagerplatz ein lustiges Schild gesehen : Ein Jagd-Revier, das extra für behinderte Jäger reserviert ist. Das bestätigt uns mal wieder in unserer Meinung, dass in Amerika einfach ALLES möglich ist. Ein bisschen verrückt sind die hier, mit oder ohne Trump. 😉

Pause um 9.30 Uhr. Bis dahin haben wir schon 15 Kilometer geschafft. Strammer Marsch. Noch weitere 7 Kilometer, dann erreichen wir die Interstate 60. Wir haben alles dafür gegeben, um frühzeitig in der Stadt zu sein, aber die Rechnung geht nicht auf, weil wir vom Wohlwollen der Anderen abhängig sind. Wir stehen uns die Beine in den Bauch. Tausende von Autos fahren vorbei, immer Marke schick und teuer. Drei Stunden stehen wir an der Interstate und haben das Gefühl, dass wir gar nicht gesehen werden. Es geht leider nicht anders, denn es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr in den USA. Schließlich hält ein Argentinier aus Buenos Aires, der seit 10 Jahren hier lebt und arbeitet. Er bringt uns zum Walmart, wo es das obligatorische Brat-Hähnchen und einen XXL-Karton Orangensaft gibt. Zum Motel sind es weitere 4 Kilometer. Auf dem Weg holen wir uns in der CVS-Apotheke die zweite Impfung ab. An einem Sonntag, ohne Termin, ohne großes Gelaber, ohne Ausweis, ganz unkompliziert. 🙂 Thomas hat seine Lesebrille geschrottet. Es ist schon die zweite auf dem Trail, aber hier im Ort gibt es sofort Ersatz. Check-Inn beim Budget Inn gegen 18.00 Uhr, etwas später als erwünscht. Waschmaschine gibt es nur für große Ladung, wir waschen unsere paar Teile von Hand und hängen Wäscheleinen quer durch’s Zimmer auf. Insgesamt ist es ganz okay, das  Zimmer ist sauber. Morgen haben wir frei ! 🙂

4 Kommentare zu “Clewiston bis Lake Wales / SR60

  1. Rainer

    Sehr informativ! Noch fehlt eine entsprechende Karte an der man den Trail nachvollziehen koennte. Ansonsten gehabt Euch wohl und lasst euch nicht vom Alligator anknappern. Herzliche Gruesse von NZ. Die “ meerbaeren“

  2. Steinfisch

    Erneut ein sehr nachvollziehbarer, interessanter Beitrag! Danke!
    In der warmen Stube, vor dem Computer, in Sicherheit vor Alligatoren und sonstigen wilden Tieren, verfolge ich staunend euren Weg. Manchmal beneide ich euch, so herrliche Naturerlebnisse zu haben. (Ich gönne sie euch von ganzem Herzen!) 😀
    Aber laufen möchte ich diese komplizierte Tour nicht.
    Weiterhin viel Glück und alles Gute wünscht euch eure Ingrid

    1. 871385 Autor des Beitrags

      Ach, das ist ja nett. Schön, von dir zu hören. Wir hoffen, bei dir ist auch alles im grünen Bereich.
      Thomas meldet sich demnächst mal per WhatsApp.
      Herzliche Grüße aus Florida,
      Frauke

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